LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Marleys Geist - Teil 3

Es war dasselbe Gesicht, ganz genau dasselbe! Marley mit seinem Zopf, der Weste, der Hose und den Stiefeln, die er gewöhnlich trug. Nur sein Leib war durchsichtig, sodass Scrooge lediglich die zwei Knöpfe an der Hinterseite des Rockes erkennen konnte.

Früher hatte Scrooge oft gehört, Marley besäße kein Herz. Er hatte es nie geglaubt, doch nun konnte er sich selbst davon überzeugen. Aber eigentlich glaubte er es immer noch nicht. Obwohl er durch den Geist hindurchblicken konnte, der Schauer den der Anblick der kalten, toten Augen in ihm auslöste, ihn frösteln ließ, und er das Tuch erkannte, das um Haupt und Kinn geschlungen war, und das er früher nicht bemerkt hatte, misstraute er dem Anblick immer noch.

Scrooge fragte kühl und bissig: "Was wollt Ihr!"

"Viel!"

Das war Marleys Stimme, zweifelsfrei.

"Wer seid Ihr?"

"Fragt mich, wer ich war."

"Nun denn, wer wart Ihr?", fragte Scrooge mit scharfer Stimme.

"Im richtigen Leben war ich euer Partner, Jacob Marley."

"Könnt Ihr Euch setzen?", fragte Scrooge verunsichert.

"Ja."

"Dann tue es."

Scrooge stellte diese Frage nur, weil er sich nicht sicher, war, ob ein Geist überhaupt in der Lage war, sich auf einem so gewöhnlichen Gegenstand wie einem Stuhl niederzulassen. Doch der Geist setzte sich auf die andere Seite des Kamins, als hätte er nie etwas anderes getan.

"Du glaubst nicht an mich?" fragte der Geist.

"Nein", antwortete Scrooge.

"Weshalb traust du deinen Sinnen nicht?"

Scrooge zögerte einen Moment: "Weil …, weil sie durch eine Winzigkeit beeinträchtigt sein können. Eine Magenverstimmung kann schon bewirken, dass sie mich täuschen. Vielleicht bist du ein kleines Stück Rindfleisch, ein Käserindchen oder ein Stückchen schlecht gekochte Kartoffel. Vermutlich ist für deine Erscheinung eher verdorbene Brühe verantwortlich als schnöder Friedhofsumtrieb."

Scrooge war nicht spaßhaft zumute und die gespenstische Erscheinung nebst dessen Stimme ging ihm durch und durch. Trotzdem versuchte er, geistreich zu wirken, und nicht ohnmächtig zusammenzusinken. Auch wenn er sich dazu am Stuhl stützen musste. Doch als das Gespenst sein Tuch vom Kopf wickelte und sein Unterkiefer auf die Brust hinabklappte, war Scrooges Entsetzen unbeschreiblich.

"Gnade", rief er, "warum nur kommst du zu mir."

"Ein jeder Mensch muss während seines Lebens Gutes tun. Bleibt seine Seele während seiner Lebenszeit still, so trifft ihn ein Fluch und er muss nach seinem Tode die versäumten mildtätigen Taten vollbringen. Dann ist seine arme Seele dazu verdammt, durch die Welt zu irren - wie es mir nun bestimmt ist. Und das, obwohl es mir durchaus möglich gewesen wäre, auf Erden mein Glück im Vollbringen von guten Taten zu finden!"

Der Geist schepperte grauenerregend mit seiner Kette. "Du bist gefesselt?", fragte Scrooge mit bebender Stimme.

"Es ist die Kette, die ich mir im Leben schmiedete", antwortete der Geist. "Glied für Glied habe ich sie geschaffen und aus freiem Willen trug ich sie. Ist dir das so fremd?"

Scrooge zitterte nun am ganzen Leib, während der Geist weiterredete: "Oder willst du gar Gewicht und Länge deiner Fessel selbst erfahren? Vor sieben Jahren war sie so lang und schwer wie diese hier", ereiferte sich der Geist und schepperte mit erhobener Hand mit seiner Kette. "Und denke daran, seitdem hast du fleißig daran gearbeitet. Eine gewichtige Kette ist daraus geworden"

Scrooge blickte erschrocken zu Boden, konnte aber glücklicherweise keine Kette erkennen. "Gib mir einen Rat, Jacob Marley", rief Scrooge der Verzweiflung nahe.

"Ich habe keinen Trost für dich, Ebenezer Scrooge", erwiderte der Geist, "außerdem ist es mir nicht gestattet, zu sagen, was ich möchte. Ich darf nicht ausruhen, nirgends bleiben. Früher, als ich noch lebte, kam mein Geist nie über unser Büro hinaus. Deshalb muss ich nun wandern, lange mühevolle Wege hinter mich bringen."

Wie immer, wenn Scrooge in tiefe Gedanken versunken war, schob er die Hände in seine Hosentasche. Er ging auf und ab, während er grübelte. "Da warst du aber ziemlich langsam, Jacob", brummte er in geschäftsmäßiger Manier.

"Langsam?", empörte sich der Geist.

"Ja. Du bist sieben Jahre tot und während der ganzen Zeit gereist. Darf man fragen, wie du gereist bist?"

"Auf den Schwingen des Windes", antwortete der Geist.

"Dann müsstest du weit herumgekommen sein", sagte Scrooge.

"Oh du Blinder", rief die Spukgestalt, "es Bedarf der Jahrhunderte, ja - einer Ewigkeit, die angefüllt ist mit beharrlicher Mühe unsterblicher Geschöpfe, bevor sich das Gute, dessen diese Erde fähig ist, verwirklichen mag. Dass du nicht erkennst, dass jeder Christ, egal wie klein sein demütiges Wirken auch sein mag, unendlich Nutzvolles in der Welt vollbringt, sodass seine Lebenszeit viel zu kurz scheint für diese dienliche Tat. Aber auch ich war so, genau so."

"Jacob, du warst doch immer ein guter Geschäftsmann", murmelte Scrooge.

"Pah, Geschäftsmann?!", regte sich das Gespenst auf. "Den Menschen hätte ich dienen sollen. Wohltätig hätte ich sein sollen. Ich hätte mich Dingen wie der Liebe, Barmherzigkeit, Nachsicht und Wohlwollen annehmen sollen. Mein Beruf war nur der kleinste Teil dessen, was ich hätte bewirken sollen!"

Scrooge zitterte inzwischen am ganzen Leib, so ungeheuerlich fand er die Worte des Geistes.

Der Geist rief: "Höre mir zu! Ich habe nicht mehr viel Zeit."

"Ja, doch sei nicht zu streng mit mir. Rede geradeheraus mit mir, Jacob."

"Ich darf dir nicht sagen, weshalb ich dir in dieser Gestalt erscheinen darf. Unsichtbar verweilte ich bereits mehrmals in deiner Gesellschaft. Heute Nacht bin ich hier, um dich zu warnen. Dies ist ein kleiner Teil meiner Buße. Du kannst noch hoffen, meinem Schicksal auszuweichen - eine Möglichkeit, die ich dir geschaffen habe, Ebenezer."

"Stets bist du mir ein guter Freund gewesen", sagte Scrooge. "Ich danke dir."

"Drei Geister werden dir erscheinen", sprach das Gespenst weiter.

Scrooges Gesicht zog sich ebenso in die Länge, wie das der Erscheinung.

"Das soll der Hoffnungsschimmer sein, von dem du sprachst, Jacob?", fragte Scrooge mit holpriger Stimme.

"Nun ja."

"Dann würde ich lieber verzichten", sagte Scrooge.

"Ohne den Besuch der Geister wird es für dich keine Hoffnung mehr geben. Du willst doch den Pfad vermeiden, dem ich zu folgen gezwungen bin, oder? Also, mache dich für den ersten Geist bereit, morgen auf den Glockenschlag um eins."

"Oh, Jacob, könnte ich nicht alle drei zusammen erwarten. Dann wäre die Sache erledigt?", fragte Scrooge.

"Der zweite Geist wird in der folgenden Nacht um dieselbe Stunde erscheinen. Der Dritte wird dir übermorgen erscheinen, wenn der letzte Glockenschlag um Mitternacht verklungen ist. Mich solltest du nicht mehr wiedersehen und ich rate dir, vergiss nicht, was zwischen uns vorgefallen ist."

Mit diesen Worten wich das Spukgespenst vor Scrooge zurück. Es nahm sein Tuch und band es wieder um, und mit jedem Schritt, den es machte, schob sich das Schiebefenster ein wenig mehr zurück, bis es ganz geöffnet war. Das Gespenst wartete kurz, lauschte und schwebte in die dunkle Nacht hinaus.

Neugierig trat Scrooge ans Fenster und blickte verzweifelt hinaus. Er schloss das Fenster und untersuchte die Tür, durch die das Gespenst eingetreten war. Sie war doppelt verschlossen und das Schloss war unbeschädigt. "Unsinn", wollte er sagen, doch es kam kein Laut über seine schlaftrunkenen Lippen. Und weil er so müde war - ob von der mühevollen Arbeit oder seines Einblicks in die unsichtbare Welt oder wegen der düsteren Unterhaltung mit dem Geist oder wegen der fortgeschrittenen Stunde - ging er, ohne sich auszukleiden, umgehend ins Bett und schlief ruckzuck ein.





Der Klassiker EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE von Charles Dickens (1812-1870) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von John Leech (1817-1864) erstellt.

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