LABBÉ Verlag
Zzzebra - Das Web-Magazin für Kinder

Michael Green und der Urvogel des Professors

Wenn ich mit Hanna-Zebra von der Schule nach Hause gehe, kommen wir immer an dem großen Museum vorbei. Und vor ein paar Tagen, gerade, als wir am Museum waren, trat ein alter Mann aus dem Gebäude heraus, winkte mit seinem riesigen Schlapphut und grüßte uns: "Guten Morgen, Hanna-Zebra! Guten Morgen, Junge!" Er sah mit leuchtenden Augen auf Merlo, der auf meiner Schulter saß. "Na, was haben wir denn da? Guten Morgen, Amsel!" "Er heißt Merlo", sagte ich, "und er ist zahm." "Ja", lachte der Mann und nickte, sonst wäre er wohl schon nicht mehr hier, nicht wahr?" Dann schwenkte er noch mal seinen großen Hut, sagte: "Auf Wiedersehen, ihr drei!", und ging weiter. Er war schon ein ganzes Stück weg, als er sich noch einmal umdrehte und rief: "Grüß' deinen Großvater von mir, Hanna-Zebra! Und wenn ihr mal was über Melos Familie erfahren wollt, kommt mich doch mal besuchen!"

Hanna-Zebra und ich sahen uns an. Sie zuckte fragend mit den Schultern. "Er ist so ein Professor", sagte sie. "Ich glaube, er arbeitet hier im Museum, irgendwas über Vögel und Urzeit. Mein Großvater kennt ihn." "Gute Güte, Hanna-Zebra! Du kennst einen Professor und sagst mir nichts davon? Und was meint er wohl mit 'Merlos Familie'? Wir müssen ihn unbedingt besuchen, am besten gleich heute Nachmittag!" Ich war so aufgeregt! Einen Professor, einen Lehrer, einen alten Weisen würde ich kennen lernen! Und dann auch noch einen, der sich mit Vögeln auskennt - was war ich gespannt!

Am Nachmittag haben wir uns auch gleich auf den Weg zum Professor gemacht. Nicht ins Museum, denn da arbeitet er nur noch dann, wenn ihn die Lust dazu packt. Er ist nämlich schon pensioniert, also im Ruhestand. Hanna-Zebra hat ihren Großvater gefragt, wo der Professor wohnt, und da sind wir dann hingegangen. Amselweg! "Hier sind wir richtig, Merlo, hier hast du sogar eine Privatstraße!" Hanna-Zebra lachte. "Eine gute Adresse, wenn man einen Vogel hat!"

Das Haus des Professors hätten wir fast übersehen. Es war über und über mit wildem Wein und Efeu bewachsen. Wie ein großer, grüner Felsen stand es in einem Garten, nein, eher in einem wilden Urwald! Tausende von Blumen blühten auf der Wiese, und mindestens ebenso viele Schmetterlinge, Bienen, Hummeln und andere Insekten schwirrten darüber. In den Bäumen hörte man Vögel zwitschern, nicht einen, sondern ganze Horden - es war ein Riesenspektakel. Am Tor hing eine große Glocke, und Hanna-Zebra zog einmal feste an der Kordel. "Kling-Klong", tönte es laut, ein Schwarm Vögel erhob sich aus dem Kirschbaum, und hinter dem Haus rief die Stimme des Professors: "Es ist offen!" Hanna-Zebra und ich sahen uns an. "Geh du vor, Michael Green", sagte sie, und ich schob das knarrende Holztor zur Seite.

Der Professor arbeitete im Garten auf der Südseite des Hauses an einer kleinen Mauer aus groben, gelbweißen Steinen. "Ah, da seid ihr ja schon!", rief er, als wir ihn begrüßten. "Ich bin gerade mit meiner neuen Trockenmauer fertig." Stolz betrachtete er sein Werk. "Seht sie euch mal genau an. In fast jedem Stein werdet ihr Versteinerungen finden. In solchem Plattenkalk wurde nämlich auch einer der ältesten Verwandten von Merlo entdeckt. Wartet, ich zeig ihn euch!" Er verschwand im Haus und brachte etwas heraus, was in eine Decke gewickelt war. Vorsichtig legte er das Bündel auf den Gartentisch und schlug die Decke zurück. Es war eine große, helle Steinplatte mit dem versteinerten Skelett eines Vogels!

"Das", sagte der Professor, "ist der berühmte Urvogel, der Archaeopteryx. Er lebte zu Zeiten der Dinosaurier und Flugsaurier im Erdmittelalter. Er ist rund 150 Millionen Jahre alt!" "Nicht schlecht", meinte Hanna-Zebra, "dafür hat er sich ganz gut gehalten - ist er echt?" "Nun ja", der Professor räusperte sich, "es ist zwar nur eine Reproduktion, also eine Nachbildung, aber der ursprüngliche Archaeopteryx sieht wirklich genau so aus. Und man hat bis heute nur sieben echte Versteinerungen von Urvögeln entdeckt. Alle in Süddeutschland, in der Gegend von Solnhofen und Eichstätt. Dort gibt es große Kalksteinbrüche, in denen man häufig versteinerte Tiere und Pflanzen finden kann."

Der Archaeopteryx auf der Kalkplatte war zwar nur noch ein Skelett, aber ich konnte sehen, dass er schon richtige Federn hatte. Allerdings war der Schwanz ziemlich lang, eher wie bei einer Eidechse. Und außerdem hatte er Zähne im Schnabel! "Ja", der Professor lachte. "Das hast du gut beobachtet, Michael Green! Der Archaeopteryx hatte wirklich Zähne - daran und am langen Schwanz kann man erkennen, dass die Vorfahren der Urvögel und Vögel möglicherweise Dinosaurier, also Echsen, waren."

"Er ist so klein", Hanna-Zebra sah den Professor fragend an, "ich dachte immer, Urvögel wären riesengroß gewesen, so wie Flugzeuge?" "Ach ja, das Fliegen", murmelte der Professor. "Das mit dem Fliegen ist so eine Sache …" Er wiegte seinen Kopf und dachte nach. "Es hat mit dem Knochenbau zu tun. Die Urvögel hatten noch eine bewegliche Wirbelsäule und ihre Flugmuskeln waren ziemlich schwach. Unsere heutigen Vögel haben eine starre Wirbelsäule, die ihre Muskulatur entlastet und Kraft für das Fliegen freisetzt. Außerdem sind die Flugmuskeln stärker und werden von einem größeren Brustbein gehalten -wartet, das kann ich euch sogar zeigen!" Und schon verschwand er wieder im Haus.

Als er zurückkam, trug er vorsichtig ein großes Küchenbrett heraus. Darauf - ich traute meinen Augen nicht - ein rohes Suppenhuhn und daneben ein riesiges Messer, auf das jeder Metzger neidisch gewesen wäre. "Ha", rief der Professor, "jetzt geht es dem Abendessen an den Kragen!"

Und mit einem kräftigen Schnitt säbelte er das Huhn mittendurch. "Urgh!", sagte Hanna-Zebra und verdrehte die Augen. "Ich kann kein Blut sehen!" "Brauchst du auch nicht", antwortete der Professor und lachte, "es ist nämlich keins da. Dieser Vogel ist schon lange jenseits von gut und böse, der blutet nicht, und dem tut auch nichts mehr weh. Michael Green, hilf mir mal, den Brustkorb auseinander zu biegen! So, jetzt könnt ihr hier vorne das Brustbein sehen." Es war ziemlich knorpelig und auch nicht graubraun wie die anderen Knochen, sondern fast weiß. "Man vermutet, dass die Urvögel gar nicht richtig geflogen sind", erklärte der Professor, "wahrscheinlich hüpften sie nur im Gleitflug von Baum zu Baum und bewegten sich ansonsten zu Fuß weiter."

Merlo hatte die ganze Zeit auf meiner Schulter gesessen und zugesehen. Aber nun war es ihm zu langweilig, und als hätte er jedes Wort verstanden, ließ er sich im Gleitflug auf den Gartentisch plumpsen und pickte frech an dem Huhn. "Der Kannibale schreckt vor nichts zurück", sagte Hanna-Zebra, und ich angelte Merlo schnell vom Tisch.

Der Professor lachte: "Dann bringe ich mein Abendessen doch lieber in Sicherheit." Er kam mit Gläsern, Apfelsaft und Kräckern aus der Küche zurück, und wir machten es uns auf der Veranda bequem. "Das Schönste an den Vögeln sind eigentlich ihre Federn", meinte Hanna-Zebra nachdenklich. "Ich habe eine von einem Eichelhäher, die ist blau-schwarz gestreift."

"Ja, das Federkleid ist schon faszinierend", antwortete der Professor, "aber es ist nicht nur Zierde. Ohne Federn könnte kein Vogel fliegen. Federn schützen vor Nässe und Kälte und lassen den Vogel größer und stärker erscheinen, als er eigentlich ist. Also kann er damit auch seine Feinde abschrecken. Und wenn Vogelmännchen um ihre Weibchen werben - man nennt das Balz - zeigen sie nicht nur ihr schönstes Federkleid, sondern geben auch mächtig damit an, was für tolle Kerle sie sind. Sie spreizen ihr Gefieder, tanzen, hüpfen, singen oder krakelen laut herum."

Ich sah meinen schwarzen Merlo an: "Nicht alle Vögel sind bunt …" "Tja, Michael Green", lächelte der Professor, "dein Amselmann wird seine Braut wohl eher mit einem leckeren Regenwurm von seinen Qualitäten überzeugen!" Er gab Merlo ein Stückchen von seinem Kräcker, goss noch mal Apfelsaft für uns nach, und dann sprachen wir wieder über die Urvögel. Mit ihren langen Beinen konnten sie vermutlich gut rennen, wobei sie ihren Schwanz zum Balancieren benutzten.

Aus dem schnellen Laufen ist wahrscheinlich dann das Fliegen entstanden. "Wie Enten", meinte Hanna-Zebra, "die rennen auch erst mal los, bevor sie abheben." "Könnte schon sein", der Professor neigte den Kopf, "allerdings glaube ich, dass der Gleitflug vom Baum herunter einfacher ist als der Start vom Boden. Sieh mal hier", er tippte auf die Kalksteinplatte, "der Archaeopteryx hatte kleine, spitze Krallen an den Flügeln. Damit konnte er vermutlich gut auf Bäume klettern."

Das konnte ich mir gut vorstellen: Urvögel, die auf Urweltbäume kraxeln, um dort ihre Nester zu bauen und ihre Urvogelkinder auszubrüten. "Halt, halt!", rief der Professor, "jetzt geht aber deine Fantasie mit dir durch, Michael Green! Wir wissen nicht, ob die Urvögel auf Bäumen Nester gebaut haben. Allerdings ist man ziemlich sicher, dass sie - wie ihre Vorgänger, die Echsen - Eier gelegt haben. Wissenschaftler haben sogar ausgerechnet, dass die Eier ziemlich genau anderthalb Zentimeter breit waren. Wartet mal …"

Wieder verschwand er in der Küche und kehrte mit Papier, Stiften und einem Hühnerei zurück. Sorgfältig malte er ein Urvogelei auf und legte dann das Hühnerei daneben. "Seht ihr den Unterschied?" Es war schon unglaublich, schließlich war der Urvogel fast genauso groß wie ein normales Huhn, aber sein Ei sah im Vergleich winzig aus.

"Seine Kinder müssen ja Zwerge gewesen sein", sagte Hanna-Zebra, "und wahrscheinlich mussten sie endlos lange gepäppelt werden, bis sie groß waren. Was frisst eigentlich so ein Urvogel?" "Das weiß man leider nicht", antwortete der Professor, "aber seine kleinen Zähne und die Verwandtschaft zu den Echsen lassen uns vermuten, dass der Urvogel sich von Insekten ernährt hat - wenn er nicht gerade selbst auf der Speisekarte stand!"

Und schon lief er wieder ins Haus. Diesmal kam er mit einem Buch zurück. "Seht mal, dieser kleine Saurier hier, ein Compsognathus, war nur einen Meter lang, aber blitzschnell auf seinen Hinterbeinen unterwegs und sehr gefräßig. Wenn sich ein Urvogel am Boden aufhielt und nicht aufpasste, war es ruckzuck um ihn geschehen. Nur dank seiner Krallen konnte er sich dann auf den nächsten Baum retten!"

Wir blätterten weiter. Das Buch zeigte Tiere und Pflanzen, die im Erdmittelalter vor über 140 Millionen Jahren gelebt hatten, Saurier, Urvögel, Riesenfarne. "Warum ist das alles ausgestorben?" "Nun, Michael Green, zuerst mal muss man sehen, dass ja auch einiges überlebt hat, Krokodile, Schildkröten, die Säugetiere und viele der Pflanzen! Aber du hast schon Recht zu fragen. Denn bis heute gibt es nur Vermutungen, warum Saurier und Urvögel ausgestorben sind. Manche Leute sagen, ein riesiger Meteorit sei auf die Erde gefallen und habe alles vernichtet. Aber schließlich sind nicht alle Geschöpfe gleichzeitig verschwunden, sondern über Tausende von Jahren hinweg immer wieder andere Arten. Vermutlich gibt es ganz verschiedene Gründe für das Aussterben der Urtiere."

Der Professor gähnte und klappte dann das Buch zu. "Seid mir nicht böse, Kinder, wenn wir für heute Schluss machen. So ein alter Urvogel wie ich wird nun mal schnell müde. Aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr nächste Woche wiederkommt." Hanna-Zebra und ich nickten begeistert.

Auf dem Nachhauseweg haben wir dann herumgealbert und Flugübungen gemacht, mit Flattern und Rennen, bis wir ganz außer Atem waren. Oh, es wäre zu schön, wenn ich mit Merlo zusammen fliegen könnte! "Na klar", meinte Hanna-Zebra, "bitten wir einfach nächstes Mal den Professor, dass er's dir beibringt!" Ach, diese Hanna-Zebra …

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