Zurück zur Seite    Bilder ein/ausblenden     Druckvorgang starten

Info: Für den Druck des gesamten Buches (inkl. Bilder) sind ca. 64 Blatt Papier erforderlich.

LABBÉ - 100% Kreativität

Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Entführt oder Die Abenteuer des David Belfours

von Robert Louis Stevenson

Die Wanderschaft zum Haus Shaws

An einem Morgen im Juni des Jahres 1751 zog ich zum letzten Mal den Schlüssel aus dem Tor meines väterlichen Hauses. Ich ging bis zum Pfarrhaus, wo schon der gute Mister Campbell, unser Pfarrer von Essendean, auf mich wartete. Er nahm meine Rechte in seine beiden Hände.

"Also, Davie, mein Junge", sagte er, "ich werde bis zur Furt mit dir gehen und dich auf den richtigen Weg bringen. Bist du traurig, dass du von Essendean fort gehst?"

"Ach, wenn ich wüsste, wohin die Reise geht oder was aus mir werden soll, dann würde ich es Euch offen sagen!", gab ich zurück. "Essendean ist ein guter Ort, und ich war glücklich hier. Aber nun, wo meine Eltern beide verstorben sind, möchte ich gern etwas anderes kennen lernen."

"Davie", sagte Mister Campbell, "dann ist für mich jetzt der Augenblick gekommen, von deiner Zukunft zu sprechen. Als deine Mutter schon von uns gegangen war und sich das Ende deines Vaters näherte, gab er mir einen Brief zum Aufbewahren. Dieser, sagte er, sei dein Erbe. Wenn nach seinem Tod alles geregelt wäre, solle ich dir diesen Brief geben und dich zum Haus Shaws schicken, das unweit von Cramond gelegen ist. Von dort ist dein Vater hergekommen, und du sollst dorthin zurückkehren."

"Das Haus Shaws!", rief ich aus. "Was hatte mein armer Vater mit dem Hause Shaws zu tun?"

"Wer könnte das sicher sagen?", antwortete Mister Campbell. "Aber der Name jener Familie ist dein eigener: Balfour von Shaws. Es ist ein altes, ehrenwertes, angesehenes Haus, das allerdings in letzter Zeit vom Niedergang betroffen war. Dein Vater war ja auch ein gelehrter Mann, der mit Recht Unterricht erteilt hat. Wesen und Sprechweise hatte er nicht von einem gewöhnlichen Schulmeister, woran du dich selbst erinnern kannst. Ich habe ihn gern in die Pfarre eingeladen, in die Gesellschaft des Adels, und alle hoch angesehenen Herrn haben Vergnügen an seiner Gesellschaft gefunden."

Damit übergab mir Mister Campbell das Testament. Mir, einem sechzehnjährigen Jungen, dem Sohn eines armen Dorfschulmeisters, klopfte das Herz bei den weittragenden Aussichten, die sich plötzlich auftaten.

"Mister Campbell", brachte ich mühsam hervor, "wenn Ihr in meiner Lage wärt, würdet Ihr gehen?"

"Aber gewiss", erwiderte der Pfarrer, "gewiss und auf der Stelle. Ein tüchtiger Bursche wie du müsste Cramond, das nahe bei Edinburgh liegt, in zwei Wandertagen erreichen können. Geht die Sache übel aus und deine hochgestellte Verwandtschaft, denn ich denke, dass Blut von ihnen in deinen Adern fließt, setzt dich vor die Tür, dann kommst du den kurzen Weg wieder zurück und klopfst an der Pfarre. Aber ich hoffe, dass man dich gut aufnehmen wird. Davie, sei auf deiner Reise wachsam gegen die Gefährlichkeiten der Welt."

Er setzte sich auf einen großen Felsblock unter einer Birke und schärfte mir mit erhobenem Zeigefinger ein, dass ich gegenüber allerlei Irrglauben vorsichtig sein und immer die Bibel lesen soll. Dann entwarf er ein Bild des großen Hauses, in das ich nun kommen sollte, und unterwies mich, wie ich mich seinen Bewohnern gegenüber zu betragen hätte.

"Vergiss niemals, dass du, obwohl von adliger Herkunft, doch nur nach ländlicher Sitte erzogen bist. Beschäme uns nicht, Davie, blamiere uns nicht! In jenem großen, vornehmen Haus, wo viele Dienstboten sein werden, tritt liebenswürdig auf, umsichtig, suche rasch zu begreifen, aber halte voreilige Reden zurück! Was den Laird angeht, so vergiss nie, dass er eben der Laird ist. Es ist eine Freude, einem Laird zu gehorchen."

"Jawohl, Herr Pfarrer", sagte ich darauf, "das mag sein. Ich verspreche Euch, dass ich versuchen will, es so zu halten."

Schließlich zog Mister Campbell ein Päckchen aus seinem Rock.

"Es enthält vier Dinge. Das erste gehört dir von Rechts wegen. Es ist das bisschen Geld für die Bücher und den Hausrat deines Vaters, die ich selbst gekauft oder an den neuen Lehrer verkauft habe. Die anderen drei Dinge sind Geschenke von mir und meiner Frau. Das erste ist rund. Möglicherweise wird es dir auf den ersten Blick am meisten zusagen. Aber, mein Junge, es ist nicht mehr als ein Wassertröpfchen im Meer. Es wird dir vielleicht nur einen Schritt vorwärts helfen und dann vergeht es wie die Morgenstunde.

Das zweite ist flach und viereckig, und es steht etwas darauf geschrieben. Es wird dir im Leben eine Stütze sein, ein guter Wanderstab, und wenn du krank bist, ein gutes Kopfkissen.

Das letzte, das würfelförmig ist, soll dich geleiten in ein besseres Leben."

Damit stand er auf, nahm seinen Hut ab und betete eine Weile mit bewegenden Worten für einen jungen Mann, der hinaus in die Welt geht. Dann nahm er mich plötzlich in seine Arme und drückte mich fest an sich. Schließlich wandte er sich um, rief mir ein Lebwohl zu und ging den Weg zurück.

Da setzte ich mich auf den Stein und öffnete das Päckchen um zu sehen, was es für Geschenke wären. Das würfelförmige enthielt eine kleine Bibel. Was er ‚rund' genannt hatte, stellte sich als ein Schillingstück heraus; und das dritte, das mir in gesunden und kranken Tagen so wunderbar helfen sollte, war ein kleines Stück groben gelben Papiers, auf dem mit roter Tinte ein Rezept für Maiglöckchenwasser geschrieben stand. Dieses sollte bei allen möglichen Krankheiten helfen.

Ich lachte darüber, aber es war ein etwas bängliches Lachen. Ich schulterte das Bündel an meinem Wanderstab und marschierte durch die Furt und auf der anderen Seite den Berg hinauf.

Ich komme ans Ziel meiner Reise

Am Vormittag des zweiten Tages gelangte ich auf die Spitze eines Berges. Vor mir senkte sich das Land hinunter zum Meer, und in der Mitte dieses Hanges erblickte ich auf einem langen Bergrücken die Stadt Edinburgh. Auf dem Schloss wehte eine Fahne, Schiffe fuhren oder ankerten in der Förde. Mein Herz schlug höher, denn in meiner ländlichen Abgeschiedenheit hatte ich nie so etwas gesehen.

Indem ich immer wieder fragte, fand ich den Weg nach Cramond. Als ich meinem Ziel schon ganz nah war, nannte ich bei meinen Befragungen den Namen des Hauses Shaws mit. Dieses Wort schien alle zu überraschen, und ich fragte mich nach dem Grund.

Um meine Beklemmung zu beruhigen, wechselte ich die Art meines Fragens. Einen Burschen, der mit einer Karre daher kam, fragte ich, ob er je was vom Hause Shaws gehört habe. Auch er sah mich merkwürdig an. "Ja, was soll's damit?"

"Das ist doch ein großes Haus, und wie sind die Leute, die darin wohnen?"

Darauf meinte er: "Gewiss, das Haus ist groß, aber die Leute? Bist du närrisch? Da wohnen keine Leute … was man Leute nennen könnte."

"Wie?", sagte ich erstaunt, "nicht Mister Ebenezer?"

"O ja", erwiderte der Mann, " da ist freilich der Laird, wenn es der ist, den du suchst. Aber was hast du Bürschlein wohl dort zu suchen?"

"Man hat mir gesagt, ich könnte dort in Dienst gehen", gab ich zurück.

"Was?", schrie er. "Es geht mich ja nichts an, aber da du ein anständiger Kerl zu sein scheinst, kann ich dir nur raten, dich vom Hause Shaws fern zu halten."

Als nächstes traf ich einen Barbier mit einer schönen weißen Perücke. Ihn fragte ich geradezu, was für eine Art Mann der Mister Balfour von Shaws sei. "Bah", sagte er, "gar keine Art Mann, überhaupt kein Mann."

Ich wurde immer unruhiger. Welcher Art mochte dieses Haus sein, wenn hier alle Leute zurückfuhren und einen groß anstarrten, wenn man nur nach dem Weg dorthin fragte? Was war das für ein Mann, der in der ganzen Gegend einen so schlechten Ruf hatte? Ich wäre am liebsten umgekehrt, aber schon aus bloßer Selbstachtung musste ich durchhalten.

Als der Sonnenuntergang schon nah war, begegnete ich einem Weib. Sie kam mühsam einen Berg hoch. Als ich meine gewohnte Frage stellte, drehte sie sich schroff um und wies auf alles, was im Tal zu sehen war. Die Gegend war lieblich: Hügel, Gewässer und Wald. Die Ernte stand ausgezeichnet. Aber das Haus selbst schien eine Art Ruine zu sein: Kein Weg führte hin, kein Rauch stieg aus dem Schornstein auf, nichts erinnerte an einen Garten. Mein Mut sank tief.

Unheildrohender Groll überflammte das Antlitz des Weibes. "Das ist das Haus Shaws!", rief sie. "Blut hat es gebaut. Blut hat den Bau unterbrochen. Blut soll es dem Boden gleichmachen! Ich verfluche es! Wenn du dem Laird begegnest, sage ihm, was du hörst! Sag ihm: Zum zwölfhundertundneunzehnten Mal hat Jennet Clouston heute den Fluch des Himmels herab gerufen über ihn und sein Haus, über seine Rinder und Pferde, über jeden Mann, Gast und Junker, über jedes Weib, Mädchen oder Kind! Furchtbar, furchtbar sollen sie zugrunde gehen!"

Dann war das Weib ganz schnell verschwunden. Ihr Fluch wollte mir das Mark aus den Knochen zehren. Ich setzte mich und starrte nach dem Hause Shaws. Je länger ich mich umblickte, umso lieblicher erschien mir die Landschaft. Und dennoch, das zerfallene Gebäude bedrückte mich sehr.

Als endlich die Sonne unterging, sah ich doch etwas Rauch aufsteigen. Es war zwar nicht sehr viel, aber Rauch bedeutete Feuer, und Feuer bedeutete Wärme und Kochen und einen lebendigen Bewohner. Das tröstete mein Herz wunderbar, und ich ging weiter auf einem kaum sichtbaren Pfad. Schließlich kam ich zu ein paar wappengekrönten Seitenpfeilern und einem Pförtnerhaus daneben, dem das Dach fehlte. Dies hatte offenbar ein Haupteingag werden sollen, aber er war nicht vollendet. An Stelle von schmiedeeisernen Toren waren zwei Weidenzäune zwischen den Pfeilern befestigt. Mein Pfad schlängelte sich daran vorbei zum Haus.

Je näher ich kam, umso trostloser wurde der Eindruck. Es sah aus wie der Flügel eines Hauses, das nicht ganz ausgebaut war. Wo der andere Flügel sich hätte anschließen sollen, da standen die oberen Stockwerke offen und streckten unfertiges Mauerwerk, Stufen und Stiegen zum Himmel hinauf. Viele von den Fenstern waren ohne Scheiben, und Fledermäuse flogen ein und aus.

Die Nacht war hereingebrochen und durch drei von den unteren Fenstern, die schmal und vergittert waren, schimmerte schwach das flackernde Licht eines kleinen Feuers. War das der Palast, in dem ich neue Freunde finden und Großes erleben sollte? Vorsichtig trat ich näher, spitze dabei die Ohren und hörte jemanden mit Schlüsseln klappern. Manchmal wurde ein leichter, trockener, scharfer Hustenlaut hörbar, aber kein Wort ertönte.

Beklommenen Herzens hob ich die Hand und klopfte an die Tür. Totenstille war in dem Haus eingetreten. Ich wartete eine Minute, aber nichts außer den Fledermäusen regte sich. Ich klopfte noch einmal, nichts rührte sich. Ich war im Zweifel, ob ich wegrennen sollte, aber mein Ärger gewann die Oberhand. Ich ließ Fußtritte und Faustschläge auf die Tür hageln und schrie laut Mister Balfours Namen. An einem Fenster genau über mir hörte ich schließlich einen Hustenlaut, blickte hinauf und sah den Kopf eines Mannes und daneben die Öffnung einer Donnerbüchse.

"Sie ist geladen!", sagte eine Stimme.

"Ich komme mit einem Brief an Mister Ebenezer Balfour von Shaws", gab ich zurück. "Ist der Herr hier?"

"Von wem ist der Brief?", fragte der Mann mit der Büchse.

"Das ist jetzt nicht die Frage", sagte ich, und heftiger Zorn überkam mich.

"Du kannst ihn auf die Treppenstufen legen und dann: Auf Nimmerwiedersehen!", war die Antwort.

"Ich denke nicht daran!", rief ich jetzt. "In Mister Balfours Hände will ich den Brief übergeben, wie es mir aufgetragen wurde. Es ist ein Einführungsbrief."

"Ein was?", rief die Stimme zurück, scharf und schneidend. Ich sagte das Wort ein zweites Mal.

"Wer bist du denn selbst?", war die nächste Frage nach einer längeren Pause.

"Ich schäme mich nicht meines Namens", sagte ich. "Ich heiße David Balfour."

Auf diese Worte hin musste der Mann zusammengefahren sein, denn ich hörte die Büchse am Fenstersims klappern. Nach einer längeren Pause kam mit seltsam veränderter Stimme die nächste Frage: "Ist dein Vater tot?"

Ich war so betroffen, dass ich keine Antwort fand. Da nahm der Mann wieder das Wort: "Jawohl, er wird gestorben sein, kein Zweifel. Deshalb kommst du her und klopfst an meine Tür." Wieder eine Pause und dann: "Gut denn, Bursche, ich will dich einlassen." Damit verschwand er vom Fenster.

Ich mache Bekanntschaft mit meinem Oheim

Nach einer Weile erscholl lautes Klirren und Rasseln von Ketten und Riegeln, dann wurde die Tür mit Vorsicht geöffnet und hinter mir sofort wieder geschlossen. "Geh in die Küche, aber rühre nichts an!", sagte die Stimme.

Während der Bewohner des Hauses die Türbefestigungen wieder anbrachte, tastete ich mich vorwärts und gelangte in die Küche. Das Feuer brannte ziemlich hell und beleuchtete einen Raum von einer Nacktheit, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ein halbes Dutzend Näpfe standen auf Wandgestellen. Der Tisch war zum Abendessen gedeckt: ein Gefäß mit Hafergrütze, ein Hornlöffel, ein Glas Dünnbier. Darüber hinaus war einfach nichts in diesem großen Raum, nur fest verschlossene Truhen an der Wand und ein Eckschrank mit Vorhängeschloss.

Als der Mann mir nachkam, sah ich, dass er ein unansehnliches, gebeugtes, schmalschultriges, lehmfarbenes Wesen war, dessen Alter irgendwo zwischen fünfzig und siebzig liegen mochte. Offenbar war er seit langem unrasiert. Was mich erschreckte, waren seine Blicke, die nicht mehr von mir ließen, aber mir nie richtig ins Gesicht sahen.

"Bist du hungrig?", fragte er. "Du kannst das bisschen Hafergrütze da essen."

Als ich darauf sagte, dass das ja wohl sein eigenes Abendessen sei, erwiderte er: "Ich kann ganz gut darauf verzichten. Aber das Bier nehme ich, das löst meinen Husten. Lass den Brief sehen!"

Ich belehrte ihn, dass der Brief für Mister Balfour und nicht für ihn sei.

"Und was denkst du, wer ich bin?", fragte er. "Gib mir Alexanders Brief!"

"Ihr wisst den Vornamen meines Vaters?"

"Wie sollte ich ihn nicht kennen", gab er zurück, "war er doch mein leiblicher Bruder. Wenn es auch so scheint, dass mein Haus und ich dir nicht gefallen, so bin ich doch dein leiblicher Oheim. Ja, Davie, mein Junge, du bist mein leiblicher Neffe. Also, gib mir den Brief, setz dich nieder und fülle dir den Bauch!"

Ich kämpfte mit den Tränen, fand einfach keine Worte. Ich gab ihm den Brief und machte mich über die Hafergrütze her. Er fragte mich noch nach meinem Vater aus und schien zufrieden, als ich ihm sagte, dass dieser nie von seiner Familie gesprochen hatte. Er schlug mir auf die Schulter und meinte: "Es wird schon werden mit uns beiden! Gut, dass ich dich hereingelassen habe! Nun komm zu deinem Bett!"

Im Dunklen tasteten wir uns die Treppe hinauf, und er blieb vor einer Tür stehen, die er aufschloss. Ich wollte ein Licht haben, um etwas zu sehen, aber er lehnte mit dem Hinweis ab, dass der Mond hell genug scheint.

"Kein Mond und keine Sterne, Sir! Dunkel wie das Grab!", sagte ich. "Ich kann das Bett nicht sehen."

"Larifari! Larifari!", erwiderte er. "Lichter in einem Haus, das liebe ich nicht. Ich fürchte mich vor Feuer! Gute Nacht wünsche ich, Davie, mein Junge." Er zog die Tür hinter sich zu und schloss sie ab.

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Der Raum war kalt wie ein Eiskeller, und das Bett, das ich schließlich fand, feucht wie Moosboden.

Mit dem ersten Morgengrauen schlug ich die Augen auf und konnte meine Umgebung betrachten. Ich befand mich in einem großen Zimmer, das mit gepresstem Leder tapeziert und mit schönen Gobelinmöbeln ausgestattet war. Durch drei ziemlich große Fenster fiel Licht herein. Vor zehn oder zwanzig Jahren war es sicher ein gemütlicher Raum gewesen, aber seitdem hatten Feuchtigkeit, Schmutz, Nichtgebrauch sowie Mäuse und Spinnen viel Unheil angerichtet. Außerdem waren einige Fensterscheiben zerbrochen.

Inzwischen war draußen die Sonne aufgegangen, und da es in dem Zimmer sehr kalt war, klopfte ich an die Tür und rief laut, bis mein Gefängniswärter kam und mich heraus ließ. Er brachte mich auf die Rückseite des Hauses zu einem Ziehbrunnen, wo ich mir mein Gesicht waschen sollte. Ich ging zurück zur Küche, wo er ein Feuer angezündet hatte und Hafergrütze machte. Auf dem Tisch standen zwei Näpfe für die Grütze, zwei Hornlöffel und ein Becher mit Dünnbier. Er fragte mich, ob ich auch ein Bier möchte, und als ich das bejahte, zapfte er zu meiner Überraschung nicht noch ein Bier, sondern goss genau die Hälfte des einen Bechers in einen zweiten.

Nach dem Frühstück rauchte er in der Sonne am Fenster eine Pfeife. Von Zeit zu Zeit warf er mir einen scheuen Blick zu. Ich kam auf den Gedanken, dass er vielleicht so furchtsam war, weil er kaum Umgang mit Menschen hatte. Er stellte mir einige Fragen, zum Beispiel auch nach meiner Mutter. Ich berichtete, dass auch sie nicht mehr am Leben sei, worauf er bemerkte: "Ja, sie war ein hübsches Mädchen." Er ließ sich auch von meinen Freunden berichten, aber ich sagte ihm nicht, dass sich in Wahrheit nur der Pfarrer um mich gekümmert hatte.

Schließlich sagte er: "Davie, mein Junge, du bist vor die rechte Tür geraten, als du zu deinem Oheim Ebenezer kamst. Ich werde meine Pflicht tun. Ich denke darüber nach, was der beste Beruf für dich wäre - Anwalt, Pfarrer, vielleicht auch Offizier. Aber sage zu niemandem ein Wort von Briefen und Botschaften! Hüte streng deine Zunge! Sonst - dort hat der Maurer das Loch gelassen."

"Ohm Ebenezer", sagte ich, "ich habe keinen Grund anzunehmen, dass ihr etwas anderes als mein Bestes wollt. Trotzdem sollt Ihr wissen, dass ich auch meinen Stolz habe. Es war nicht mein eigener Wille, dass ich Euch aufsuchte, und wenn Ihr mir noch einmal Eure Türe zeigt, werde ich Euch beim Wort nehmen."

Er schien aus der Fassung zu sein und meinte, dass er mein Zukunftsglück nicht aus dem Grütznapf hervorzaubern kann. Ich solle ihm ein oder zwei Tage geben, damit er seine Pflicht tun kam, aber ich solle mit niemandem eine Silbe sprechen.

"Gut", sagte ich, "wenn Ihr mir helfen wollt, so werde ich mich freuen und Euch dankbar sein."

Ich meinte, dass ich ihm nun sagen könnte, dass er mein Bett und das Bettzeug in der Sonne lüften müsse, aber darauf entgegnete er in schneidendem Ton: "Ist das mein Haus oder deines?" Dann aber meinte er: "Nein, das wollte ich nicht sagen. Was mein ist, ist auch dein, mein Junge. Blut ist dicker als Wasser, und es gibt niemanden mit unserem Namen außer dir und mir." Nun redete er lang und breit über die Familie, über ihre frühere Größe und Bedeutung, über seinen Vater, der angefangen hatte, das Haus zu vergrößern, und über sich selbst, der das Bauen unterbrochen hatte, weil es sündhafte Verschwendung sei.

Da kam ich auf den Gedanken, ihm die Botschaft der Jennet Clouston auszurichten.

"Die alte Vettel!", rief er. "Ich habe die Schlange auspfänden lassen. Ich werde sie rösten lassen auf glühendem Torf, sonst gibt sie niemals Ruhe! Sie ist eine erklärte Hexe! Ich gehe sofort zum Gerichtsschreiber!"

Mit diesen Worten öffnete er eine Truhe, nahm einen alten, aber sehr gut erhaltenen blauen Rock, eine Weste und einen Hut heraus. Eilig zog er die Sachen an, nahm einen Stock aus dem Schrank und wollte schon gehen, als ihm einfiel, dass er mich nicht allein im Haus lassen könne. Als ich protestierte, dachte er zitternd darüber nach und kam zu dem Schluss, dass er auch nicht gehen werde.

"Ohm Ebenezer", sagte ich darauf, "ich kann das alles nicht begreifen. Ihr behandelt mich wie einen Dieb. Meine Gegenwart ist Euch verhasst. Ihr lasst mich das mit jedem Wort und in jedem Augenblick merken. Unmöglich, dass Ihr mich gern habt. Warum also wollt Ihr mich hier festhalten? Lasst mich fort, zurück zu meinen Freunden!"

"Nein, nein, nein!", erwiderte er sehr ernst. "Ich habe dich sehr gern. Wir werden gut miteinander auskommen. Um der Ehre des Hauses Willen darfst du nicht wieder dahin zurück, woher du gekommen bist. Warte in Ruhe hier, und du wirst sehen, dass wir uns verstehen."

Schweigend überlegte ich eine Weile. "Gut, Sir", entgegnete ich dann, "ich will noch etwas bleiben. Sollten wir uns doch schlecht verstehen, so will ich mein Bestes tun, damit ich nicht daran schuld bin."

Ich gerate im Hause Shaws in große Gefahr

Der Tag verging so einigermaßen. Zum Mittag gab es kalte Hafergrütze und zum Nachtessen warme Hafergrütze und Dünnbier. Er sprach nur wenig und meinen Fragen nach meiner Zukunft wich er aus.

Neben der Küche war ein Raum, den ich betreten durfte. Dort fand ich englische und lateinische Bücher in großer Zahl. In ihrer Gesellschaft ging die Zeit leichten Schrittes dahin.

Nach dem Nachtessen rauchte er wie am Morgen eine Pfeife. Er saß auf einem Schemel in der Kaminecke, wobei er mir den Rücken zukehrte. Als ich Fragen nach meinem Vater stellen wollte, sprang er vom Stuhl und fasste mich am Rock. "Du solltest zu mir nicht von deinem Vater sprechen. Das ist ein Fehler!" Dabei zitterte und bebte er. Nach einer Weile beruhigte er sich wieder.

"Davie", sagte er endlich, "ich habe nachgedacht. Da ist etwas Geld, das ich dir versprochen habe, vor deiner Geburt schon. Deinem Vater habe ich's versprochen. Bei einem Glas Wein, so wie Männer dergleichen ausmachen. Ich habe diese kleine Summe angelegt, und nun ist sie angewachsen auf … genau … genau auf …", er hielt inne und fing an zu stottern, "auf genau vierzig Pfund." Diese Worte platzte er förmlich heraus, und dabei blickte er mich über seine Schulter hinweg von der Seite an. Im nächsten Augenblick fügte er hinzu, und es klang wie ein Angstschrei: "Schottische!"

Da das schottische Pfund nur den zwanzigsten Teil des englischen wert war, bedeutete sein Einwand für mich einen sehr beträchtlichen Unterschied. Zudem merkte ich, dass die ganze Geschichte erlogen war. Ich hätte nur zu gern gewusst, warum! Mit spöttischem Ton antwortete ich: "So? Denkt noch einmal nach, Sir! Englische Pfund, möchte ich glauben!"

"Das habe ich doch gesagt", erwiderte mein Oheim, "englische Pfund! Und wenn du einen Augenblick zur Tür hinausgehen würdest, dann will ich das Geld herausholen und dich wieder rufen."

Ich tat, wie er gesagt hatte. Dann rief er mich wieder herein und zählte mir siebenunddreißig goldene Guineen in die Hand. "Da", sagte er, "da siehst du, wie ich bin, ein bisschen wunderlich und mit Fremden nicht gleich vertraulich, aber mein Wort gilt. Das ist der Beweis dafür. Kein Wort darüber, keinen Dank! Ich will keinen Dank. Ich tue nur meine Pflicht. Vielleicht hätte das nicht jeder getan, aber mir ist es ein Vergnügen, das für den Sohn meines Bruders zu tun."

Ich bedankte mich, dachte aber schon die ganze Zeit darüber nach, was als nächstes kommen würde. Nach einer Weile sah er mich von der Seite an. "Nun pass auf", sagte er, "wie ich dir, so du mir!" Ich wartete auf seine unglaublichen Forderungen, doch zu meiner Überraschung sprach er nur folgende Worte: "Ich werde älter und älter und bin ein bisschen gebrechlich. Darum erwarte ich von dir einige Hilfeleistungen im Haus und in meinem kleinen Garten."

Ich antwortete, dass ich ihm gern helfen werde.

"Gut", sagte er, "dann wollen wir gleich anfangen!" Er zog einen verrosteten Schlüssel aus der Tasche. "Hier", fuhr er fort, "ist der Schlüssel zu dem Stiegenturm am anderen Ende des Hauses. Du kannst nur von außen hinein; dieser Teil des Hauses ist nicht ausgebaut. Geh also dort hinein, die Stiegen hinauf und bring mir die Kiste, die oben steht, herunter. Es sind Papiere drin."

"Kann ich ein Licht bekommen, Sir?", fragte ich.

"Nein", gab er listig zurück, "Licht gibt's nicht in meinem Haus."

So ging ich denn in die Nacht hinaus. Ich tastete mich an der Mauer entlang, bis ich bei der Turmtür anlangte. Drinnen war es völlig dunkel. Die Mauer fühlte sich an, als wäre sie aus glatt behauenem Stein, und die Stufen waren zwar steil und schmal, aber regelmäßig und fest unter den Füßen. Ein Treppengeländer gab es nicht. Ich ertastete an der Turmwand klopfenden Herzens meinen Weg in der pechschwarzen Dunkelheit. Es begann zu regnen, und von Zeit zu Zeit erhellte ein Blitz die Umgebung.

Fünf volle Stockwerke hoch war das Haus Shaws, das Dachgeschoss nicht eingerechnet. Voller Angst kletterte ich weiter. Hatte mein Oheim mich hierher geschickt, damit ich zu Tode käme? Darüber musste ich Gewissheit haben. Ich ließ mich auf Hände und Knie nieder und klomm die Stiege weiter hinauf, langsam wie eine Schnecke, die Festigkeit jedes Steines erprobend. Mein Gehör und mein Denken waren verwirrt durch eine Unzahl von Fledermäusen im obersten Teil des Turms. Die grässlichen Tiere kamen herunter geflogen und streiften fortwährend mein Gesicht und meinen Leib.

Plötzlich glitt meine tastende Hand über eine Kante und dahinter war nichts, nichts als leere Luft! Die Stiege brach einfach ab. Einen Unkundigen hier in der Dunkelheit hinaufsteigen zu lassen, das hieß nichts anderes, als ihn geradewegs in den Tod schicken. Dank meiner eigenen Vorsicht war ich in Sicherheit, aber der bloße Gedanke an die Gefahr, an die schauerliche Höhe, aus der ich hinabgestürzt wäre, trieb mir den Schweiß aus allen Poren. Meine Glieder waren völlig erschlafft. Allerdings wusste ich jetzt, was ich wissen musste, und ich suchte mir den Weg hinab, wilde Empörung im Herzen.

Als ich wieder den ebenen Boden erreicht hatte, steckte ich den Kopf hinaus in das Gewitter und blickte zur Küche. Die Tür, die ich beim Hinausgehen hinter mir zugemacht hatte, stand jetzt offen. Ein schwacher Lichtschimmer drang heraus, und mir war, als sehe ich eine Gestalt reglos im Regen stehen. Da fuhr ein blendender Blitzstrahl herab, und nun sah ich meinen Oheim ganz deutlich. In einer Art panischer Furcht stürzte er ins Haus hinein. Ich folgte ihm so sacht wie möglich und gelangte ungehört in die Küche. Da stand ich still und beobachtete ihn.

Er hatte den Eckschrank geöffnet und eine große Flasche Branntwein herausgeholt. Nun saß er, mir den Rücken zukehrend, am Tisch und zitterte und stöhnte. Er führte die Flasche an die Lippen und trank den Schnaps in großen Schlucken.

Ich trat heran, blieb dicht hinter ihm stehen und ließ plötzlich meine beiden Hände auf seine Schultern fallen. Mein Oheim gab einen Schrei von sich, warf die Arme in die Höhe und stürzte zu Boden wie ein Toter. Ich erschrak, ließ ihn aber liegen, denn ich musste an mich selbst denken. Es war meine Absicht, mich mit Waffen zu versehen, bevor mein Oheim wieder zu Bewusstsein kam.

In dem Schrank waren mehrere Flaschen, einige mit Arznei, sehr viele Rechnungen und andere Papiere, die ich zu gern durchstöbert hätte, wäre dazu Zeit gewesen. Am Schrank hingen Schlüssel.

Ich wandte mich den Truhen zu. Die erste war voll Mehl, die zweite voll von Geldbeuteln und gebündelten Papieren. In der dritten fand ich unter Kleidungsstücken ein verrostetes, bösartig aussehendes Dolchmesser von der Art, wie Hochländer es tragen. Die Scheide fehlte. Ich versteckte das Ding unter meiner Weste und trat wieder zu meinem Oheim. Er lag da, wie er hingestürzt war. Sein Gesicht zeigte eine befremdend blaue Färbung, und sein Atem schien zu stocken. Furcht überkam mich. Rasch holte ich Wasser und bespritzte damit sein Gesicht. Als er wieder zu sich kam und mich erblickte, zeigten seine Augen einen Ausdruck unaussprechlichen Erschreckens.

"Bist du am Leben?", stöhnte er.

"Allerdings", erwiderte ich.

Er atmete mühsam. "Das blaue Fläschchen", sagte er, "im Eckschrank … das blaue Fläschchen!" Sein Atem ging noch langsamer.

Ich lief zum Arzneischrank und gab ihm die Medizin, so schnell ich konnte. Als er sich etwas erholt hatte, sagte er: "Ich habe ein altes Leiden, Davie. Es ist das Herz."

Ich setzte ihn auf einen Stuhl. Einerseits hatte ich Mitgefühl mit einem Menschen, der so schwer krank schien. Andererseits war ich voller Zorn und Empörung. Deshalb verlangte ich von ihm eine Erklärung zu folgenden Fragen: "Warum fürchten Sie, dass ich wieder von Ihnen weggehe? Warum haben Sie mir eine Geldsumme gegeben, auf die ich nach meiner Überzeugung keinen Anspruch habe? Und warum haben Sie versucht, mich zu töten?"

Er nahm alles schweigend hin. Dann flehte er mich mit gebrochener Stimme an, ihn ins Bett gehen zu lassen. "Ich werde dir morgen alles sagen", versprach er, "ich schwöre es dir."

Er war so schwach, dass ich einwilligen musste. Allerdings schloss ich ihn in sein Zimmer ein und nahm den Schlüssel an mich. Dann ging ich in die Küche zurück, machte ein großes Feuer, legte mich auf eine Truhe und schlief sofort ein.

Ich gehe mit zur Fähre

Starker Regen fiel während der Nacht. Am nächsten Morgen blies ein schneidender Wind aus Nordwesten und trieb zerrissene Wolken vor sich her. Trotzdem lief ich, noch ehe die Sonne aufging, hinab zum Bach und tauchte an einer tiefen Stelle in das Wasser. Dann setzte ich mich an das Feuer in der Küche und dachte über meine Lage nach.

Ich hatte keinen Zweifel, dass mein Oheim mein Feind war und dass ich selbst auf mich aufpassen musste. Aber ich war mir sicher, dass alles ein gutes Ende nehmen würde, wenn ich die Oberhand bekäme. Ich malte mir aus, wie ich einem Geheimnis nach dem anderen auf die Spur kommen würde.

So voller Mut ging ich die Treppe hinauf und gab meinem Gefangenen die Freiheit. Bald darauf saßen wir beim Frühstück. "Nun, Sir", sagte ich, nicht ohne Hohn und Spott in der Stimme, "habt Ihr mir nicht etwas zu sagen? Es ist wohl an der Zeit, dass wir einander besser verstehen lernen. Ihr haltet mich für einen Tölpel vom Lande, und ich habe Euch für einen guten Menschen gehalten. Wie es scheint, waren wir beide im Irrtum."

Er murmelte etwas von einem Scherz und versicherte, dass er mir alles nach dem Frühstück erklären wolle. Ich sah seinem Gesicht an, dass ihm noch keine Lüge eingefallen war. Gerade, als ich ihm das sagen wollte, klopfte es an der Tür. Ich öffnete und fand einen halbwüchsigen Jungen in Seemannstracht vor. Er sagte, dass er einen Brief vom alten Hossy an Herrn Balfour habe. Dann fügte er hinzu: "Hungrig bin ich auch, und das sehr, Kamerad!"

Ich ließ ihn ein und setzte ihn auf meinen eigenen Platz, wo er sich gierig über die Reste des Frühstücks hermachte. Indessen hatte mein Oheim den Brief gelesen und saß nun nachdenklich da. Dann stand er plötzlich auf und zog mich in den entferntesten Winkel des Raumes. "Lies das!", sagte er und gab mir den Brief in die Hand.

Wirtshaus Hawes, bei Queensferry
Sir, ich liege hier vor Anker und schicke meinen Schiffsjungen zu Eurer Information. Wenn Ihr irgendwelche weiteren Aufträge habt für Übersee, so wäre heute die letzte Gelegenheit, denn der Wind ist günstig zum Auslaufen. Ich will nicht leugnen, dass ich mit Eurem Vertreter, Mister Rankeillor, Unstimmigkeiten gehabt habe. Aus diesen werden sich, wenn die Sache nicht rasch in Ordnung kommt, für Euch vielleicht einige Verluste ergeben. Ich habe eine Rechnung für Euch aufgesetzt und bin Euer gehorsamer, ergebener Diener
Elias Hoseason.'

Als mein Oheim merkte, dass ich mit dem Lesen fertig war, meinte er: "Davie, ich habe Geschäfte mit diesem Hoseason. Er ist Kapitän einer Handelsbrigg, der ‚Covenant'. Wenn du und ich mit dem Jungen da hinüber gingen, könnte ich den Mann im Wirtshaus ‚Hawes' treffen, vielleicht auch an Bord der ‚Covenant', wenn Papiere zu unterzeichnen wären. Und um nicht Zeit zu verlieren, könnten wir gleich einmal zu Mister Rankeillor gehen, meinem Anwalt. Nach allem, was geschehen ist, glaubst du mir ja nicht mehr, aber dem Anwalt wirst du glauben. Er besorgt die Geschäfte für die Hälfte des Adels hier in der Gegend. Ein alter Mann, hoch angesehen, und er hat deinen Vater gekannt."

Ich dachte über den Vorschlag nach und kam zu dem Schluss, dass mir auf dem Weg zum Hafen und zum Anwalt kein Anschlag meines Onkels drohte, denn überall waren da zu viele Menschen. Dazu kam, dass ich endlich einmal das Meer und die Schiffe sehen wollte, denn mein bisheriges Leben hatte ich ja in den Bergen im Inland verbracht.

"Gut", sagte ich, "gehen wir nach Queensferry."

Mein Oheim nahm Hut und Rock und schnallte einen alten, rostigen Hirschfänger um. Dann traten wir das Feuer aus, verschlossen die Tür und machten uns auf den Weg.

Es war Juni. Auf den Wiesen leuchteten die Gänseblümchen, die Bäume blühten weiß, aber der Wind blies sehr kalt.

Ohm Ebenezer sagte den ganzen Weg über kein Wort. Der Schiffsjunge erzählte mir, er heiße Ransome und fahre seit seinem neunten Jahr zur See. Wie alt er jetzt war, wusste er nicht. Er zeigte mir tätowierte Zeichen auf seiner Brust und fluchte fürchterlich, wenn ihm der Sinn danach stand. Er brüstete sich mit vielen wilden, scheußlichen Dingen, die er getan haben wollte: mit Diebstählen, falschen Anklagen, ja sogar mit Mord, aber ich glaubte ihm das alles nicht so recht.

Ich fragte ihn nach der Brigg. Er hielt sie für das beste Schiff, das auf See fährt. Von Kapitän Hoseason meinte er, dass er rau, ungestüm und steinhart sei. Das alles bewunderte der arme, kleine Schiffsjunge als seemännisch und mannhaft. Eines aber musste er bei aller Bewunderung für den Kapitän zugeben. "Hossy", so nannte er ihn, "ist kein richtiger Seemann. Nicht er, sondern Mister Shuan steuert die Brigg. Der ist der großartigste Seemann, den es gibt, bis auf's Saufen." Dann zeigte er mir eine große, offene Wunde am Bein, die ihm Mister Shuan zugefügt hatte.

Dann änderte sich plötzlich sein Ton, und er zeigte mir einen großen Dolch, den er, wie er sagte, gestohlen hatte. "Oha, Mister Shuan soll das nicht noch einmal versuchen! Dann mache ich ihn kalt! Er wäre nicht der Erste!"

Ich begann zu begreifen, dass die Brigg ‚Covenant' nichts viel Besseres war als eine schwimmende Hölle auf dem Meer. Ich fragte den Schiffsjungen, ob er nicht lieber an Land leben wolle, wo es weit weniger gefährlich zugehe als auf dem Schiff, ohne die Gefahren von Wind und See und ohne die grässlichen Grausamkeiten der Leute.

Da begann er seine Lebensart zu rühmen und erzählte mir, wie lustig es sei, an Land zu gehen mit Geld in der Tasche, es auszugeben wie ein erwachsener Mann, zu prahlen und anderen Jungen, solchen jämmerlichen Landratten, wie er sie nannte, einen Streich zu spielen. Schließlich sagte er: "Es ist nicht immer so übel. Da gibt's welche, die sind schlimmer dran als ich, zum Beispiel die Zwanzigpfünder. Da war einer, etwa so alt wie Ihr. Sobald wir auf offener See waren, und er nicht mehr benebelt war von dem Zeug, das sie ihm eingegeben hatten, hat er geschrien und getobt. Und erst die Kleinen. Die verprügle ich immer tüchtig mit einem Tauende."

Mit der Zeit bekam ich mit, dass mit ‚Zwanzigpfündern' jene unseligen Verbrecher gemeint waren, die man als Sklaven nach Nordamerika verschickte und mit ‚Kleinen' jene noch viel unseligeren Kinder, die aus Rache oder zum eigenen Vorteil der Entführer angelockt und entführt wurden.

Als wir auf eine Berghöhe kamen, sah ich die Mündung des Flusses, in deren Mitte eine kleine Insel mit Ruinen lag. Am Südufer war ein Landungssteg für die Fähre eingerichtet, an dessen Ende ein hübscher Garten mit Stechpalmenbüschen und Weißdorn sowie das Gebäude des Wirtshauses ‚Hawes' sichtbar wurden. Das Fährboot hatte gerade in Richtung Norden abgelegt, und ein Ruderboot schwamm am Rand mit ein paar Matrosen, die schliefen. Ransome sagte mir, dass sei das Boot der Brigg, welches auf den Kapitän warte.

Etwa eine halbe Meile entfernt entdeckte ich mit seiner Hilfe die ‚Covenant' selbst. An Bord herrschte die Geschäftigkeit der Abfahrtsstunde. Nach allem, was ich auf dem Weg erfahren hatte, blickte ich nach dem Schiff mit größter Abscheu, und aus tiefstem Herzensgrund bemitleidete ich alle armen Seelen, die verurteilt waren, mit ihm zu fahren.

Zu meinem Oheim sprach ich: "Ich möchte Euch mitteilen, dass nichts auf der Welt mich dazu bringen wird, an Bord dieser ‚Covenant' zu gehen."

"Schön, schön", erwiderte er, "aber wozu stehen wir denn hier herum? Es ist schauderhaft kalt, und wenn ich mich nicht irre, machen die Leute die ‚Covenant' schon zur Ausfahrt fertig."

Was sich an der Fähre zutrug

Als wir im Wirtshaus angelangt waren, führte uns Ransome sofort die Treppe hinauf in einen kleinen Raum. An einem Tisch saß ein großer, schwarzbärtiger, ernst dreinblickender Mann und schrieb. Dieser Kapitän sah kühl, besonnen und beherrscht aus. Er stand sogleich auf, kam uns entgegen und bot Ebenezer seine große Hand.

"Ich freue mich, Euch zu sehen, Mister Balfour", sagte er mit klangvoller, tiefer Stimme, "und besonders, weil Ihr so rasch gekommen seid. Der Wind ist günstig, und die Flut wendet gerade."

Im Zimmer war es sehr warm. Der Kapitän sagte, dass er es so liebe. Ich hatte mir zwar vorgenommen, meinen Oheim nicht aus den Augen zu lassen, aber ich war echt ungeduldig, näher ans Meer zu kommen. Da mir von der stickigen Luft im Zimmer übel wurde, beging ich eine unverzeihliche Torheit. Ich gehorchte meinem Oheim, als er sagte, dass ich eine Weile hinuntergehen und mir die Zeit vertreiben soll.

So ließ ich die beiden Männer bei einer Flasche und einer Menge von Papieren sitzen, ging bei dem Wirtshaus über die Straße und gelangte so zum Meeresufer. Das Seewasser roch salzig und belebend. Auf der ‚Covenant' wurden jetzt die Segel losgemacht. Ich dachte an weite Reisen und ferne Länder.

Dann sah ich mir die Seeleute in dem Boot an: große, braungebrannte Kerle, einige mit Tüchern um den Hals, einer mit zwei Pistolen in den Taschen, ein paar bewaffnet mit Knotenstöcken, alle mit Dolchen. Ich fragte einen von ihnen, der nicht ganz so schrecklich aussah, nach dem Auslaufen der Brigg. Er erwiderte, dass es mit einsetzender Ebbe losgehe, fluchte dann aber derart fürchterlich, dass ich schnell weglief.

Bald kam Ransome aus dem Wirtshaus zu mir gelaufen. Er bettelte mich um ein Glas Punsch an, aber ich antwortete, dass das nichts für unser Alter sei. "Aber ein Glas Bier kannst du haben." Er bedachte mich dafür mit hässlichen Namen, war aber schließlich doch froh, ein Bier zu bekommen. Nach einer Weile saßen wir im Vorderzimmer des Wirtshauses und aßen und tranken beide voller Lust.

Der Wirt fragte mich später, ob ich ein Verwandter von Ebenezer sei. Ich verneinte, aber er erwiderte, dass ich ihn irgendwie an Mister Alexander erinnere. Ich fragte ihn nach Ebenezer und er sagte: "Er ist ein schlimmer alter Kerl, und viele hier würden gern ein Seil um seinen Hals sehen, zum Beispiel Jennet Clouston und noch manch einer, den er um Haus und Hof gebracht hat. Früher war er ein feiner junger Bursche. Aber das war, als das Gerücht über Mister Alexander noch nicht aufgekommen war, denn das war eine Art Todesurteil für ihn."

"Was für ein Gerücht?", fragte ich.

"Na, dass er ihn umgebracht haben soll", sagte der Wirt. "Habt Ihr das nie gehört?"

"Und warum sollte er ihn umgebracht haben?", fragte ich.

"Na, warum denn? Um das Anwesen zu bekommen!", gab er zurück.

Nun fragte ich weiter: "War Alexander der ältere Sohn?"

"Natürlich", sagte der Wirt, "warum hätte er ihn sonst umgebracht?"

Damit ging er von unserem Tisch. Gewiss, ich hatte das längst vermutet, aber ich konnte es nicht glauben, dass ich nun ein Reicher sein sollte, ein Haus besitzen und Ländereien. Eine ganze Weile hing ich meinen Träumereien nach.

Dann sah ich aus dem Fenster und erblickte Kapitän Hoseason, der bei seinen Leuten stand und eindringlich - befehlend zu ihnen sprach. Nach einer Weile kam er wieder auf das Haus zu. Er hatte eine schöne, hoch gewachsene Gestalt, und auf seinem Gesicht lag noch immer der ernste, beherrschte Ausdruck. Ich fragte mich, ob Ransomes Geschichten wahr sein könnten, denn sie passten so gar nicht zum Aussehen dieses Mannes. Ich sollte aber noch erfahren, dass sich in dem Kapitän zwei Männer vereinten, aber den besseren ließ er leider an Land, sobald er den Fuß an Bord seines Schiffes setzte.

Schließlich rief mich mein Oheim. Ich traf ihn und den Kapitän auf der Straße, und der Kapitän sprach mich an, als wären wir beide völlig gleichen Ranges. "Sir", sagte er, " Mister Balfour hat mir viel Gutes von Euch erzählt. Ich wünschte, ich wäre länger hier! Vielleicht würden wir gute Freunde. Kommt eine halbe Stunde auf meine Brigg, bis die Ebbe einsetzt, und trinkt ein Glas mit mir!"

Ich hätte das Schiff zwar zu gern von innen gesehen, aber ich wollte mich nicht auf dieses Wagnis einlassen. So sagte ich ihm, dass mein Oheim und ich eine Verabredung mit einem Anwalt hätten.

Darauf erwiderte er, dass uns seine Matrosen dann mit dem Boot an Land bringen würden. Dann beugte er sich plötzlich herab und flüsterte mir ins Ohr: "Nehmt Euch in acht vor dem alten Fuchs! Er meint's nicht gut. Kommt auf's Schiff, damit ich Euch ein Wort darüber sagen kann!" Dann schob er seinen Arm unter den meinen und fuhr mit lauter Stimme fort: "Nun, was darf ich Euch von der Reise mitbringen? Ein Freund von Mister Balfour braucht nur zu befehlen. Tabak? Indianischen Federschmuck? Ein Fell von einem wilden Tier? Eine Steinpfeife? Einen Kanarienvogel, rot wie Blut? Wählt und sagt, was Euch Spaß machen würde!"

Inzwischen waren wir am Boot angelangt, und er half mir hinein. Ich glaubte, einen Freund und Helfer gefunden zu haben und war glücklich, ein Schiff von innen sehen zu können. Kaum hatten wir alle Platz genommen, stieß das Boot auch schon von Land ab und glitt über das Wasser.

Als wir am Schiff ankamen, staunte ich über seine gewaltige Höhe, über das starke Brausen der Wellen und über die fröhlichen Rufe der Matrosen bei der Arbeit. An Bord angekommen, staunte ich über all das Neue, worauf der Kapitän mich hinwies und wovon er mir Namen und Gebrauch angab.

Plötzlich fragte ich: "Wo ist mein Oheim?"

Da sah mich Hoseason auf einmal hart und feindlich an: "Ja, das ist so eine Sache!"

Ich machte mich mit aller Kraft von ihm frei und rannte zur Reling. Da fuhr das Boot, fuhr zur Stadt zurück, und mein Onkel saß drin. Ich schrie: "Hilfe! Hilfe! Mord!" Da wandte mein Oheim mir sein Gesicht zu. Es war grausam und Schrecken erregend. Dann zerrten mich starke Hände von der Reling weg, mir war, als träfe mich ein Donnerschlag und mir schwanden die Sinne.

Ich gehe zur See auf der ‚Covenant'

In tiefem Dunkel kam ich zu mir, gequält von Schmerzen, an Händen und Füßen gefesselt, betäubt von vielen fremdartigen Geräuschen. Die ganze Welt hob sich bald taumelnd in die Höhe, bald sauste sie taumelnd hinab. Ich brauchte eine ganze Weile, bis mir klar wurde, dass ich im Rumpf des Schiffes lag, und der Wind offenbar zu Sturmstärke angewachsen war.

Als ich meine traurige Lage voll begriff, überfielen mich schwärzeste Verzweiflung, eine tiefe Reue über meine grenzenlose Torheit und ein leidenschaftlicher Zorn gegen meinen Oheim. Dann schwanden mir abermals die Sinne.

Als ich wieder ins Leben zurückkehrte, kam zu allen anderen Übeln auch noch die Seekrankheit hinzu. Ich hatte keinerlei Zeitmaß. Tag und Nacht glichen einander in der stinkenden Höhle des Schiffsbauches. Schließlich schlief ich ein.

Eine Handlaterne leuchtete mir ins Gesicht, und ich erwachte. Vor mir stand ein kleiner Mann von etwa dreißig Jahren, mit grünen Augen und einem blonden Haarschopf. "Nun", sagte er, "wie geht's?"

Ich antwortete mit einem Stöhnen. Der Besucher fühlte meinen Puls und begann, die Wunden an meinem Kopf zu waschen und zu verbinden. Dabei meinte er: "Das war ein böser Streich, mein Junge! Nur Mut! Das war ein schlechter Anfang! Versuche du etwas besseres daraus zu machen! Hast du schon was gegessen?"

Ich wollte kein Essen. Da gab er mir etwas Branntwein und ließ mich wieder allein.

Als er das nächste Mal kam, war die Seekrankheit fast vorbei, aber mir war sehr schwindlig. Überdies schmerzten alle meine Glieder, und die Fesseln brannten wie Feuer. Ratten waren mir zuweilen über's Gesicht gelaufen. Diesmal folgte dem Grünäugigen der Kapitän. "Da, seht selbst", sagte der erste, "hohes Fieber, keine Esslust, kein Licht, keine Speise! Ich will, dass der Junge aus dieser Höhle herauskommt auf das Vorderdeck!"

"Was Ihr wollt, Sir, das geht niemanden weiter an als Euch selbst", antwortete der Kapitän. "Ich kann Euch sagen, was geschehen wird: Hier ist er, und hier bleibt er!"

"Sicher seid Ihr angemessen dafür bezahlt worden", sagte der andere, "aber ich habe nicht mehr bekommen als meinen Lohn als zweiter Offizier. Für etwas anderes bin ich nicht bezahlt worden!"

"Wenn Ihr nicht so viel trinken würdet, hätte ich keine Klagen über Euch, Mister Riach. Wir müssen wieder an Deck!", fügte er in schärferem Ton hinzu und setzte seinen Fuß auf die Leiter.

Aber Mister Riach packte ihn am Ärmel. "Vielleicht seid Ihr angemessen bezahlt worden für diesen Menschenmord!"

Mit blitzenden Augen wandte sich Hoseason um. "Was soll das heißen? Was sind das für Reden? Mister Riach, ich bin dreimal mit Euch über den Teich gefahren. In dieser Zeit solltet Ihr mich kennen gelernt haben! Ich bin hart, meinetwegen, aber was Ihr da sagt - pfui! Ihr meint wirklich, der Bursche müsste sterben?"

"Jawohl, muss er!", sagte Riach.

"Gut, Sir", rief Hoseason, "bringt ihn, wohin Ihr Lust habt!"

Der Kapitän kletterte die Leiter hinauf. Ich hatte während der ganzen Unterhaltung wortlos auf meinem Platz gelegen. Ich hatte dabei bemerkt, dass der Steuermann etwas angetrunken war, aber vielleicht könnte er sich noch als wertvoller Freund erweisen.

Fünf Minuten später waren meine Fesseln durchgeschnitten. Ein Mann lud mich auf den Rücken, trug mich auf's Vorderdeck und legte mich in eine Koje auf ein paar Decken. Endlich sah ich Tageslicht! Ich befand mich in menschlicher Gesellschaft! In anderen Schlafkojen saßen die Leute von der Freiwache rauchend oder lagen schlafend. Der Tag war ruhig, der Wind günstig, die Luke stand offen, und das liebe Tageslicht fiel herein. Einer von den Leuten brachte mir einen Heiltrunk, den Riach zubereitet hatte. Er sagte, ich solle ruhig liegen, dann würde es mir bald besser gehen.

So lag ich viele Tage. Ich gewann meine Gesundheit wieder und lernte meine Mitfahrenden kennen. Sie waren eine raue Bande, wie Matrosen es meist sind. Einige von ihnen waren mit Piraten zur See gefahren und hatten schreckliche Dinge gesehen. Manche waren von den Schiffen des Königs desertiert und trugen deshalb den Galgenstrick um den Hals. Alle waren auf ein bloßes Wort hin mit dem Knüttel zur Hand, auch ihren besten Freunden gegenüber.

Doch kaum war ich ein paar Tage mit ihnen zusammen, so schämte ich mich wegen meines raschen Urteils über sie. Kein Mensch ist ganz schlecht, jeder hat seine eigenen Fehler und Vorzüge, und meine Schiffsmannschaft bildete da keineswegs eine Ausnahme. Rau waren sie sicher und wahrscheinlich auch schlecht, aber sie hatten dabei viele gute Seiten. Manchmal waren sie sogar freundlich, und eine gewisse Ehrlichkeit war ihnen nicht fremd.

Ein etwa vierzigjähriger Mann war darunter, der stundenlang an meiner Koje saß und mir von seiner Frau und seinem Kind erzählte. Er war ein Fischer, der sein Boot verloren hatte und nun gezwungen war, als Matrose zu dienen.

Etwas Gutes, das sie mir erwiesen, war, dass sie mir mein Geld zurückgaben, das sie schon unter sich aufgeteilt hatten. Zwar war es nun etwa ein Drittel weniger als zuvor, doch ich freute mich sehr darüber. Vielleicht würde es noch einmal wichtig für mich sein!

Das Schiff sollte nach den beiden Carolina segeln, wo ich als weißer Sklave auf einer Plantage verkauft werden sollte. Zu diesem Schicksal hatte mich mein Oheim verurteilt.

Ransome, der Schiffsjunge, kam zuweilen zu mir. Bald rieb er sich in wortloser Qual ein paar zerschlagene Knochen, bald tobte er über die Härte und Grausamkeit des Mister Shuan. Aber die Leute zeigten höchste Achtung vor dem Obermaat, der ihrer Meinung nach der einzige Seemann auf der ganzen Kiste war. Wenn er nüchtern wäre, sei er gar nicht so übel.

Wirklich bestand ein merkwürdiger Unterschied zwischen unseren beiden Steuerleuten: Riach war mürrisch, unfreundlich und abweisend, wenn er nicht getrunken hatte. Shuan aber tat keiner Fliege was zuleide, außer wenn er trank.

Während unserer Fahrt versuchte ich, einen besseren Menschen aus Ransome zu machen. Er solle an Land leben und etwas lernen. Wenn er gerade mal wieder verletzt war, weinte er bitterlich und schwor wegzulaufen. Aber wenn er ein Glas Schnaps bekommen hatte, spottete er über meine Überredungskünste. Den Schnaps bekam er von Mister Riach. Einige der Matrosen lachten über die dummen Reden, die Ransome dann hielt, aber nicht alle.

Die ganze Zeit über hatte die ‚Covenant' mit Gegenwinden zu kämpfen. Sie rollte auf und ab in den Wellen, so dass die Luke fast dauernd geschlossen blieb und im Vorderdeck nur das Licht der hin und her schwingenden Laterne war. Die Stimmung der Leute wurde immer schlechter. Es gab Gebrumm und Streit den ganzen Tag. Was sollte ich aber sagen? Mir war auch jetzt noch nicht erlaubt, auch nur den Fuß an Deck zu setzen! Man kann sich wohl denken, wie ungeduldig ich mir die Veränderung meiner Situation wünschte.

Als Mister Riach einmal in angeheitertem Zustand war, setzte er sich zu mir. Ich verpflichtete ihn zu Verschwiegenheit und erzählte meine ganze Geschichte. Er erklärte, dass er mir nach Kräften helfen wolle. Ich sollte Papier, Feder und Tinte bekommen, sollte ein paar Zeilen an Mister Campbell und ein paar an Mister Rankeillor schreiben; und Mister Riach war sich sicher, dass die Hilfe der beiden mich durchbringen und mir zu meinen Rechten verhelfen werde.

Er sagte mir auch, dass ich nicht der Einzige bin, dem Unrecht widerfahren sei. "Sieh mich an! Ich bin ein Herrensohn und ein halb gelernter Arzt. Und was bin ich hier? Hoseasons Narr!"

Die Hütte

In einer der nächsten Nächte kam ein Mann von Mister Riachs Wache herunter, um seine Jacke zu holen. Sogleich erhob sich ein Geflüster auf dem Vorderdeck: "Shuan hat ihm den Rest gegeben." Es brauchte kein Name genannt zu werden. Alle wussten auch so, wer gemeint war. Da ging die Luke wieder auf, und Mister Hoseason kam die Leiter herab. Er kam geradewegs auf mich zu und sprach mich zu meiner Überraschung in freundlichem Ton an:

"Junge", sagte er, "wir hätten gern, dass du uns in der Hütte bedienst. Du kannst mit Ransome das Bett tauschen. Rasch, lauf nach hinten!"

Noch während er redete, erschienen zwei Leute mit Ransome auf den Armen. Sein Gesicht war weiß wie Wachs und zeigte so etwas wie ein grausiges Lächeln. Mein Blut erstarrte zu Eis, und mein Atem stand still. Ransome rührte sich nicht und sprach kein Wort.

"Los! Nach hinten mit dir! Lauf!", rief Hoseason.

Ich drückte mich an den Matrosen und dem Jungen vorbei und eilte die Leiter hinauf an Deck. Später erfuhr ich, dass wir nun auf hoher See waren, zwischen den Orkney- und den Shetland-Inseln. Ich lief über das Deck, immer nach einem Tau haschend, um von den Sturzseen nicht weggespült zu werden. Nur die Hilfe eines Matrosen, der schon immer freundlich zu mir gewesen war, bewahrte mich davor, dass ich über Bord ging.

Die Hütte, wo ich nun schlafen und bedienen sollte, stand auf dem Deck, etwa sechs Fuß hoch und recht geräumig. Innen waren ein befestigter Tisch und eine ebensolche Bank, dazu zwei Bettkojen, eine für den Kapitän, die andere für die beiden Offiziere zum abwechselnden Gebrauch. Überall waren Schränke angebracht, die vom Boden bis zur Decke reichten. Darin waren die Sachen der Offiziere und ein Teil der Schiffsvorräte verstaut.

Ein zweiter Vorratsraum befand sich darunter, den man durch eine Luke in der Mitte des Bodens betrat. In ihm waren das Beste von Speisen und Getränken sowie alles Pulver des Schiffes untergebracht. Alle Feuerwaffen außer zwei Bronzegeschützen lagen auf einem Gestell an der hintersten Wand der Hütte, während die meisten Entermesser anderswo waren.

Ein kleines Fenster und ein Fenster im Dach ließen Licht herein. Wurde es dunkel, so brannte stets eine Lampe. Als ich eintrat, sah ich in ihrem Licht Mister Shuan, der am Tisch saß, die Branntweinflasche und einen Zinnbecher vor sich. Er starrte auf den Tisch.

Von meinem Kommen und auch von der Anwesenheit des Kapitäns nahm er in keiner Weise Kenntnis Ich fürchtete mich vor Hoseason, wozu ich ja allen Grund hatte, doch etwas sagte mir, dass ich in diesem Augenblick keine Angst vor ihm haben musste.

Gleich darauf kam Mister Riach. Er warf dem Kapitän einen Blick zu, der so klar wie ein gesprochenes Wort ausdrückte: Der Junge ist tot! Er stellte sich zu uns, und wir blickten alle drei auf Mister Shuan, der noch immer wortlos und starr auf den Tisch blickte. Plötzlich streckte er die Hand nach der Flasche aus, aber Mister Riach trat sofort vor und entriss sie ihm. Er stieß dazu einen Fluch aus und rief: "Viel zu viel hat dieses Zeug schon angerichtet! Die Strafe des Himmels wird über das Schiff kommen!" Dann schleuderte er die Flasche durch die offene Tür ins Meer.

Im Nu war jetzt Mister Shuan auf den Beinen. Er sah noch etwas verwirrt aus und hätte wohl in dieser Nacht zum zweiten Mal gemordet, hätte sich nicht der Kapitän dazwischen gedrängt.

"Hinsetzen, du besoffenes Schwein!", brüllte der Kapitän. "Weißt du, was du getan hast? Ermordet hast du den Jungen!"

Mister Shuan schien es zu verstehen. Er fiel auf seinen Sitz zurück, hob die Hand an die Stirn und sagte: "Ja, der Kerl hat mir einen dreckigen Becher gebracht."

Der Kapitän, Mister Riach und ich sahen einander an. Wir waren wie vor den Kopf geschlagen. Dann fasste Hoseason seinen ersten Offizier an den Schultern und schob ihn in seine Koje, wo er schlafen sollte. Nun schrie Mister Riach mit fürchterlicher Stimme: "Längst hättet Ihr dazwischenfahren müssen! Schon längst! Jetzt ist es zu spät!"

"Riach", wandte sich der Kapitän ihm zu, "was in dieser Nacht geschehen ist, darf unter keinen Umständen bekannt werden in Dysart! Der Junge ist über Bord gegangen, so lautet die Geschichte! Fünf Pfund aus meiner eigenen Tasche würde ich zahlen, wenn es wahr wäre!" Dann sagte er zu mir: "David, hol mir eine neue Flasche. Sie sind im untersten Schrank." Er warf mir einen Schlüssel zu. "Euch wird ein Glas auch nicht schaden!", fügte er zu Riach gewandt hinzu. "Es war doch ein scheußlicher Anblick!" So setzten sich die beiden hin und schwatzten.

Das war die erste Nacht, in der ich meine neuen Pflichten erfüllte, und schon am nächsten Tag hatte ich mich gut in meine Arbeit gefunden. Ich musste bei den Mahlzeiten bedienen, die der Kapitän zu ganz regelmäßigen Zeiten mit dem Offizier einnahm, der gerade keinen Dienst hatte. Den ganzen Tag über hatte ich ihnen Schnaps zu bringen. Nachts schlief ich auf einer Decke auf dem Boden der Hütte, ganz in einer Ecke. Das war hart und kalt. Dazu kam, dass sie mich nicht ohne Unterbrechung schlafen ließen. Immer wieder verlangten sie Schnaps, und manchmal brauten sie sich einen Punsch.

In anderer Hinsicht war mein Dienst nicht schwer. Tischdecken gab es nicht. Die Mahlzeiten bestanden aus Hafergrütze und Pökelfleisch. Zweimal in der Woche gab es Mehlbrei, und der Kapitän und Mister Riach waren erstaunlich geduldig mit mir, wenn ich noch etwas unbeholfen war, ja manchmal sogar mit allem, was ich trug, hinstürzte. Ich nahm an, dass sie wegen Ransome ein schlechtes Gewissen hatten.

Mister Shuan gewöhnte sich nie an meine Anwesenheit. Er starrte mich ständig an, manchmal wie schreckerfüllt. Wenn ich ihn bediente, fuhr er vor meiner Hand zurück. Ich glaubte, dass seine Sinne gestört waren und dass ihm nicht klar war, was er getan hatte. Den Beweis dafür, dass es wirklich so war, erhielt ich schon an meinem zweiten Tag in der Hütte. Wir waren allein, und er hatte längere Zeit zu mir gestarrt. Da stand er plötzlich totenbleich auf und trat dicht an mich heran. Ich erschrak bis ins Innerste, aber es gab keinen Grund, sich vor ihm zu fürchten.

"Du warst früher nicht hier?", fragte er.

"Nein, Sir", erwiderte ich.

"Ein anderer Junge war hier, nicht?", fragte er weiter.

Als ich das bejahte, meinte er: "Ah, das dachte ich mir." Dann ging er, setzte sich wieder, sprach kein Wort mehr; nur nach Schnaps verlangte er.

Seltsamerweise hatte ich Mitleid mit ihm. Er war verheiratet, und ich hoffte, dass er keine Kinder hätte.

Zu dieser Zeit war mein Leben nicht sehr schwer. Ich bekam das beste Essen, das es an Bord gab, und wenn ich gewollt hätte, hätte ich von früh bis abends betrunken sein können. Mister Riach, der auf der Universität gewesen war, sprach zu mir wie ein Freund, wenn er nicht gerade schlechter Laune war. Er erzählte mir viele seltsame, aber auch wissenswerte Dinge. Sogar der Kapitän erzählte mir manchmal von den schönen Ländern, die er besucht hatte.

Gedanken machte ich mir über meine Zukunft. Ich sah nichts anderes vor mir als Sklavenarbeit unter Negern auf Tabakfeldern. Die Tage kamen und gingen, und mein Mut sank immer tiefer.

Der Mann mit dem Gürtel voll Gold

Am zehnten Tag der Reise ließ nachmittags die Dünung nach, und ein dichter, regenschwerer weißer Nebel breitete sich aus. Man konnte nicht von einem Ende der Brigg zum anderen sehen. Den ganzen Nachmittag über beobachtete ich, wie Matrosen und Offiziere über die Reling gebeugt scharf lauschten. Ich spürte, dass Gefahr in der Luft lag und war sehr erregt.

Etwa gegen zehn Uhr abends bediente ich den Kapitän und Mister Riach beim Essen, als das Schiff mit lautem Krachen auf etwas stieß. Wir hörten Geschrei, und die beiden Männer sprangen auf.

"Aufgefahren!", sagte Riach.

"Nein, Sir", entgegnete der Kapitän, "wir haben nur ein Boot gerammt."

Und hinaus waren sie. Der Kapitän behielt Recht. Im Nebel hatten wir ein Boot in den Grund gebohrt. Es war mit der ganzen Mannschaft untergegangen, nur ein Mann wurde gerettet, dem es zu seinem Glück gelungen war, sich an unserer Brigg festzuhalten. Er war nicht groß, aber gut gewachsen. Als der Kapitän ihn in die Hütte geleitete, sah ich sein dunkelbraun gebranntes Gesicht mit zahllosen Sommersprossen und Pockennarben. Er hatte einen angenehmen, offenen Blick. Ungemein hell waren seine Augen, aus denen eine gewisse übermütige Kühnheit funkelte. Er legte seinen Mantel ab und warf ein Paar feine, silberbeschlagene Pistolen auf den Tisch. An seinem Gürtel sah ich einen großen Säbel. Mir war klar, dass ich diesen Mann auf den ersten Blick lieber zum Freund als zum Feind haben wollte.

Der Kapitän beobachtete mehr die Kleidung des Mannes als seine Persönlichkeit. In der Tat war diese prächtig: Hut mit weißen Federn, rote Weste, schwarze Samthosen, blauer Rock mit Silberknöpfen und Silberborten - teure Kleider.

"Es tut mir sehr leid um das Boot, Sir", sagte der Kapitän.

"Ein paar ausgezeichnete Leute sind hinunter", erwiderte der Fremde, "die ich gern wieder an Land gesehen hätte."

"Freunde von Euch?", fragte Hoseason.

"Ihr habt keine solchen Freunde!", war die Antwort. "Gestorben wären sie für mich wie der treueste Hund!"

Der Kapitän sprach ihn auf seinen französischen Soldatenrock und die nicht dazu passende schottische Sprache an, und er sagte, dass er zu der anständigen Seite gehöre, zu den Jakobiten.

Darauf erwiderte der Kapitän; "Ich bin ein treuer Protestant und danke Gott dafür. Indessen hindert mich das nicht daran, Bedauern zu empfinden, wenn es einem anderen schlecht geht."

"Wirklich?", fragte der Jakobit. "Gut, ich will ganz offen sprechen. Wenn ich in die Hände der Rotröcke falle, dann wehe mir! Ich war auf dem Weg nach Frankreich. Hier in der Nähe kreuzte ein französischer Segler um mich mitzunehmen. Im Nebel ist er an uns vorbei gefahren. Um es kurz zu machen: Könnt Ihr mich dort absetzen, wohin ich wollte? Ich habe genug bei mir, um Eure Mühe hoch zu lohnen."

"An Land? In Frankreich?", rief der Kapitän. "Nein, Sir, das kann ich nicht! Aber zu Eurem Ausfahrtsort zurück, darüber könnte man reden."

Dann schickte er mich in die Kombüse, um das Abendessen für den Herrn zu holen. Als ich zurückkam, sah ich, dass der Herr einen goldgespickten Gürtel abgeschnallt hatte und gerade ein paar Guineen auf den Tisch legte. Der Kapitän sah erregt erst auf die Goldstücke, dann auf den Gürtel und schließlich in das Gesicht des Herrn. "Die Hälfte davon", rief er endlich, "und ich bin der Eure!"

Der Jakobit sagte: "Kein Heller davon gehört mir. Das Geld gehört meinem Häuptling, aber ich wäre ein schlechter Diener und Bote, wenn ich nicht einen Teil des Goldes nutzen würde, um den anderen zu retten. Dreißig Guineen, wenn Ihr mich an die Küste bringt und sechzig, wenn Ihr mich in der Bucht von Linnhe absetzt."

"Hm", machte Hoseason, "und wenn ich Euch den Rotröcken übergebe?"

"Ihr wäret ein Narr, wenn Ihr das tätet!", entgegnete der andere. "Lasst Euch sagen, Sir, mein Häuptling ist geächtet wie jeder anständige Mann in Schottland. Sein Land ist in den Händen des Mannes, der König Georg heißt. Dessen Beamte versuchen die Pacht einzutreiben, aber viele der Pächter denken noch an ihren Häuptling in der Verbannung. Und dieses Geld ist eben ein Teil jener Pachten, auf die König Georg so scharf ist."

"Also", erwiderte der Kapitän, "was sein muss, muss sein. Sechzig Guineen und abgemacht. Hier, meine Hand darauf!"

"Und hier meine!", sagte der andere.

Darauf ging der Kapitän hinaus, recht eilig, wie mir schien. So war ich in der Hütte mit dem Fremden allein.

Zu jener Zeit, kurz nach dem Jahr fünfundvierzig, kamen zahlreiche Edelleute unter Lebensgefahr aus der Verbannung zurück. Man sprach darüber, wie die Pächter der hochländigen Häuptlinge sich einschränkten, um ihnen Geld zukommen zu lassen, und wie sie und ihre Leute den Soldaten Trotz boten, wenn sie das Geld eintreiben wollten. Ich hatte auch davon gehört, dass sie es zwischen den Schiffen unserer großen Flotte hindurch über das Meer schafften.

Nun saß ein Mann vor mir, der nicht nur Anführer und Pachtschmuggler war, er hatte auch noch Dienst genommen bei König Ludwig von Frankreich. Noch dazu trug er einen Gürtel voller Goldguineen. Wie immer meine Anschauungen sein mochten, ein solcher Mann hatte meine Teilnahme!

Als ich ihm das Essen vorsetze, sagte ich: "Ein Jakobit seid Ihr also?"

"Ja", erwiderte er, "und du? Jemand mit einem so langen Gesicht dürfte ein Whig sein?" Ich wusste, dass das die gewöhnliche Bezeichnung für Anhänger von König Georg war.

"Na, so halb und halb", gab ich zurück.

"Tut nichts", sagte er und verlangte noch eine neue Flasche.

"Ich will den Schlüssel holen", meinte ich und trat hinaus aufs Deck. Der Nebel war noch immer sehr dicht, aber die Wellen nicht mehr so hoch. Ich sah den Kapitän mit den beiden Offizieren auf dem Mitteldeck, sie steckten ihre Köpfe zusammen. Sofort hatte ich das Gefühl, dass sie nichts Gutes im Schilde führen und lauschte angestrengt.

Es war Mister Riach, den ich rufen hörte: "Können wir ihn nicht aus der Hütte herauslocken?"

"Besser, wenn er drin bleibt", erwiderte Hoseason, "da hat er keinen Platz, um seinen Degen zu gebrauchen. Wir können ein Gespräch mit ihm anfangen, auf jeder Seite einer, und ihn dann an beiden Armen packen. Wenn das nicht geht, stürzen wir uns auf ihn, bevor er das Ding ziehen kann."

Mich ergriffen Furcht und Empörung über die verräterischen, gierigen, blutdürstigen Kerle. Ich hatte eine kühne Idee und trat an die drei heran: "Kapitän, der Herr möchte etwas zu trinken, aber die Flasche ist leer. Wollt Ihr mir den Schlüssel geben?" Sie erschraken und schauten zu mir.

"Hallo!", rief Riach. "Das wäre eine Möglichkeit, zu unseren Feuerwaffen zu kommen! Sag, David, weißt du, wo die Pistolen sind?"

"Natürlich weiß es David", warf Hoseason ein, "er ist ein tüchtiger Bursche! Siehst du, Davie, mein Junge, dieser wilde Hochländer ist eine Gefahr für uns alle, gar nicht davon zu reden, dass er ein Feind unseres Königs ist! Das Üble ist, dass alle unsere Gewehre in der Hütte sind, gerade unter seiner Nase, auch das Pulver. Wenn ich oder einer von den Offizieren hinginge und die Sachen herausnähme, würde er sich Gedanken darüber machen. Aber wenn ein Junge wie du ein Pulverhorn oder auch ein paar Pistolen holt, würde er es gar nicht merken. Mach's klug, Junge, und ich will es dir danken, wenn wir in Carolina ankommen. Der Mann hat einen ganzen Gürtel voll Gold, und ich gebe dir mein Wort, dass du einen gerechten Teil davon bekommst!"

Ich erklärte ihm, dass ich tun wolle, was er wünscht. Tatsächlich konnte ich vor Spannung kaum atmen. Er gab mir den Schlüssel zum Schnapsschrank, und ich ging langsam zurück. Was sollte ich tun? Ich dachte an alle ihre Greueltaten, aber was konnten ein Mann und ich gegen sie und die ganze Mannschaft tun?

Als ich in die Hütte kam, ging alles ganz schnell und wie von selbst. Ich legte meine Hand auf seine Schulter und fragte: "Möchtet Ihr hier den Tod finden?" Er sprang sofort auf, und ich sprach weiter: "Mörder sind sie alle hier! Ein Schiff voller Mörder! Einen Jungen haben sie schon umgebracht. Nun haben sie es auf Euch abgesehen!"

"So, so", sagte er, "dazu müssen sie mich aber haben!" Dann sah er mich mit einem seltsamen Blick an: "Willst du auf meiner Seite stehen?"

"Ja, das will ich! Ich bin kein Dieb und Mörder. Ich will Euch helfen!"

"Gut, wie heißt du?"

"David Balfour von Shaws", erwiderte ich.

"Ich heiße Stuart", antwortete er. "Alan Breck werde ich genannt." Gleich darauf begann er, unsere Verteidigungsmittel zu überprüfen. Die Hütte war stark gebaut. Von ihren fünf Öffnungen waren nur das Oberlicht und die beiden Türen so breit, dass ein Mann hindurch konnte. Die Türen waren überdies fest verschließbar. Er sagte, dass eine Tür offen bleiben sollte, weil er sie für seine Verteidigung brauche. Er wolle seine Feinde sehen.

Er nahm ein Entermesser vom Gestell und gab es mir. Außerdem sollte ich aus einem Pulverhorn und einem Sack voll Kugeln sämtliche Pistolen laden. Er stellte sich mitten in den Raum, das Gesicht zur Tür, zog seinen langen Degen und probierte, wie hoch er sich schwingen ließ. Kopfschüttelnd sagte er: "Ich muss ihn niedrig führen Das ist jammerschade. Meine Stärke ist die Auslage von oben her."

Während ich die Pistolen lud, war meine Brust vor Angst wie eingeschnürt. Wenn ich an die vielen Männer dachte, die nun gleich auf uns losgehen würden, bebte mir das Herz.

Alan Breck fragte, wie viel Mann an Bord sind. Ich zählte nach und brachte endlich heraus: "Fünfzehn."

Alan ließ einen Pfiff hören "Da kann man nichts machen! Pass auf! Ich werde den Hauptkampf an dieser Tür führen. Wenn du alle Pistolen geladen hast, steigst du auf das Bett, damit du gut ans Fenster kannst. Wenn sie sich an die andere Tür heranmachen, dann schieße! Lausche außerdem genau mit deinen Ohren, ob jemand über das Oberlicht herein will."

Sturm auf die Hütte

Kaum hatte Alan gesprochen, als sich das Gesicht des Kapitäns in der offenen Tür zeigte. "Halt!", rief Alan, und der Kapitän blieb wirklich stehen. Er zuckte mit keiner Wimper und sagte: "Ein nackter Degen? Eine wunderliche Antwort auf Gastfreundschaft."

Alan entgegnete: "Seht Ihr mich? Von Königen stamme ich. Eines Königs Namen trage ich. Die Eiche ist mein Wappen. Mein Degen hat mehr Feinde niedergemacht, als Ihr Zehen an Euren Füßen habt. Ruft Eure Leute und dann los! Je eher das Treffen beginnt, um so eher sollt Ihr dieses Eisen in Euren Gedärmen spüren!"

Der Kapitän ging nicht auf seine Worte ein, warf mir aber böse Blicke zu: "David, das werde ich dir nie vergessen!" Der Ton seiner Stimme ging mir durch und durch. Im nächsten Augenblick war er verschwunden.

Alan sagte: "Gut aufgepasst! Jetzt geht's los!" Er nahm seinen Dolch, und ich kletterte auf das Bett, den Arm voller Pistolen und öffnete das Fenster, durch das ich Wache halten sollte. Die See hatte sich geglättet, und es war sehr still auf dem Schiff. Dadurch konnte ich ein Klirren hören, welches mir verriet, dass sie Entermesser verteilten. Eine düstere Verzweiflung erfüllte mich, aber auch Zorn. Ich wollte mein Leben so teuer wie möglich verkaufen.

Ganz plötzlich ging es dann los. Füße scharrten, Gebrüll erscholl, dann ein Schrei aus Alans Mund, das Krachen von Hieben. Jemand schrie wie ein Verletzter. Ich blickte über die Schulter. Shuan stand in der offenen Tür, seine Klinge mit der Alans gekreuzt.

"Der ist's! Der hat den Jungen ermordet!", rief ich.

"Pass auf dein Fenster auf!", gab Alan zurück. Beim Umdrehen sah ich gerade noch, wie der Degen den Leib des Steuermanns durchbohrte. Kaum hatte ich meinen Platz wieder eingenommen, sah ich fünf Mann mit einer Rahe als Rammbock auf die Tür losgehen. Obwohl ich noch nie in meinem Leben geschossen hatte und schon gar nicht auf einen Menschen, wusste ich, dass es jetzt um mein Leben ging. Ich fasste mir ein Herz und schoss. Ich musste wohl getroffen haben, denn einer schrie laut auf und schwankte zurück. Die anderen hielten verstört inne. Ehe sie sich wieder aufrafften, schoss ich eine zweite Kugel über ihre Kopfe hinweg und dann noch eine dritte. Nun warfen sie die Rahe hin und rannten davon.

Ich blickte mich um und sah Alan genau so stehen wie zuvor, nur sein Degen war jetzt voller Blut. Ich glaube, genau in diesem Augenblick starb Shuan, der vor ihm lag. Alan sah kraftvoll und unbesiegbar aus.

Er erkundigte sich, wie es bei mir gelaufen sei und sagte: "Gleich werden sie wieder da sein. Auf deinen Posten, David! Das war nur der Anfang!"

Ich nahm meinen Platz wieder ein, lud die drei Pistolen erneut und lauschte. Ab und zu konnte ich ein Wort erhaschen.

"Shuan hat die Sache vermasselt!", hörte ich einen von ihnen sagen. Dann konnte ich keine einzelnen Worte mehr verstehen, nur noch ein Gemurmel. Meist sprach einer, der vermutlich einen Plan erklärte. Daraus schloss ich, dass sie bald wieder zurückkehren.

Wir warteten und meine Angst wurde erneut stärker. Nach einer Weile hörte ich draußen vorsichtige Schritte. Ich begriff, dass sie im Dunkel ihre Plätze einnahmen. Auch auf das Dach über mir ließ sich jemand fallen. Dann ertönte ein einzelner Pfiff. Das war das Zeichen!

Ein ganzer Haufen von Männern mit Entermessern in den Händen stürzte sich auf die Tür. Im selben Augenblick zersplitterte das Glas im Oberlicht in tausend Stücke, und einer von ihnen sprang herab. Noch ehe er auf die Füße kam, hatte ich ihm eine Pistole auf den Rücken gesetzt. Fast hätte ich ihn erschossen, aber dann brachte ich es nicht über mich, auf einen lebenden Menschen so ganz aus der Nähe zu schießen.

Beim Sprung hatte der Mann sein Entermesser fallen lassen. Jetzt drehte er sich um und fuhr mich mit einem grauenvollen Fluch an. Das gab mir den Mut zurück oder versetzte mich in derartige Angst, dass ich laut schrie und abdrückte. Ich traf ihn mitten in den Leib. Im selben Augenblick ließ sich ein zweiter Mann durch die Öffnung in der Decke herab. Ich ergriff eine andere Pistole und schoss ihm in den Schenkel. Dann setzte ich die Mündung noch einmal an die richtige Stelle und drückte ab.

Da hörte ich Alan rufen, dass er Hilfe braucht. Bis jetzt hatte er die Tür allein gehalten, aber nun war es einem von den Matrosen gelungen, sich an ihm vorbeizudrücken. Der packte ihn um den Leib. Alan erdolchte ihn, aber der Bursche hing wie ein Blutegel an ihm. Inzwischen drängten sich mehrere Männer durch die Tür, und ich dachte: ‚Verloren!' Da stürzte der, der an Alan gehangen hatte, endlich nieder und der Jakobit sprang schnell zurück, um sich dann brüllend wie ein Stier auf die übrigen zu werfen.

Der Haufen vor ihm teilte sich, sie wandten sich um, rannten und stürzten davon. Alan trieb sie draußen auf dem Deck weiter mit seinem Degen dahin, wie ein Hund eine Schafherde.

So schnell wie er hinaus gestürmt war, kam er aber auch wieder zurück, denn trotz seiner Tapferkeit war er vorsichtig. Wir hörten, wie die Burschen ins Vorderdeck taumelten und über sich die Luke schlossen.

Die Hütte glich einem Schlachthaus. Drei Tote lagen drinnen, ein vierter lag im Todeskampf auf der Schwelle. Alan und ich waren unverletzt. Mit offenen Armen lief er mir entgegen. "An mein Herz, Junge!", rief er und umarmte und küsste mich auf beide Wangen. Dann warf er die vier Leichen zur Tür hinaus.

Insgesamt waren fünf Mann getötet oder kampfunfähig, zwei davon durch meine Hand. Vier weitere waren verletzt. Einer von ihnen hatte seine Verletzung von mir. Ich hatte meinen Teil im Kampf geleistet, aber ich war entsetzt über mein eigenes Tun. Ich stolperte zu einem Schemel und fing an zu schluchzen und zu weinen wie ein kleines Kind. Alan legte mir die Hand auf die Schulter. Ein tapferer Kerl sei ich, sagte er, und brauche nichts als Schlaf.

"Ich übernehme die erste Wache. Du hast prachtvoll zu mir gehalten, David, von Anfang bis Ende." Er machte mir auf dem Boden ein Bett zurecht und übernahm die Wache, in der Hand eine Pistole und auf den Knien seinen Degen. Nach drei Stunden weckte er mich, und ich übernahm die zweite Wache. Die See war ruhig. Nur das Steuer schlug hin und her. Da wusste ich, dass nicht einmal jemand am Steuer stand. Später erfuhr ich, dass so viele tot oder verletzt waren und die restlichen in so erbitterter Stimmung, dass Riach und der Kapitän selbst abwechselnd Wache halten mussten.

Aus dem Kreischen vieler Möwen schloss ich, dass wir recht nah vor der Küste trieben. Schließlich sah ich rechts die gewaltigen Felsberge von Skye, etwas weiter hinten die merkwürdige Insel Rum.

Der Kapitän gibt klein bei

Gegen sechs Uhr morgens frühstückten Alan und ich. Zwar war mein Appetit angesichts des Fußbodens, der mit Glassplittern und Blut übersät war, nicht besonders groß, aber unsere Lage war recht gut. Wir hatten die Offiziere aus ihrer Kajüte gedrängt, besaßen den gesamten Getränkevorrat an Wein und Schnaps und den besseren Teil der Essvorräte. Etwas schadenfroh war ich schon darüber, dass der Kapitän und Mister Riach im Vorderteil des Schiffes bei kaltem Wasser sitzen mussten.

"Verlass dich drauf", sagte Alan, "wir werden sehr bald von ihnen hören. Vom Kämpfen kannst du einen Mann abhalten, nicht von der Flasche!"

Alan und ich kamen sehr gut miteinander aus. Er schnitt einen der Silberknöpfe von seinem Rock ab und schenkte ihn mir: "Ich habe sie von meinem Vater bekommen", erzählte er. "von Duncan Stuart. Ich schenke ihn dir zur Erinnerung an das, was du diese Nacht vollbracht hast. Überall, wo du hinkommst und diesen Knopf vorzeigst, werden die Freunde von Alan Breck dir zur Seite stehen."

Kurze Zeit später rief Mister Riach vom Deck, dass er eine Unterredung wünsche. Ich kletterte mit einer Pistole in der Hand durch das Dachfenster, setzte mich auf dessen Rand und forderte ihn auf, seinen Spruch zu sagen. Eine Weile blickten wir einander wortlos an. Mister Riach hatte nur eine Wunde an der Wange, aber er sah entmutigt und übermüdet aus. Er hatte die ganze Nacht Wache gehalten und die Verwundeten behandelt.

"Der Kapitän möchte mit deinem Freund sprechen. Vielleicht geht das durch das Fenster?"

Ich antwortete: "Welche Sicherheit haben wir, dass nicht wieder Verrat dahinter steckt?"

"Es steckt keiner dahinter; David", erwiderte Mister Riach, "und wenn er schon wollte, so könnte er die Leute nicht zum Mittun bringen und mich auch nicht. Ich habe Angst, Davie." Schließlich fügte er hinzu: "Loswerden wollen wir ihn, verstehst du? Loswerden!"

Wir legten die Bedingungen fest und gaben uns das Ehrenwort auf deren Einhaltung. Aber er hatte noch ein Anliegen: Schnaps! Ich erinnerte mich an seine bisherige Freundlichkeit und gab ihm ein Kännchen Branntwein.

Kurz darauf kam der Kapitän. Er trug einen Arm in der Schlinge und sah ernst, bleich und alt aus. Im Regen blieb er vor dem Fenster stehen.

Alan hielt ihm gleich eine Pistole vors Gesicht.

"Legt das Ding fort!", sagte der Kapitän. "Ich habe mein Wort gegeben!"

"Kapitän", gab Alan zurück, "ich fürchte, Euer Wort ist zerbrechlich. Letzte Nacht haben wir verhandelt, dann habt Ihr mir Euer Wort gegeben und darauf Eure Hand zur Bekräftigung. Ihr wisst selbst, wie das Ende aussah. Verdammt sei Euer Wort!"

"Gut, gut", sagte der Kapitän, "aber wir haben andere Dinge zu besprechen. Ihr habt meine Brigg böse zugerichtet. Ich habe nicht mehr genug Leute zum Dienst, und mein Erster Offizier hat Euren Degen in den Leib gekriegt und ist krepiert. Es bleibt mir nichts übrig, Sir, als nach Glasgow zurück zu segeln und neue Leute anzuheuern. Dort werdet Ihr aber Leuten begegnen, die Euch anders zur Rede stellen werden."

"Nun", sagte Alan, "ich werde ihnen auch was zu erzählen haben. Fünfzehn Seeleute auf einer Seite, ein Mann und ein halber Junge auf der anderen. Nein, so geht das nicht! Ihr müsst mich genau dort an Land setzen, wo wir vereinbart haben."

"Hm", gab Hoseason zurück, "aber mein Erster Offizier ist tot, das wisst Ihr am besten. Keiner von uns anderen kennt die Küstengegend hier. Dabei ist sie sehr gefährlich für Schiffe."

"Ihr habt die Wahl", sagte Alan. "Setzt mich auf trockenen Boden, wo Ihr wollt, aber nicht weiter als dreißig Meilen von meinem eigenen Clanland. Das ist ein breites Fahrziel. Wenn Ihr das verfehlt, müsst Ihr Euch auf das Führen eines Schiffes so wenig verstehen wie auf das Kämpfen. Ich bleibe bei meinem Angebot: Dreißig Guineen, wenn Ihr mich an der Küste, sechzig, wenn Ihr mich in der Bucht von Linnhe absetzt."

"Damit setze ich die Brigg aufs Spiel, Sir", gab der Kapitän zurück, "und Euer eigenes Leben dazu."

"Wie Ihr wollt!", entgegnete Alan.

"Könntet Ihr uns denn steuern?", fragte Hoseason mit gerunzelter Stirn.

"Ich weiß es nicht sicher", sagte Alan, "denn ich bin mehr ein Kämpfer, das habt Ihr ja gesehen. Aber ich bin an dieser Küste oft abgeholt und abgesetzt worden. So ungefähr müsste ich die Gegend schon kennen."

Der Kapitän schüttelte noch immer den Kopf. "Wenn ich auf dieser unseligen Fahrt nicht so viel Geld verloren hätte, würde ich Euch lieber an einem Seil hängen sehen, als meine Brigg der Gefahr auszusetzen! Aber es soll geschehen, was Ihr wollt. Sobald der Wind günstig steht, machen wir uns das zunutze. Doch noch etwas anderes: Wir könnten einem Schiff des Königs begegnen. Was dann?"

"Kapitän", erwiderte Alan, "wenn Ihr einen königlichen Wimpel erspäht, dann habt Ihr Euch schnellstens davon zu machen. Jetzt schlage ich Euch erst einmal einen Tausch vor: eine Flasche Schnaps gegen zwei Eimer Wasser!"

Natürlich wurde dieser Vorschlag angenommen, und wir konnten endlich in der Hütte alles abwaschen.

Die Geschichte vom Roten Fuchs

Bevor wir in der Hütte fertig waren, erhob sich eine Brise aus Nordnordost. Die Regenwolken verschwanden, und die Sonne kam heraus. Der Kapitän wollte westlich um die vor uns liegenden Inseln herumfahren und an der Südküste der großen Insel Mull herauskommen.

Die Brise war in der Nacht mal stärker und manchmal schwächer. Im ersten Teil des neuen Tages ging noch keine Dünung. Wir segelten im hellen Sonnenschein zwischen unzähligen Inseln dahin.

Alan und ich saßen in der Hütte und rauchten ein paar Pfeifen mit dem ausgezeichneten Tabak von Hoseason. Dabei erzählten wir uns unsere Lebensgeschichten.

Alan berichtete mir von dem wilden Hochland, an dessen Küste ich demnächst landen sollte.

Ich selbst sprach zu ihm von meinem ganzen Unglück. Er hörte genau zu, und als ich den Namen meines Freundes, des Pfarrer Campbell, erwähnte, wurde er wütend und sagte, dass er allen Campbell eine Kugel zwischen die Rippen schießen möchte.

"Alan, um Himmels willen!", rief ich. "Was ereifert Ihr Euch so über die Campbells?"

"Du weißt, dass ich ein Stuart aus Appin bin", erklärte er. "Die Campbells haben Jahr und Tag die Leute meines Namens gehetzt und gemordet und unser Land geraubt! Sie haben nie mit dem Schwert in der Hand gekämpft, sondern immer nur mit Verrat!" Er brüllte bei diesen Worten und ließ die Faust auf den Tisch niedersausen.

Dann erzählte er mir von seinem Vater, Duncan Stuart, der der prächtigste Mann seines Stammes und der beste Fechter des ganzen Hochlandes gewesen war. Er hatte auch Alan das Fechten beigebracht. Allerdings hatte er seinem Sohn keine Reichtümer hinterlassen. So ging Alan zum englischen Heer, desertierte allerdings auf die für ihn gerechtere, französische Seite.

Ich sagte nur: "O Himmel, darauf steht der Tod!"

"Ja", entgegnete er, "wenn sie mich greifen, gibt es einen kurzen Prozess und ein langes Seil für mich. Aber ich habe ein Offizierspatent vom König von Frankreich in der Tasche. Vielleicht würde mich das vor dem Äußersten bewahren."

"Das bezweifle ich sehr!", sagte ich. "Was wollt Ihr, ein Aufrührer, ein Fahnenflüchtiger, ein Soldat des Königs von Frankreich, um Himmels willen in diesem Land?"

Er erwiderte: "Ich kann meine Freunde nicht verlassen, meine Heimat. Frankreich ist zweifellos ein gutes Land, aber ich sehne mich nach der Heide, nach dem Hochwild. Zudem finde ich manchmal einen jungen Burschen, der sich zum Dienst des Königs von Frankreich eignet, einen Rekruten. So verschaffe ich mir ein bisschen Geld. Aber das Wichtigste sind die Angelegenheiten meines Häuptlings Ardshiel. Er war sein ganzes Leben ein großer Herr, aus Königsblut stammend, eines Königs Namen tragend. Nun ist er gezwungen, in einem französischen Städtchen zu leben wie ein Bettler. Er, dem vierhundert Degen gehorchten! Das ist für uns, seine Verwandten und Clanleute, ein großer Kummer, ja eine Schande! Da sind auch noch seine Kinder, die Hoffnung von Appin. Sie müssen doch auch im fernen Land eine gute Schulbildung bekommen und lernen, wie man den Degen führt. Die Pächter müssen Pacht für ihn bezahlen, aber sie sind ihm treu wie Gold. Ja, und ich, David, bin der Mittelsmann, der ihm das Geld hinüberbringt." Er schlug auf seinen Gürtel, dass das Geld darin klirrte.

Dann erzählte er mir von Ardshiel und dem Roten Fuchs. "Die Clanmänner wurden in einem Kampf geschlagen, die gerechte Sache brach zusammen. Ardshiel musste über die Berge fliehen, mit seinem Weib und den Kindern. Noch während er sich in der Heide verbarg, nahmen ihm die englischen Schufte seine Amtsgewalt und seine Ländereien. Seinen Clanleuten nahmen sie die Waffen weg.

Dann kam ein Campbell, Colin von Glenure, der Rotkopf. Er erhält von König Georg Beglaubigungen als sogenannter Königlicher Verwalter des Appin-Landes. Zuerst verlangt er nur wenig und tut freundlich, aber dann hörte er, dass die armen Leute, die Pächter, eine zweite Pacht aufbringen und diese für Ardshiel und seine armen Kinder übers Meer nach Frankreich schicken. Als Colin das hörte, kochte das Campbell-Blut in seinen Adern. Er schrieb eine neue Pacht aus für alle Höfe, mit der Hoffnung, die alten Pächter damit zu vertreiben. Er wollte die Leute aushungern. Schließlich mussten auch viele von ihnen wegziehen."

Ich fragte ihn, wie es möglich ist, dass er selbst im Hochland unterwegs sein könne, ohne festgenommen zu werden, obwohl es mit Truppen übersät ist und scharf bewacht wird.

"Das ist leichter als du denken magst", sagte Alan. "Wenn du einen Wachposten siehst, musst du einen anderen Weg gehen. Auch das Heidekraut hilft dir mächtig, und überall stehen Häuser von Befreundeten mit Ställen und Heuschobern. So schlimm wie anno sechsundvierzig ist es nicht mehr. Die Hochlande sind befriedet, wie man das nennt. Aber ich frage dich, David: Wie lange noch? Nicht mehr lange, sollte man denken, wenn Männer wie der Rote Fuchs sich mit Wein vollsaufen und die armen Leute unterdrücken. Es ist schwer zu entscheiden, was das Volk noch ertragen kann. Bis jetzt kann der Rote Colin auf seinem stolzen Ross über meine arme Heimat, mein Appin, dahin reiten, ohne dass sich ein tüchtiger Kerl findet, der ihm eine Kugel durch den Leib jagt."

Lange Zeit saß Alan dann mit düsterer Stimmung und stumm da.

Ich hatte aber noch viele andere Dinge über ihn erfahren. Er war bewandert in allen Arten von Musik, war ein geachteter Dichter, hatte selbst viele Bücher gelesen, war ein vollkommen sicherer Schütze, ein geschickter Angler und ein Fechter ersten Ranges. Natürlich hatte er auch Fehler. Er war schnell beleidigt und fing dann Streit an. Er achtete die Tapferkeit anderer Leute, aber am meisten bewunderte er sich selbst.

Die Brigg geht verloren

Es war schon spät in der ziemlich hellen Nacht, als Hoseason seinen Kopf durch die Tür der Hütte steckte. "Los", sagte er, "kommt raus und versucht, ob Ihr uns steuern könnt. Mein Schiff ist in Gefahr!"

Sein Gesicht zeigte einen tief beunruhigten Ausdruck und sein Ton war erschreckend. Uns war beiden klar, dass dies tödlicher Ernst war. Deshalb traten wir ohne allzu große Angst vor Verrat aufs Deck hinaus.

Der Himmel war klar, und der fast volle Mond schien hell. Scharf und kalt blies der Wind. Die Brigg lag hart am Wind und umrundete jetzt die Südwestspitze der Insel Mull Ich fand die Nacht nicht so übel zum Segeln und wunderte mich, was den Kapitän so bedrückte.

Da hob sich die Brigg plötzlich auf den Kamm einer hohen Welle, und Hoseason wies mit der Hand hinaus. Aus dem vom Mond beleuchteten Gewässer stieg leeseits etwas wie ein Springquell empor. Unmittelbar darauf hörten wir dumpfes Brausen.

"Und", fragte der Kapitän mit düsterem Blick, "was ist das?"

"Die See, die sich an einem Riff bricht", entgegnete Alan. "Nun wisst Ihr, woher die Gefahr droht!"

Kaum hatte er gesprochen, da sahen wir einen zweiten Springquell weiter im Süden aufsteigen. "Da", rief Hoseason, "seht selbst! Hätte ich von diesen Riffen gewusst, hätte ich eine Seekarte gehabt oder wäre Shuan noch am Leben, keine sechzig Guineen hätten mich bewogen, mein Schiff in ein solches Felsengewirr zu steuern! Und Ihr, Sir, Ihr wolltet uns doch lotsen! Habt Ihr gar nichts zu sagen?"

"Ich denke mir", sagte Alan, "das werden die Torran-Felsen sein. Ich glaube mich zu erinnern, dass sie sich etwa zehn Meilen lang hinziehen. Irgendwie erinnere ich mich, dass die Fahrt an der Küste entlang frei ist."

Riach und der Kapitän sahen einander an. "Da müssen wir unseren Kurs ändern, Mister Riach, und so nah an die Spitze von Mull heran wie möglich. Da wir jetzt sowieso im Schlamassel sind, können wir ebenso gut vor wie zurück."

Damit gab er dem Steuermann seine Befehle. Nur fünf Mann waren an Deck. Das waren alle, die noch zur Arbeit taugten. Davon waren zwei verletzt. Das war auch der Grund, warum Riach in den Mastkorb musste. Er spähte nach vorn und rief herunter, was er sah. "Nach Süden zu liegt Nebel über der See", schrie er. "Zum Land hin scheint's klarer."

"Nun, Sir", sagte Hoseason zu Alan, "wir wollen versuchen, uns nach Euren Angaben zu richten. Aber ich glaube, wir könnten uns ebenso gut einem Blinden anvertrauen!"

Als wir näher an die Landspitze gelangten, war unser Weg förmlich mit Riffen übersät. Ab und zu rief Riach herunter, wir sollten den Kurs ändern. Manchmal war das höchste Zeit, denn ein Riff war so dicht an einer Seite der Brigg, dass die Gischt auf Deck spritzte und uns wie Regen durchnässte. Während dieser Manöver merkte ich, dass Hoseason und der Steuermann ihr Fach verstanden.

Alan dagegen war kreideweiß. "O weh, David", meinte er "das ist kein Tod nach meinem Herzen."

Als wir nah an Mull herangekommen waren, brandete die Strömung heftig und warf die Brigg fortwährend herum. Es mussten zwei Leute ans Ruder, und zuweilen half noch Hoseason mit. Dann legten sich drei kräftige Männer mit vollem Gewicht gegen das Steuer und dennoch drängte es sie zurück. Dass hätte vielleicht allergrößte Gefahr bedeutet, aber die See war für einige Zeit frei von Hindernissen, und Riach schrie von oben, er sehe freies Gewässer vor uns.

"Ihr habt recht gehabt!", sagte Hoseason zu Alan. "Ihr habt das Schiff vor dem Untergang bewahrt. Ich werde das nicht vergessen, wenn wir abrechnen." Ich glaube, er meinte es ehrlich, denn sein Herz hing leidenschaftlich an der ‚Covenant'.

Da tönte es von oben: "Einen Strich abfallen! Riff in Luv!"

Im selben Augenblick schon fasste die Strömung die Brigg und nahm uns dadurch den Wind aus den Segeln. Wie ein Brummkreisel drehte sie sich im Wind, und gleich darauf krachte sie mit einer Heftigkeit auf das Riff, dass wir alle auf das Deck stürzten und Mister Riach beinahe von seinem Platz auf dem Vordermast heruntergeschüttelt worden wäre.

Das Riff, auf das wir gestoßen waren, erhob sich dicht am Südwestende der Insel Mull. Die Dünung stürzte über uns hinweg und ließ die arme Brigg auf dem Riff hin und her scheuern. Dann hörten wir, wie sie in Stücke brach.

Ich bemerkte, wie sich Riach und die Matrosen mit dem Boot zu schaffen machten. Ich lief hin, um ihnen zu helfen. Auch alle Verwundeten, die sich rühren konnten, kamen aus der Luke uns zu Hilfe. Die anderen lagen in ihren Kojen und schrien, wir sollten sie retten.

Der Kapitän nahm nicht teil. Er schien völlig verwirrt. Tag für Tag hatte er mit angesehen, wie Ransome misshandelt wurde, aber nun, als seine Brigg zerbrach, schien er mit ihr zu leiden.

Als wir das Boot fast klar zum Hinablassen hatten, schrie ein Mann plötzlich: "Um Gottes willen, haltet euch fest!" Es folgte eine ungeheure Welle, die die Brigg hoch empor hob und sie dann auf die Seite legte. Als das Schiff kenterte, stürzte ich über die Reling ins Meer.

Ich sank und schluckte fürchterlich Seewasser. Dann tauchte ich wieder auf und versank noch einmal. Als ich das nächste Mal auftauchte, wurde ich unaufhörlich umhergeschleudert und schlug auf irgendetwas auf. Ich schluckte wieder Wasser, und dann verschlang mich die See gänzlich.

Nach einer Weile kam ich in ruhigerem Wasser zu mir. Ich hatte eine Rahe gepackt, auf die ich mich stützen konnte. Aber ich war entsetzt, wie fern von der Brigg ich herumschaukelte. Ich rief, doch sie waren schon längst außer Hörweite. Ich konnte auch nicht sehen, ob sie das Boot zu Wasser gelassen hatten. Nach einer Weile wurde mir klar, dass man im Wasser nicht nur ertrinken, sondern auch erfrieren kann.

Ganz nah sah ich die Küste; sie war so nah, dass ich im Mondlicht die Heidekrautbüsche sehen konnte. Es müsste doch sonderbar zugehen, so dachte ich mir, wenn ich nicht bis dorthin schwimmen könnte. Da ich allerdings die Kunst des Schwimmens nicht beherrschte, legte ich mich mit beiden Armen auf meine Rahe, stieß mit beiden Füßen rückwärts und bewegte mich so vorwärts. Leicht war das nicht, und es ging grauenhaft langsam.

Nach etwa einer Stunde erreichte ich eine sandige Bucht, die von niedrigen Hügeln umgeben war. Schließlich war das Wasser so flach, dass ich tödlich erschöpft an Land waten konnte.

Das einsame Eiland

Ich betrat die Küste, und damit begann die unseligste Zeit meiner Abenteuer. Es war halb ein Uhr nachts und bitter kalt. Damit ich nicht erfriere, zog ich meine Schuhe aus, lief barfüßig auf dem Sand hin und her und schlug mir auf Rücken und Brust, um mich warm zu halten. Kein Laut von Mensch oder Tier drang an mein Ohr. Nur die Brandung brach sich in der Ferne und erinnerte mich an die überstandenen Gefahren.

Als endlich der Morgen dämmerte, zog ich meine Schuhe an und erklomm einen Berg. Weit und breit sah ich auf dem Wasser keine Brigg und auch kein Boot. Angst erfüllte mich bei dem Gedanken an das Schicksal meiner Kameraden von der Brigg.

Mein Magen begann vor Hunger zu knurren, und ich machte mich auf den Weg nach Osten in der Hoffnung, ein Haus zu finden, in dem ich mich wärmen könnte. Als ich nach längerer Wanderung auf eine Höhe kam, wurde mir mit Entsetzen klar, dass ich auf ein kleines, ödes Eiland verschlagen worden war, das an allen Seiten von der salzigen See umspült war.

Die Sonne kam nicht heraus, um mich zu trocknen, vielmehr setzten Regen und dichter Nebel ein. Meine Lage war jammervoll. Was sollte ich tun? Ich wollte mit Hilfe der Rahe an das Festland gelangen, aber ich konnte sie nicht erreichen. Zu weit von meinem Ufer entfernt schwamm sie im tiefen Wasser. Entmutigt warf ich mich in den Sand und begann zu weinen.

Ich hatte nichts in meinen Taschen, was mir geholfen hätte, nur mein Geld und Alans Silberknopf. Ich fand Muscheln und Napfschnecken, die ich, wegen meines großen Hungers, kalt und roh hinunter schlang. Fürs erste kam mir das höchst lecker vor.

Den ganzen Tag über strömte Regen herab. Die erste Nacht verbrachte ich zwischen zwei Felsblöcken, die sich zueinander neigten und etwas wie ein Dach bildeten.

Am zweiten Tag durchsuchte ich das Eiland nach allen Richtungen. Doch alles war öde und felsig. Nichts Lebendiges als Wildvögel, die ich allerdings nicht erlegen konnte. In einer Bucht entdeckte ich eine kleine Hütte, die mehr einem Schweinestall als einem Haus glich. Fischer mochten da schlafen, wenn sie ihrer Arbeit nachgingen. Das Rasendach war eingebrochen, und so nützte sie mir nicht viel. Wichtig war, dass ich an dieser Stelle bei zurückgehender Flut massenhaft Napfschnecken finden konnte.

Von einer Stelle an einem Berghang in der Nähe der Bucht konnte ich auf dem Festland die große Kirche und die Dächer der Häuser von Iona erspähen. Ich sah auch, wie an einer anderen Stelle morgens und abends Rauch aufstieg, der sicher von einer Wohnstätte aus einem Tal kam.

Diesen Rauch pflegte ich zu beobachten, wenn ich nass und kalt und vor Einsamkeit halb verrückt war. Einerseits waren die Gedanken an menschliche Wohnstätten mit warmen Kaminen fast unerträglich, andererseits hielten sie meine Hoffnungen auf eine Rettung wach. Sie erleichterten es mir auch, meine rohen Muscheln zu verschlingen, die mir inzwischen widerlich geworden waren.

Solange es hell war, hielt ich Ausschau nach Booten, ohne Erfolg.

Am dritten Morgen war meine Lage wirklich jammervoll. Die Kleider verfaulten mir direkt am Leib, vor allem meine Strümpfe waren völlig zerfetzt, so dass ich mit nackten Beinen herumlief. Mein Hals war heftig entzündet, meine Kräfte stark gemindert. Ich hatte einen solchen Ekel vor dem grässlichen Zeug, das ich essen musste, dass mich schon der bloße Anblick zum Brechen reizte.

Es gab auf meiner Insel einen ziemlich hohen Felsen, auf den ich mich immer zum Trocknen legte, sobald die Sonne herauskam. An jenem Tag kam plötzlich ein Boot mit braunem Segel und zwei Fischern an Bord in rascher Fahrt nach Iona heran. Ich rief sie an. Ich ging in die Knie und streckte bittend die Hände nach ihnen aus. Es gab keinen Zweifel, dass sie mich bemerkten, aber sie riefen mir nur auf gälisch etwas zu und lachten!

An solche Bosheit konnte ich nicht glauben! Ich rannte mit, von Stein zu Stein an der Küste springend, und schrie erbärmlich. Ich glaubte, das Herz müsse mir brechen. Ich heulte und brüllte, wie ein ungezogenes Kind, wühlte das Gras mit den Fingernägeln auf und presste mein Gesicht in den Erdboden hinein, als die Fischer sich taub gegen meine Rufe zeigten.

Die nächste Nacht blieb regenfrei, meine Kleider waren fast trocken.

Der kommende Tag war der vierte jener schrecklichen Zeit. Meine Kräfte waren sehr geschwunden. Ich war kaum wieder auf meinem Felsen angelangt, als ich sah, dass ein Boot nahte. Mir schien, dass seine Spitze genau auf die Stelle zielte, an der ich stand. In mir kämpften die Hoffnung auf Rettung und die Angst vor erneuter Enttäuschung miteinander.

Dann war alles entschieden. Das Boot fuhr geradewegs auf die Insel zu! Jetzt konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich rannte ans Meer. Als das Boot näher kam, stellte ich fest, dass es das gleiche Boot mit den gleichen Fischern wie am Vortag war. Diesmal war noch ein dritter Mann bei ihnen. Sie kamen aber nicht bis zu mir heran, sondern hielten das Boot in einer Entfernung, dass man miteinander sprechen konnte, und sie lachten. Der Dritte begann auf gälisch mit mir zu sprechen, was ich aber nicht verstand. Nur ein Wort verstand ich: Ebbe.

"Meint Ihr, wenn Ebbe ist?", rief ich, ohne den Satz zu Ende zu bringen.

"Ja! Ja!", erwiderte er. "Ebbe!"

Ich wartete am Ufer des Meeresarmes, bis die Ebbe eintrat. Er schrumpfte tatsächlich zu einem kleinen Rinnsal ein, dessen Wasser mir nicht über die Knie ging. Ich raste hindurch, bis ich endlich an der Hauptinsel an Land gelangte. Dort stieß ich einen Freudenschrei aus.

Hätte ich richtig nachgedacht, wäre mir diese Lösung selbst viel früher eingefallen, und ich hätte nicht fast hundert Stunden auf dem Eiland gehungert und gefroren.

Quer über die Insel Mull

Die Landschaft auf Mull war rau wie die Insel, die ich eben verlassen hatte - Moor, Baumheide und Steinblöcke. Ich lief auf den Rauch zu, den ich in den letzten Tagen gesehen hatte.

Ich gelangte zu einem Haus, von dessen Bewohner ich erfuhr, dass meine Schiffskameraden auch hier sicher an Land gelangt waren. Ich fragte ihn, ob unter ihnen einer war, der Kleider wie ein Herr trug, was er bejahte.

Dann schlug er sich mit der Hand an die Stirn und sagte, dass ich gewiss der junge Mann mit dem silbernen Knopf sei. Als ich das etwas verwundert bestätigte, sagte er: "Ich habe eine Botschaft für Euch: Ihr sollt Eurem Freund in seine Heimat folgen, in die Nähe von Torosay."

Wir unterhielten uns noch eine Weile, seine Frau setzte mir Hafersuppe und Waldhuhn vor, und er braute einen Punsch. Zufrieden schlief ich bis zum Mittag des nächsten Tages und machte mich dann gut gestärkt auf den Weg.

Die Armut der Menschen, die ich auf den Feldern sah, schien groß. Nur wenige von ihnen sprachen Englisch, und auch die wollten kaum mit mir reden.

Gegen acht Uhr am Abend kann ich erschöpft an einem einzelnen Haus an, wo ich um Unterkunft bat. Zuerst wies man mich ab, aber als ich eine von meinen Guineen zeigte, versprach mir der Mann, mir für fünf Schillinge ein Nachtlager zu geben und mich am nächsten Tag nach Torosay zu führen.

Allerdings erwies er sich als übler Betrüger. Immer wieder verlangte er mehr Geld, bis schließlich mein Zorn überkochte, und ich die Hand gegen ihn erhob. Augenblicklich zog er ein Messer aus seinen Lumpen. Da er ein kleines Kerlchen war, und ich nicht schwach und sehr zornig, konnte ich ihm dieses entwenden.

Daraufhin ging ich allein meiner Wege. Nach etwa einer halben Stunde überholte ich einen großen zerlumpten Mann, der mit einem Stock den Weg abtastete. Er bewegte sich trotz seiner Blindheit schnell vorwärts. Sein Gesicht erschien mir finster und gefährlich und unter der Klappe seiner Rocktasche sah ich den stählernen Griff einer Pistole.

Der Blinde erzählte mir, dass er Religionslehrer sei. Als ich ihm berichtete, was mir mit meinem Führer geschehen war, sagte er, dass er mich für ein Glas Schnaps nach Torosay bringen werde. Ich erwiderte, dass ich nicht verstehen kann, wie ein Blinder mein Führer sein will, aber er meinte, dass sein Stock Sehkraft genug für einen Adler wäre. Er kenne jeden Stein und jeden Heidebusch auf der Insel Mull. Sofort erklärte er mir, was es ringsum zu sehen gab. Ich musste zugeben, dass er mit jeder Einzelheit Recht hatte.

Wenn ich eine Pistole hätte, könnte er mir sogar zeigen, wie gut er schießen könne. Ich sagte, dass ich keine hätte, und er wusste nicht, dass ich seine erspäht hatte.

Dann begann er mich schlau auszufragen, woher ich käme, ob ich reich sei, ob ich ihm ein Fünfschillingstück wechseln könne.

Als er immer wieder versuchte, sich an mich heranzumachen, sagte ich ihm schließlich, dass ich eine Pistole in der Tasche habe, genau wie er, und wenn er sich nicht auf der Stelle davonmache, würde ich ihm eine Kugel durch den Kopf schießen. Sofort wurde er sehr höflich, machte sich aber davon.

Ich ging allein weiter nach Torosay, wo ich erst einmal in einem Wirtshaus übernachtete. Dort erfuhr ich, an was für einen Schurken ich mit dem Blinden geraten war. Gut, dass ich nicht auf ihn hereingefallen war!

Quer durch Morven

Es gibt eine ständige Fähre von Torosay zum Festland. Da sie schlecht ausgerüstet war, halfen alle Männer abwechselnd an den Rudern mit, und alle Fahrgäste gaben den Takt an, indem sie gälische Schifferlieder sangen. Der Gesang, die Seeluft, die gutmütige Hilfsbereitschaft aller und das heitere Wetter machten die Überfahrt zu einem schönen Erlebnis.

Der Fährmann hieß Neil Roy Macrob. Da Macrob einer der Namen von Alans Clangenossen war und Alan selbst mich zu dieser Fähre geschickt hatte, lag mir viel daran, mit ihm ein Gespräch unter vier Augen zu führen.

Als wir ankamen, zog ich ihn am Ufer etwas beiseite. "Ich suche jemand", sagte ich, "und vielleicht könntet Ihr eine Nachricht von ihm haben. Alan Breck Stuart ist sein Name." Ich zeigte ihm den Knopf, worauf er freundlich wurde.

"Ja, wenn Ihr der Bursche mit dem Silberknopf seid, ist alles in Ordnung. Ich bin beauftragt, Euch sicher auf den Weg zu bringen. Aber erlaubt mir ein offenes Wort: Es gibt einen Namen, den Ihr nie, niemals in den Mund nehmen solltet, und das ist der Name Alan Breck."

Er wies mir den Weg und sagte, dass ich die Nacht im Wirthaus des Ortes verbringen und dann quer durch Morven bis nach Ardgour wandern solle. Dort könnte ich die nächste Nacht bei einem gewissen Johann vom Schwert bleiben, der über mein Eintreffen schon unterrichtet sei. Am dritten Tag solle ich über zwei Buchten setzen und mich dann durchfragen bis zu dem Hause Jakobs von der Schlucht.

Ich erhielt noch manch anderen Rat von Neil. Ganz besonders solle ich unterwegs mit niemandem sprechen und Whigs, Campbells und vor allem ‚Rotröcke' meiden.

Unterwegs lernte ich aber Mister Henderland kennen, einen wirklichen Religionslehrer, der sogar Bücher meines lieben Freundes, des Pfarrers von Essendean, kannte. Wir wanderten gemeinsam, und er erzählte mir von Jakob von der Schlucht, von Alan Breck und den armen Pächtern. Er hatte gehört, dass die ersten von ihnen am nächsten Tag aus ihren Häusern fliegen sollen. Vielleicht würde es zum Kampf kommen.

Die Nacht durfte ich mit in seinem Haus verbringen.

Der Rote Fuchs findet den Tod

Am nächsten Tag machte Mister Handerland einen Mann ausfindig, der mich mit seinem Boot nach Appin mitnahm.

Gegen Mittag fuhren wir los. Es war ein düsterer Tag, aber das Meer lag tief und still, kaum eine Welle regte sich.

Kurz nachdem wir losgefahren waren, bewegte sich ein roter Fleck am Ufer. Ich fragte meinen Bootsführer, was das zu bedeuten habe. Seine Antwort lautete, dass es wahrscheinlich ein Trupp Soldaten sei, der zu den Pächtern unterwegs ist.

Endlich kamen wir an die Landspitze von Lettermore, wo ich mich absetzen ließ, denn das war die Heimat von Alan. Am Wegrand, wo eine Quelle aus dem Boden kam, setzte ich mich hin und dachte über meine Lage nach. Was sollte ich tun? Sollte ich mich wirklich mit Alan verbinden oder lieber wie ein vernünftiger Mensch zurück nach Süden wandern?

Ich saß noch so, als ich Männer und Pferde durch den Wald kommen hörte. Nach einer Weile sah ich die vier Reisenden. Da der Weg schmal und uneben war, gingen sie einzeln und führten ihre Pferde an den Zügeln.

Der erste war ein großer rothaariger Edelmann mit herrischer Miene. Er trug den Hut in der Hand und fächelte sich Luft damit zu.

Den zweiten erkannte ich an seinem schwarzen Gewand und seiner Perücke als Anwalt.

Der dritte war ein Diener, auf dessen Pferd ein großer Sack geschnallt war. Dazu hing ein Netz mit Zitronen zum Punschbrauen am Sattel, wie dies bei bemittelten Reisenden in jenem Teil des Landes öfter vorkam.

In dem vierten erkannte ich einen Gehilfen des Grafschaftsrichters.

Als ich die Leute erblickte, wusste ich plötzlich, dass ich meinen Plan fortsetzen würde. Als der erste bei mir angelangt war, fragte ich ihn nach dem Weg zu Jakob von der Schlucht. Mir war von seinem Äußeren her klar, dass ich an Colin Roy Campbell, genannt der ‚Rote Fuchs', geraten war. Er musterte mich seltsam und fragte, was ich dort zu suchen hätte.

"Den Mann, der dort wohnt", gab ich zurück.

"Jakob von der Schlucht …", sagte er nachdenklich und zu seinem Anwalt gewandt: "Sammelt er seine Leute? Was meint Ihr?"

Dieser entgegnete: "Auf jeden Fall wäre es besser hier zu warten, bis die Soldaten kommen."

"Wenn Ihr meinetwegen unruhig seid", sagte ich jetzt, "so sollt Ihr wissen, dass ich weder zu jenen noch zu Euch gehöre. Ich bin ein ehrlicher Untertan von König Georg."

"Gut gesprochen", erwiderte Colin Roy Campbell, "aber was treibt dieser ehrliche Untertan so fern seiner Heimat und warum sucht er diesen Mann? Ich muss dir sagen, dass ich hier die Macht habe! Ich bin der Vertreter des Königs auf vielen Gütern, und zwölf Züge Soldaten stehen zu meiner Verfügung."

Er wollte sich zu seinem Anwalt umdrehen, aber in dem Augenblick ertönte ein Schuss vom Berg herab, und er brach auf dem Weg zusammen.

Der Anwalt hatte ihn aufgefangen und hielt ihn in seinen Armen. Der Diener stand über ihn gebeugt und schlug die Hände zusammen. Der Getroffene blickte mit erschrockenen Augen von einem zum anderen, und seine Stimme klang schauerlich, als er sagte: "Gebt acht auf Euch selbst! Ich bin fertig …" Er stieß einen tiefen Seufzer aus, sein Kopf fiel auf die Schulter, und er verschied.

Der Anwalt sagte kein Wort. Der Diener brach in lautes Schreien und Weinen aus wie ein Kind, und ich stand da und starrte auf alles in entsetzlichem Schrecken. Schließlich begann ich den Berg hinauf zu klettern mit dem Ruf: "Der Mörder! Der Mörder!"

Als ich auf die Höhe des ersten Steilhanges gelangte, sah ich ihn weglaufen. Er war ein starker Mann, schwarz gekleidet, trug Metallknöpfe am Rock und hatte eine lange Vogelflinte bei sich.

Ich rannte ihm nach, als mir eine Stimme zurief, ich solle stehen bleiben. Ich sah beim Zurückblicken den Anwalt und den Gehilfen des Richters auf dem Weg stehen. Zu ihrer Linken kamen die Rotröcke aus dem Wald.

"Warum soll ich zurück?", rief ich ihnen zu. "Kommt Ihr doch herauf!"

"Zehn Pfund dem, der ihn fängt!", brüllte darauf der Anwalt. "Er ist mit im Spiel! Er hat hier gestanden, um uns mit seinen Reden aufzuhalten!"

Bei diesen Worten stand mir das Herz still, denn die Soldaten schwärmten schon aus.

Da sagte dicht neben mir eine Stimme: "Duck dich hier ins Gesträuch!"

Ich wusste kaum, was ich tat, aber ich gehorchte der Stimme. Im Schutz der Bäume stand Alan Beck. "Komm!", sagte er und rannte los. Ich folgte ihm. Wir rannten oder krochen auf allen vieren durchs Heidekraut. Von fern hörte ich das laute Schreien der Soldaten.

Schließlich wechselte Alan die Richtung, und wir bewegten uns noch vorsichtiger als bisher auf dem gleichen Weg zurück, den wir gerade gekommen waren, nur vielleicht etwas höher. Endlich kamen wir im oberen Wald von Lettermore an, dort, wo ich ihn zuerst getroffen hatte. Keuchend und völlig außer Atem warfen wir uns auf den Boden.

Gespräch mit Alan im Wald von Lettermore

Als wir uns wieder beruhigt hatten, sah sich Alan um und sagte dann zu mir: "Tja, eine gefährliche Sache war das, David."

Ich erwiderte nichts, nicht einmal das Gesicht hob ich. Ein Mord war hier geschehen. Mit eigenen Augen hatte ich es gesehen, wie der Mann ermordet wurde, den Alan hasste, und dieser versteckte sich hier zwischen den Bäumen.

"Bist du noch erschöpft?", fragte er mich.

"Nein", sagte ich, "nein, jetzt bin ich nicht mehr müde. Ich will sprechen. Ihr und ich - wir müssen auseinander gehen. Ich habe Euch sehr gern gehabt, Alan, sehr gern, aber Eure Wege sind nicht meine Wege und schon gar nicht Gottes Wege. Kurz und gut, wir müssen scheiden."

"Ich will mich nicht von dir trennen, David", sagte Alan ernst, "es sei denn, ich wüsste einen guten Grund dafür. Sprich ehrlich darüber um unserer Freundschaft Willen."

"Alan", sagte ich darauf, "da unten auf der Straße liegt Campbell tot in seinem Blut."

Darauf erwiderte Alan: "Wenn ich einen Edelmann töten würde, so würde ich das nie in meiner Heimat tun, denn damit bringe ich Ungemach über meinen Clan. Und ich würde wohl auch nicht ohne Büchse und Schwert ausziehen."

"Ja", sagte ich, "das ist wohl wahr."

"Und nun", fuhr Alan fort, indem er seinen Dolch zog und in besonderer Art die Hand darauf legte, "Ich schwöre auf dieses heilige Eisen, dass ich nichts mit dieser Sache zu tun habe, nicht mit Gedanken und nicht mit Taten."

"Dafür danke ich Gott!", rief ich und bot ihm meine Hand. "Aber wisst Ihr, wer es getan hat? Kennt Ihr den Mann im schwarzen Rock? Ihr habt Euch selbst und mich in Gefahr gebracht, um die Soldaten von ihm wegzulenken!"

Er meinte, dass er den Mann nicht erkannt hätte, und dass sie selbst ja nichts von den Soldaten zu befürchten gehabt hätten, da sie unschuldig waren. Er war offenbar so voll gutem Glauben an die Richtigkeit seines Standpunktes, dass er bereit war, sein Leben dafür zu opfern.

Dann wurde er sehr ernst und sagte, wir dürften keine Zeit verlieren, sondern müssten beide fliehen; ich, weil ich in die Mordsache verwickelt sei und er, weil er ein Deserteur sei. Man würde jetzt ganz Appin durchsuchen, und auf den Geschworenenbänken des Gerichtes säßen fast nur Campbells und ihre Anhänger.

Ernst erklärte er mir: "David, wir sind im Hochland, und wenn ich dir rate loszurennen, so folge mir aufs Wort und renne los! Gewiss ist es ein hartes Ding, in der Heide herumzuschleichen und zu hungern, aber noch viel härter ist es, angekettet im Gefängnis der Rotröcke zu liegen."

Ich fragte ihn, wohin wir fliehen sollten. Als er antwortete: ins Unterland, gefiel mir das schon viel besser, denn allmählich ergriff mich die Ungeduld heimzukehren und mit meinem Oheim abzurechnen. Überdies sprach er so überzeugend von der herrschenden Ungerechtigkeit, dass ich glaubte, er könnte Recht haben. Von allen Todesarten hätte ich wahrlich am wenigsten gern den Galgen erlitten. Dieses unheimliche Gerüst vor Augen sagte ich: "Alan, ich will mit Euch gehen!"

"Aber vergiss nicht", gab Alan zurück, "ein Spaß wird es nicht! Manchmal wirst du dich auf nacktem, hartem Lager wälzen, manchmal auch bitteren Hunger aushalten müssen. Wie ein gehetztes Wild wirst du sein, schlafen wirst du mit der Hand an der Waffe. Oft wirst du dich mit müden Füßen weiterschleppen müssen, bis wir in Sicherheit sind. Ich sage dir alles jetzt im Voraus, denn es ist ein Leben, das ich nur allzu gut kenne. Fragst du aber, welche andere Möglichkeit sich dir bietet, so ist meine Antwort: keine! Entweder die Heide zusammen mit mir oder der Galgen!"

"So ist die Wahl um so leichter getroffen!", antwortete ich, und wir wechselten darauf einen Händedruck.

"Und nun wollen wir wieder einmal nach unseren Rotröcken sehen", sagte Alan und führte mich zum Waldrand. Weit hinten zogen Soldaten über Berg und Tal durch das raue Gelände. Sie meinten wohl noch immer, wir müssten unmittelbar vor ihnen sein.

Alan beobachtete sie und lächelte in sich hinein. "Ja", sagte er, "so können wir beide uns hier niederlassen, etwas essen und einen Schluck aus meiner Flasche trinken. Dann gehen wir los zum Hause meines Verwandten Jakob von der Schlucht. Dort muss ich meine Kleider holen, meine Waffen und auch Geld für die Reise. Und dann hinein in die Heide mit uns, David!"

Wir setzten uns nieder und aßen und tranken an der Stelle, wo wir die Sonne untergehen sahen über einem wilden unbewohnten Berggelände, in dem ich nun mit meinem Gefährten viele Tage lang herumirren sollte.

Auf dem Weg erzählten wir, was uns beiden nach unserer Trennung passiert war.

Als mich die Welle weggeschwemmt hatte, war Alan an die Reling gelaufen und hatte noch gesehen, wie ich im Wassergewirbel hoch und nieder ging. Er sah auch, wie ich mich an die Rahe klammerte, was ihm die Hoffnung gab, dass ich doch an Land gelangen würde. Deshalb hatte er dort später jene Botschaften für mich hinterlassen, die mich schließlich in das Land Appin leiteten.

Die Leute, die noch auf der Brigg waren, hatten inzwischen das Boot zu Wasser gebracht. Zwei weitere große Wellen brachten die Covenant endgültig zum Kentern. Zwei Männer, die sich nicht bewegen konnten und in ihren Kojen lagen, kamen dabei ums Leben. Die anderen ruderten mit vollen Kräften an Land.

Kein Wort hatten sie unterwegs gesprochen, aber kaum hatten sie den Strand betreten, gebot ihnen Hoseason, Alan gefangen zu nehmen. Sie wichen zurück, da ihnen dieser Auftrag keineswegs behagte, aber Hoseason schrie, dass Alan allein sei und eine große Summe Geld bei sich trage. Er sei Schuld am Untergang der Brigg und am Tod ihrer Kameraden. Dafür könnten sie jetzt Rache und Reichtum haben!

Da fingen die Matrosen an auszuschwärmen und waren teilweise schon hinter ihm. "Und dann", fuhr Alan fort, "trat der Kleine mit den roten Haaren … ich kann mich auf seinen Namen nicht besinnen …"

"Riach!", warf ich ein.

"Ja, Riach! Also der war's, der für mich eintrat und sagte: ‚Fürchtet ihr nicht ein höheres Gericht? Zum Teufel, ich will dem Hochländer beistehen!"

Ich fragte: "Wie nahm Hoseason die Sache auf?"

"Sehr übel", sagte Alan. "Doch der Kleine rief mir zu, ich solle fortlaufen. Das schien mir wirklich ein sehr guter Rat, und so rannte ich los. Das letzte, was ich sah, war, dass eine große Schlägerei ausbrach. Wenn ich nicht auf der Insel Mull gewesen wäre, wo einige der Campbells sitzen, wäre ich dem Kleinen beigesprungen, aber so nahm ich die Beine unter die Arme und rannte davon.

Furcht im Haus an der Schlucht

Die Nacht war sehr dunkel, als wir uns auf den Weg machten. Der Weg, den wir verfolgten, führte über raue Felshänge, und obwohl Alan mit erstaunlicher Zielstrebigkeit voran ging, blieb mir völlig unklar, wie er sich zurechtfand.

Endlich kamen wir auf die höchste Höhe eines Berges und sahen unter uns Lichter. Es schien, als stehe eine Haustür offen und ein Schein von Feuer und Kerzen fiele heraus. Um das Haus und die Ställe eilten fünf oder sechs Menschen, alle mit brennenden Fackeln in den Händen.

"Jakob muss den Verstand verloren haben", sagte Alan. "Wenn jetzt Soldaten kämen, würden sie mit Leichtigkeit den Weg zu ihm finden!"

Darauf pfiff er dreimal auf eine ganz besondere Art. Beim ersten Ton standen alle Fackeln plötzlich still, als wenn ihre Träger erschrocken wären. Beim dritten Pfiff schienen sie beruhigt und setzten sich wieder in Bewegung.

Wir stiegen den Berg hinab und am Hoftor trat uns ein kräftiger, stattlicher Mann von über fünfzig Jahren entgegen. Alan und er begrüßten sich in gälischer Sprache.

"Jakob Stuart", sagte Alan, "ich möchte dich bitten schottisch zu sprechen. Es ist ein junger Gentleman in meiner Begleitung, der unsere Sprache nicht versteht. Er stammt aus dem Unterland."

Jakob von der Schlucht begrüßte mich sehr höflich. Gleich darauf wandte er sich wieder Alan zu. "Ein scheußliches Ereignis!", rief er. "Es wird Unglück über das ganze Land bringen!"

"Na, na", entgegnete Alan, "man muss auch das Gute sehen! Colin Roy ist tot! Seien wir dankbar dafür!"

"Ja", sagte Jakob, "aber ich wollte, er wäre wieder am Leben! Vergiss nicht, dass es in Appin geschehen ist! Wir müssen dafür büßen, und ich bin ein Mann mit Weib und Kind!"

Während sie so sprachen, sah ich mich nach den Dienstleuten um. Einige standen auf Leitern und wühlten im Dachstroh des Hauses oder der dazugehörigen Gebäude herum. Sie holten Gewehre, Schwerter und andere Waffen heraus. Andere trugen die Sachen weg. Ich hörte die Schläge von Hacken und schloss daraus, dass sie die Waffen vergruben.

Insgesamt herrschte aber ein ziemliches Durcheinander. Die Mienen der Leute waren überwältigt von Hast und Schrecken, und obwohl alle nur halblaut sprachen, verriet der Klang ihrer Worte Angst und Zorn.

Ein Mädchen brachte aus dem Haus in einem Bündel Alans französische Kleider, die ebenso wie die Waffen vergraben werden sollten. "Nie und nimmer!", schrie Alan. Er nahm das Bündel und zog sich in die Scheune zurück, um sich umzukleiden.

Jakob führte mich in die Küche und ließ sich mit mir am Tisch nieder. Allerdings beschäftigten ihn seine trüben Gedanken immer wieder. Sein Weib saß beim Feuer und weinte. Sein ältester Sohn hockte auf dem Boden und überflog Papiere, von denen er ab und zu eins verbrannte.

Ich war froh, als Alan in seinen französischen Kleidern herein trat. Ich erhielt auch neue Kleider und Schuhe, die ich schon lange nötig hatte.

Allen war klar, dass Alan und ich gemeinsam fliehen würden. Man gab jedem von uns Degen und Pistolen, obwohl ich eingestand, dass ich mit dem Degen nicht umgehen kann. Außerdem erhielten wir etliche Munition, einen Sack Hafermehl, eine Eisenpfanne und eine Flasche echten französischen Branntwein. Nun waren wir fertig für die Heide. Es fehlte jedoch Geld! Ich hatte noch ungefähr zwei Guineen. Alans Gürtel war von einem anderen Boten weiterbefördert worden, und er selbst hatte gerade noch ein Vermögen von siebzehn Penny. Jakob hatte so viel Geld für Anwaltskosten für die Pächter ausgegeben, dass er nicht mehr als drei Schillinge und fünfeinhalb Penny zusammenkratzen konnte.

"Das langt nicht!", sagte Alan.

"Du musst versuchen, irgendwo in der Nähe etwas aufzutreiben, denn die Sache darf nicht scheitern!", sagte Jakob. "Wenn sie von dir Wind bekommen, werden sie dir die Schuld an dem heutigen Unglück geben und kommt es auf dich, dann kommt es auch auf mich als deinem Stammesgenossen. Es wäre eine schlimme Sache für meine Freunde, wenn ich hängen müsste!"

"Es wäre ein schwarzer Tag für ganz Appin", erwiderte Alan.

Jakob sprach weiter: "Ich muss alles tun, um mich und meine Freunde zu retten. Wenn du dir alles richtig überlegst, wirst du verstehen, dass ich sogar einen Steckbrief gegen dich erlassen muss, ja, ich muss eine Belohnung auf deinen Kopf setzen. Schrecklich ist so was unter guten Freunden! Siehst du das ein?"

"Ja", erwiderte Alan, "ich sehe das ein."

"Also musst du fort aus der Gegend, Alan, ja weg aus Schottland überhaupt! Du und dein Freund aus dem Unterland, denn auch ihn muss ich steckbrieflich verfolgen. Siehst du das ein, Alan? Sag mir, dass du das einsiehst!"

Mir schien, als würde Alan ein wenig rot. "Das ist furchtbar hart für mich, der ich ihn hergebracht habe, Jakob", sagte er. "Es ist, als würde ich zum Verräter!"

"Aber Alan, Mann!", rief Jakob. "Sieh den Tatsachen ins Gesicht! Verfolgt wird er sowieso! Zweifellos wird Mungo Campbell einen Steckbrief gegen ihn erlassen. Was kommt schon darauf an, wenn ich dasselbe tue? Alan, ich habe Weib und Kind, und die Geschworenen sind lauter Campbells!"

"Ein Umstand ist günstig", sagte Alan, "seinen Namen weiß niemand."

"Sie werden ihn auch nicht erfahren! Darauf meine Hand, Alan!", rief Jakob, der ja meinen Namen auch gar nicht kannte. "Allerdings werde ich seine Sachen beschreiben müssen, in denen ihn Mungo gesehen hat."

Er erschien mir völlig mutlos. Er wollte jede Möglichkeit nutzen, um diese Zeit zu überstehen. In Gedanken sah er vor sich stets die Geschworenenbank, den Richterstuhl und den Galgen.

Alan wandte sich mir zu. "Nun, Sir, was meint Ihr zu alledem? Ihr seid hier unter dem Schutz meines Ehrenwortes, und es ist meine Aufgabe, dass Euch nichts geschieht!"

Ich antwortete, dass ich von dem ganzen Gespräch wenig verstanden hätte, aber dass ich der Meinung bin, dass die Strafe auch der bekommen solle, der geschossen hat! "Verfolgt ihn mit Steckbriefen, setzt Spürhunde auf seine Spur und lasst ehrliche, unschuldige Leute in Ruhe!"

Bei diesen Worten schrien Jakob und Alan entsetzt auf und geboten mir, den Mund zu halten.

"Also gut!", sagte ich. "Erlasst einen Steckbrief gegen mich, wenn Ihr nicht anders könnt, gegen Alan und König Georg! Wir sind schuldlos, alle drei." Dann überwand ich meinen kleinen Ärgeranfall. "Ich bin Alans Freund, und wenn ich Freunden von ihm helfen kann, will ich mich durch Gefahr nicht davon abhalten lassen."

Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, als Frau Stuart aus ihrem Stuhl aufsprang und zu uns gelaufen kam. Sie weinte an Alans Hals und dankte Gott, dass wir uns gegenüber ihrer Familie so großmütig zeigten.

Sie sagte: "Dieser Junge hat uns in der übelsten Zeit erlebt. Er hat das Bitten und Flehen meines Mannes gehört." Nun sprach sie zu mir: "Junger Mann, mir tut das Herz weh, weil ich Euren Namen nicht weiß, aber ich kenne Euer Gesicht! Und solange mir das Herz in der Brust schlägt, will ich es darin bewahren, will ich daran denken und es segnen."

Damit küsste sie mich und brach abermals in heftiges Schluchzen aus.

Alan und ich machten uns auf den Weg. Wir lenkten unsere Schritte etwas mehr ostwärts durch ebenso bergiges Land wie zuvor. Um uns war eine schöne, milde, dunkle Nacht.

Flucht in die Heide: Die Felsen

Manchmal gingen wir durch die Nacht, manchmal rannten wir. Auf den ersten Blick mochte die Gegend wie eine Einöde erscheinen und doch gab es Hütten und bewohnte Häuser. Sooft wir uns einem Haus näherten, ließ Alan mich auf dem Weg stehen und ging selbst hin, klopfte an die Tür und sprach ein Weilchen mit dem erwachten Schläfer. Dies tat er, um den Leuten die neuesten Nachrichten mitzuteilen. Das galt in dieser Gegend als Pflicht, und Alan unterbrach dafür sogar den Lauf um unser Leben.

Trotz unserer Eile kam der Tag herauf, als wir noch weit von jedem Schutz entfernt waren. Wir liefen gerade durch ein großes Tal, das mit Felsblöcken übersät und durch das ein schäumender Fluss toste. Hohe Berge umschlossen es, und weder Gras noch Bäume wuchsen da. Alan runzelte die Stirn.

"Das ist kein guter Ort für dich und mich!", sagte er. "Hier müssen sie ja geradezu auf der Wacht sein!"

Damit rannte er geschwinder als je zuvor ans Ufer hinunter zu einer Stelle, wo der Fluss zwischen drei Felsen in zwei Läufe gespalten war. Mit Getöse rannten wir durch den einen bis zu dem mittleren Felsen. Alles war so schnell gegangen, dass ich keine Zeit gehabt hatte, mir die drohende Gefahr klar zu machen. Aber als wir nun auf dem kleinen, glitschigen Felsblock standen, der noch weiter vom anderen Ufer entfernt war, und der von allen Seiten vom Fluss umtost wurde, überkam mich tödliche Angst und Benommenheit.

Alan schüttelte mich und setzte mir die Schnapsflasche an die Lippen. Er zwang mich, etwa ein Viertel zu trinken, worauf das Blut mir wieder in den Kopf zu strömen begann. Er brüllte mir zu: "Hängen oder ersaufen!" Darauf kehrte er mir den Rücken zu, überwand den zweiten Flussarm und landete drüben in Sicherheit.

Nun war ich allein auf dem Felsblock und begriff: Jetzt oder nie! Der Zorn der Verzweiflung ersetzte meinen Mut und als meine Hände fast vom Ufer abgeglitten wären, fasste Alan kräftig zu und brachte mich mit großer Anstrengung in Sicherheit.

Kein Wort fiel. Alan machte sich sofort wieder auf den Weg und lief um sein Leben. Ich fühlte mich elend und wie zerschlagen, dazu halb betrunken vom Branntwein. Endlich hielt Alan unter zwei großen Felsblöcken, deren obere Teile sich aneinander lehnten. Er stieg auf meine Schultern und kletterte so hinauf. Mit Hilfe seines Ledergürtels holte er mich nach.

Nun sah ich, warum wir hinauf geklettert waren. Beide Blöcke waren etwas hohl, so dass eine Art Schüssel entstand, wo selbst drei oder vier Leute sich hätten verbergen können. Ich spürte, dass Alan von tödlicher Furcht vor irgendeinem Unheil getrieben wurde. Mit düsterem Gesicht warf er sich auf dem Felsen nieder und späte nur mit einem Auge über den Rand. Erst als die Dämmerung hereinbrach, wurde er ruhiger.

Zu mir sagte er: "Leg dich schlafen, Junge! Ich werde solange wachen."

Es war gegen 9 Uhr morgens, als ich rau geweckt wurde. Alans Hand presste mir den Mund zu.

"Pst!", flüsterte er. "Du hast geschnarcht!"

Ich war überrascht von seiner düsteren, ängstlichen Miene. Er lugte über den Felsrand und gab mir ein Zeichen, das Gleiche zu tun.

Ungefähr eine halbe Meile den Fluss hinauf hatten die Rotröcke ein Lager aufgeschlagen. In der Mitte flackerte ein Feuer, an dem ein paar Leute etwas kochten. Nicht weit davon, auf einem Felsen, der ungefähr so hoch war wie unserer, stand ein Wachposten. Die Sonne blitzte auf seine Waffen. Den ganzen Weg am Ufer entlang waren ebenfalls Posten aufgestellt. Weiter oben im Tal sahen wir auch Berittene hin und her traben.

Rasch duckte ich mich wieder in mein Lager. Ich war erschrocken über die vielen Rotröcke mit ihren funkelnden Waffen.

"Davie", sagte Alan, "das hatte ich die ganze Zeit befürchtet, dass sie die Ufer bewachen würden. Vor ungefähr zwei Stunden fing es an. Wir sind an einer schlechten Stelle, denn wenn sie die Abhänge hinauf klettern, können sie uns leicht mit Ferngläsern erspähen. Nur wenn sie auf der Talsohle bleiben, können wir es schaffen, nicht entdeckt zu werden. In der Nacht werden wir versuchen, durch die Postenkette zu schlüpfen."

Den ganzen Tag über brannte die Sonne grausam auf uns herab. An Wasser hatten wir nicht gedacht, so dass unser einziges Getränk der Schnaps war, mit dem wir allerdings nur die Brust und die Schläfen befeuchteten.

Die Soldaten blieben bei ihren Streifen im Talgrund. Dabei stachen sie mit ihren Bajonetten in Heidekrautbüsche und kamen auch mehrmals dicht an unserem Felsen vorbei. Wir wagten dann kaum zu atmen.

Pein und Qual wuchsen von Stunde zu Stunde. Der Felsen wurde immer heißer, die Sonne noch stechender. Schwindelanfälle und Benommenheit quälten uns. Zum Glück bekam keiner von uns beiden einen Sonnenstich.

Als die Sonne etwas tiefer stand, hielten wir es nicht mehr aus. Wir ließen uns an der schattigen Seite des Felsens auf den Boden gleiten. Ich konnte kaum stehen, so schwach und schwindlig war ich. Wir warteten ein oder zwei Stunden, in denen zum Glück kein Soldat vorüber kam.

Langsam kamen wir wieder zu Kräften, und Alan schlug vor, dass wir unsere Flucht versuchen sollten. Wir arbeiteten uns von Felsen zu Felsen vor - mal schleichend, mal auf allen vieren kriechend, mal mit klopfendem Herzen zum nächsten Felsen rennend.

Auch den Soldaten machte die Schwüle des Tages zu schaffen. Sie hatten ihre Wachsamkeit aufgegeben, standen dösend auf ihren Posten und behielten nur noch die Flussufer im Auge. Wenn wir uns an den Berghängen hielten, sollten wir es schaffen. Allerdings hatten wir ständig Angst. Kein Steinchen durfte ins Rollen geraten, denn schon das hätte unsere Entdeckung bedeutet.

Bei Sonnenuntergang hatten wir trotz unseres langsamen Vorankommens eine beachtliche Strecke zurückgelegt. Schließlich kamen wir an einen tiefen, brausenden Bach. An seinem Ufer warfen wir uns sogleich auf den Boden und hingen Kopf und Schultern tief in das herrlich erfrischende Wasser, von dem wir auch gierig tranken. Wir lagen da, verborgen von den Felsen am Ufer, tranken wieder und wieder, badeten die Brust und hielten die Handgelenke ins Wasser.

Wunderbar erfrischt nahmen wir den Mehlsack heraus und bereiteten in der Eisenpfanne einen Mehlbrei. Er war zwar nur mit kaltem Wasser gemacht, denn ein Feuer hätte uns sofort verraten, aber für uns Hungrige war er ein ausgezeichnetes Essen.

Sobald es Nacht geworden war, liefen wir weiter. Der Weg war schwierig, da er sich am Steilhang von Bergen und zwischen Felsklippen hinzog. Die Nacht war schwarz und kalt, was uns nach der Hitze des Tages das Vorankommen erleichterte.

Flucht in die Heide: Die Schlucht von Corrynakiegh

Es war noch dunkel, als wir unser Ziel erreichten: eine Kluft hoch oben im Gebirge, durchflossen von einem Bergbach, an deren einer Seite sich eine enge Felsenhöhle befand. Ein lieblicher Birkenhain stand da, der allmählich in einen Fichtenwald überging. Der Bach war voll von Forellen, der Wald voll von Ringeltauben und anderen Vögeln. Unzählige Kuckucke ließen ihre Rufe erschallen. Durch eine Öffnung in der Kluft blickten wir hinunter auf das Land und einen Meeresarm. Es war herrlich dazusitzen und alles mit freiem Blick zu betrachten.

Fünf glückliche Tage verbrachten wir hier. Wir schliefen in der Höhle, machten uns ein Lager aus Heidekraut und deckten uns mit Alans großem Mantel zu. An einer verborgenen Stelle konnten wir sogar ein Feuer anzünden. Wir bereiteten warme Hafergrütze und rösteten kleine Forellen, die wir mit den Händen fingen, was uns viel Spaß bereitete.

Alan bestand darauf, mich im Gebrauch des Degens zu unterweisen. Die Übungsstunden waren hart, und oft war ich drauf und dran, die Sache aufzugeben. Ich hielt aber durch, nur meinen Lehrer konnte ich nie zufrieden stellen.

Wir vergaßen aber bei alldem nicht unser Vorhaben. Alan überlegte, wie er Jakob eine Nachricht zukommen lassen könnte, damit er Geld für uns auftreibt.

Er ergriff Holz und formte daraus ein Kreuz, dessen vier Enden er an der glimmenden Kohle unseres Feuers schwärzte. Dann fragte er mich etwas scheu: "Würdest du mir bitte meinen Knopf leihen? Es mag ungewöhnlich erscheinen, wenn man ein Geschenk zurückerbittet, aber ich gestehe dir, dass ich nicht noch einen abschneiden möchte."

Ich gab ihm den Knopf. Er fädelte ihn an einem Streifchen seines Mantels auf, womit er das Kreuz festgeschnürt hatte. Dann befestigte er daran einen kleinen Birken- und einen Fichtenzweig und betrachtete sein Werk mit Genugtuung.

Alan erklärte mir: "In der Nähe wohnen viele Freunde von mir, denen ich getrost mein Leben anvertrauen würde, aber auch einige, bei denen ich mir nicht sicher bin. David, inzwischen sollte ein Preis auf unseren Kopf ausgesetzt sein - von Jakob und auch von den Campbells. Da es so steht, wäre es mir lieber, wenn mich die Leute nicht sehen. Schlechte Kerle gibt es überall. Wenn es dunkel wird, werde ich mich anschleichen und dieses Kreuz in das Fenster eines guten Freundes von mir stellen. Er heißt John und ist ein Viehpächter."

"Schön,", entgegnete ich, "und wenn der Mann das Ding findet, was soll er sich dabei denken?"

"Dieses Kreuz erinnert einigermaßen an die Pechkreuze oder Feuerkreuze, die das Zeichen zum Sammeln für unsere Clans sind. Er wird hoffentlich wissen, dass der Clan sich nicht sammeln soll, denn das Kreuz steht ja nur in seinem Fenster. So wird er sich sagen: Der Clan soll nicht aufgerufen werden, aber irgendwas ist los! Dann wird er meinen Knopf sehen und wird sich sagen: Der Sohn von Duncan Stuart ist in der Heide und braucht mich.

Dann wird John die beiden kleinen Zweige sehen: Birke und Fichte. Dann weiß er: Alan muss in einem Wald sein, wo es beides gibt, Birken und Fichten. Dann wird er sich überlegen, dass das hier in der Gegend nicht so häufig ist und schließlich wird er zu uns kommen. Wenn er das nicht tut, David, mag ihn von mir aus der Teufel holen!"

"Lieber Freund", sagte ich nun ein wenig spöttisch, "du bist ein großer Erfinder. Aber wäre es nicht vielleicht einfacher, wenn du ihm ein paar Zeilen schreiben würdest?"

"Eine vorzügliche Bemerkung, Mister Balfour von Shaws", erwiderte Alan nun seinerseits etwas spöttisch, "Ja sicher wäre es sehr viel einfacher für mich, ihm zu schreiben. Aber es wäre eine zu schwere Aufgabe für John, das Geschriebene zu entziffern."

In der Nacht trug Alan das Feuerkreuz hinunter und legte es in das Fenster seines Viehpächters.

Gegen Mittag entdeckten wir einen Mann, der den Berghang empor kletterte und sich suchend umblickte. Kaum hatte Alan ihn erblickt, so pfiff er. Der Mann wandte sich in die Richtung des Pfiffes und kam näher. Durch weitere Pfeiftöne führte ihn Alan genau zu uns.

John war ein zerlumpter, wilder, bärtiger Mann von etwa vierzig Jahren. Er sah etwas blöd und ziemlich ruppig aus.

Alan wünschte, dass er Jakob eine Botschaft überbringt, aber davon wollte er nichts wissen. Er wolle einen Brief haben, da er eine mündliche Nachricht vergessen würde.

Wieder zeigte Alan seinen Erfindungsgeist: Er suchte die Feder einer Ringeltaube, die er als Schreibfeder zurecht schnitt. Dann machte er eine Art Tinte von Schießpulver und Wasser, riss ein Stück Papier von seinem französischen Offizierspatent ab, das er in der Tasche trug wie einen Talisman, der ihn vorm Galgen schützen sollte und schrieb diese Worte:

Lieber Stammesgenosse, ich bitte dich, sende das Geld durch den Überbringer zu der Stelle, die dieser kennt.

Dein wohlgesinnter Vetter A.S."

Dies übergab er dem Viehpächter, der versprach, sich zu beeilen.

Er war volle drei Tage weg gewesen, als wir im Wald ein Pfeifen vernahmen, auf das Alan sofort antwortete. Bald darauf erschien der Bote, blickte sich nach rechts und links um und schien sehr befriedigt darüber, den gefährlichen Auftrag erledigt zu haben.

Er brachte uns die jüngsten Nachrichten mit. Die ganze Gegend war voller Rotröcke. Man hatte Waffen gefunden und täglich wurden arme Menschen umgebracht. Jakob und einige seiner Bediensteten waren schon im Gefängnis unter dem Verdacht der Mittäterschaft. Gegen Alan und mich war ein Steckbrief erlassen worden, und auf unsere Gefangennahme waren zweihundert Pfund Belohnung ausgesetzt.

Das alles war schlimm, und der Brief von Mrs. Stuart, den er mitgebracht hatte, war elend und traurig. Sie beschwor Alan, sich nicht ergreifen zu lassen, denn fiele er erst in die Hände der Rotröcke, so seien er und Jakob so gut wie tot. Das Geld, das sie mitschicke, sei alles, was sie habe zusammenbetteln und borgen können. Sie schickte auch einen Steckbrief mit, auf dem wir beschrieben waren.

Neugierig besahen wir das Papier. Alan war mit seiner Beschreibung und der seiner französischen Uniform zufrieden. Ich fand, dass ich elend dargestellt war. Da ich ja aber die Lumpen aus der Zeit des Überfalls nicht mehr trug, bildete die falsche Beschreibung keine Gefahr mehr für mich. Sie war eher eine gewisse Sicherheit.

Ich sagte Alan, dass er seine Kleider wechseln sollte, was er entschieden ablehnte.

Da kam mir ein neuer Gedanke: Wenn ich mich von Alan und seiner verräterischen Kleidung trennen würde, so wäre ich bestimmt vor einer Festnahme sicher. Und wenn ich doch einmal festgenommen würde, so lag nur wenig gegen mich vor. Würde ich aber in Gesellschaft des vermeintlichen Mörders des Roten Fuchses ergriffen, so wäre der Fall schon schwerer.

Diese Gedanken gingen mir immer wieder durch den Kopf, ganz besonders aber, als der Pächter eine grüne Börse herauszog, die vier Goldguineen und eine Menge Kleingeld enthielt. Dieses Geld sollte für Alan reichen, um bis nach Frankreich zu kommen.

Alan wollte nun noch seinen Knopf von dem Boten zurück haben. Dieser durchsuchte umständlich seine Kleider und meinte dann, dass er ihn wohl verloren hätte.

"Was?", schrie Alan. "Du willst meinen Knopf verloren haben? Den Knopf, der vor mir meinem Vater gehört hat? John, das ist das Übelste, was du vollbracht hast, seit du geboren wurdest!"

Ganz plötzlich fand dieser den Knopf doch, und Alan gab ihn mir zurück. Dabei sagte er: "Hier hast du den Knopf zurück, und ich danke dir dafür, dass du ihn hergegeben hast. Es gehört zu den vielen Beweisen deiner Freundschaft für mich. Du hast mir einen großen Dienst getan und deinen Hals für mich gewagt. Ich werde immer nur gut von dir sprechen."

Nachdem der Viehpächter gegangen war, machten auch Alan und ich uns auf den Weg.

Flucht durch die Heide: Das Moor

Nach elf oder zwölf Stunden ununterbrochener Wanderung kamen wir in den frühen Morgenstunden zum Ende einer Gebirgskette. Vor uns lag niedriges, unebenes, einsames Land, das wir nun überqueren mussten. Schwacher Nebel stieg aus dem Moorgebiet auf wie Rauch, durch den wir keine Soldaten hätten sehen können.

Deshalb ließen wir uns in einem Versteck am Abhang nieder um abzuwarten, bis der Nebel ganz aufstieg. Wir bereiteten uns Mehlbrei und hielten Kriegsrat.

Alan erklärte mir: "Es steht folgendermaßen: Appin bedeutet unseren sicheren Tod. Nach Süden hin ist nur Gebiet der Campbells, daran ist also nicht zu denken. Nach Norden? Ja, aber davon hätten wir beide nicht viel, da du nach Queensferry willst und ich nach Frankreich. Was bleibt übrig? Osten! Nach Osten können und müssen wir also!"

Im Stillen wünschte ich mir, dass sich unsere Wege hier trennen.

Alan erzählte weiter, dass wir den Weg durch das Moor nehmen müssen, das uns aber keinerlei Schutz vor den Rotröcken bietet und ganz besonders gefährlich ist, wenn sie mit ihren Pferden kommen, denn dann würden sie uns im Nu einholen. Deshalb sollten wir nachts gehen.

"Alan", antwortete ich darauf, "hör mal zu! Wir haben nicht viel Geld und kaum noch Mehl. Je länger die Soldaten suchen, umso leichter werden sie wittern, wo wir sein könnten. Wegen mir können wir sofort weiter laufen."

Alan war begeistert von meinem Mut. Er sagte: "David, es gibt Augenblicke, da bist du ein großartiger Kerl. Dann liebe ich dich wie einen Bruder!"

Als der Nebel verweht war, sahen wir ein Land vor uns, das öde wie das Meer war. Zu unserem Glück waren keine Rotröcke hier.

Wir begannen also unsere mühevolle, uns weit vom eigentlichen Weg abführende Wanderung nach Osten in diesem gottverlassenen Land. Da ringsumher hohe Berge standen, von denen wir leicht erspäht werden konnten, mussten wir uns an die Gruben und Löcher im Moor halten oder mit unendlicher Vorsicht auf der nackten Fläche dahin schleichen. Manchmal krochen wir von einem Busch zum anderen. Es war wieder ein klarer Tag mit glühendem Sonnenschein. Das Wasser in unserer Flasche war rasch verbraucht. Hätte ich gewusst, was mich hier erwartet, wäre ich sicher nicht mit diesem Weg einverstanden gewesen.

Wir schleppten uns fort, rasteten, machten uns wieder auf und so verging der Morgen. Um die Mittagsstunde lagerten wir uns in dichtes Heidegebüsch und schliefen. Alan übernahm die erste Wache. Danach war ich an der Reihe, aber ich war so erschöpft, dass mir immer wieder die Augen zufielen, bis ich schließlich ganz einschlief. Als ich erwachte, hätte ich fast laut aufgeschrien, denn mir wurde klar, dass ich versagt hatte!

Als ich auf das Moor sah, war es, als sterbe mir das Herz im Leib. Eine Abteilung berittener Soldaten näherte sich uns aus Südosten. Sie verteilten sich und sprengten hin und her.

Als ich Alan weckte, sah er gleich die Soldaten. Er runzelte die Stirn und sah mich böse und beunruhigt an.

"Was können wir nun machen?", fragte ich.

"Hasen spielen!", antwortete er. "Siehst du den Berg da?", und er deutete auf einen Umriss im Nordosten. "Dorthin wollen wir. Es ist Ben Alder; ein wilder, einsamer Gebirgsstock mit Kuppen und Höhlen. Wenn wir vor morgen hinkommen, sollte noch alles klar gehen."

"Aber Alan, da müssen wir ja mitten durch die Soldaten!"

"Das weiß ich wohl", versetzte er, "aber wenn wir zurück nach Appin flüchten, sind wir tote Leute. Also los, David, frisch voran!"

Damit begann er, sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf Händen und Knien vorwärts zu bewegen. Dabei suchte er sich die Teile des Moorlandes aus, wo man sich am besten verstecken konnte. Das mitgenommene Wasser war längst verbraucht, und die Fortbewegung in dieser ungewohnten Haltung machte uns entsetzlich müde und schwach; die Gelenke schmerzten, und manchmal blieben wir keuchend eine Weile in einem Heidebusch liegen.

Zum Glück hatten uns die Rotröcke nicht erspäht und ritten in anderer Richtung weiter.

Die Schmerzen und meine Schwäche, der wilde Herzschlag, meine aufgeschundenen Hände, das Brennen in den Augen und in der Kehle von dem aufsteigenden rauchigen Dunst aus dem Moor - das alles war bald so unerträglich, dass ich am liebsten die Flucht aufgegeben hätte. Nur die Angst vor Alan trieb mich weiter. Obwohl auch er völlig außer Atem war, ließen seine Tatkraft und Ausdauer nicht nach.

Im ersten Abendlicht hörten wir den Klang einer Trompete und sahen, dass die Soldaten sich sammelten und um ein Feuer niederließen.

"In dieser Nacht gibt es keinen Schlaf!", bestimmte Alan. "Von jetzt an werden die Rotröcke das Moor besetzt halten, und keiner kommt mehr aus Appin heraus. Wir sind im letzten Augenblick durchgeschlüpft. Wenn der Tag kommt, müssen wir an einem sicheren Ort sein, und zwar auf Ben Alder."

"Alan", gab ich zurück, "mir fehlt dazu die Kraft! Ich kann einfach nicht mehr!"

"Gut", sagte Alan, "dann werde ich dich tragen!"

Ich blickte ihn an, ob er etwa Spaß mache; aber nein, er sprach mit tödlichem Ernst. Der Anblick seiner Entschlossenheit erfüllte mich mit brennender Scham.

Da sagte ich: "Geh nur weiter! Ich werde dir folgen."

Sofort machte er sich mit höchster Geschwindigkeit auf den Weg. Langsam kam die Nacht, und es wurde kühler. Reichlicher Tau fiel auf das Land und befeuchtete das Moor wie Regen. Das machte mich für einige Zeit frischer.

Allerdings änderte es nichts an meiner Wut auf Alan. Er war schuld daran, dass ich bei jedem Schritt dachte, er wäre mein letzter. Alan war Offizier, und er und seine Leute mussten Dinge tun, für die sie vielleicht den Tod fanden. Aber ich nicht!

Als der Tag herauf kam, waren wir aus der größten Gefahr heraus. Endlich konnten wir wieder wie Menschen auf den Füßen gehen und mussten nicht wie Tiere kriechen. Aber wir sprachen kein Wort, sondern kämpften mit den Schmerzen in unseren Gliedern.

Da Alan ebenso erschöpft wie ich war, achtete er nicht richtig auf unsere Umgebung. Als wir einen buschigen Abhang hinab stiegen, raschelte es plötzlich in der Heide. Drei oder vier abgerissene Kerle sprangen heraus, und im nächsten Augenblick lagen wir beide auf dem Rücken, jeder einen offenen Dolch an der Kehle.

Vor lauter Schmerzen war mir selbst das ziemlich gleichgültig. Ich hörte, wie Alan mit einem von ihnen auf gälisch flüsterte, konnte aber nichts verstehen. Die Männer steckten die Dolche ein und nahmen unsere Waffen weg. Wir setzten uns in der Heide einander gegenüber.

Es stellte sich heraus, dass sie zu einem befreundeten Clan gehörten. Sie waren Außenposten und wollten mit uns gemeinsam auf einen Boten warten, den sie zum Häuptling Cluny geschickt hatten, auf dessen Kopf ebenfalls ein Preis ausgesetzt war.

Alan nutzte die Wartezeit zum Schlafen. Mir war das unmöglich.

Als der Bote zurückkam, machten wir uns auf die Beine, denn es hieß, dass Cluny erfreut sei, uns zu empfangen. Alan war in ausgezeichneter Stimmung, erfrischt durch seinen kurzen Schlaf, sehr hungrig und vergnügt bei der Aussicht auf einen Schnaps und ein Rehschnitzel.

Mir dagegen ging es nicht gut. Ich konnte an nichts zu essen denken, und das Laufen fiel mir schwer. Ich trieb nur so dahin und hätte weinen können über meine Hilflosigkeit.

Schließlich fassten mich zwei Männer unter den Armen und trugen mich fast durch ein Irrsal von düsteren Schluchten und Höhlen, mitten hinein in das öde Bergmassiv von Ben Alder.

Clunys Käfig

Wir kletterten einen felsigen Berghang hinauf und gelangten oben an das seltsame Haus, das in der Gegend als Clunys Käfig bekannt war. Mehrere Baumstämme waren durch Flechtwerk verbunden, die Zwischenräume mit Stützpfählen verstärkt. Den Raum hinter diesem Wall hatte man mit Erde aufgefüllt, so dass ein ebener Fußboden entstand. Ein Baum, der aus dem Abhang heraus wuchs, war der Mittelbalken des Daches. Die Wände bestanden aus Weidengeflecht und waren mit Moos bedeckt.

Dieses Gebäude war innen groß genug, um fünf bis sechs Menschen einigermaßen bequem Unterkunft zu gewähren. Ein Felsvorsprung war geschickt zu einer Feuerstelle geworden. Der Rauch stieg an der Felswand empor, und da er die gleiche Farbe wie sie hatte, war er schwer zu erkennen.

Dies war nur eins von Clunys Verstecken. Er hatte außerdem noch Höhlen und unterirdische Räume in verschiedenen Teilen seiner Heimat. Auf die Berichte seiner Kundschafter hin wechselte er seinen Aufenthalt, je nachdem, wo die Soldaten waren. So lebte er in relativer Sicherheit, während viele seiner Leute ergriffen oder getötet wurden.

Als wir an die Tür kamen, saß er neben seinem Felskamin und sah einem der Knechte zu, der dort etwas kochte. Er war sehr einfach gekleidet und rauchte eine übel riechende Stummelpfeife. Als wir eintraten, erhob er sich und hieß uns willkommen.

"Hallo, Mister Stuart, kommt herein, Sir!", begann er, "und bringt mir Euren Freund, dessen Namen ich noch nicht kenne, mit!"

"Wie geht es Euch selbst, Cluny?", entgegnete Alan. "Ich hoffe vortrefflich. Stolz bin ich, Euch zu sehen und Euch meinen Freund vorzustellen: Das ist Laird von Shaws, Mister David Balfour."

"Tretet ein, Gentlemen", sagte Cluny, "seid beide willkommen in meinem Hause, das etwas ungewöhnlich ist. Trinken wir ein Schnäpschen auf unser Glück! Sobald die Schnitzel fertig sind, wollen wir essen. Dann spielen wir Karten, wie es sich für Edelleute gehört. Mein Leben verläuft sonst etwas eintönig, ich habe wenig Gesellschaft."

Wir stießen an und tranken. Kaum hatte ich den Schnaps hinuntergeschluckt, fühlte ich mich schon bedeutend wohler. Ja, es war ein ungewöhnlicher Platz und ein ungewöhnlicher Wirt! Zuweilen besuchte er unter dem Schutz der Nacht seine Frau und einen oder zwei seiner nächsten Freunde, aber die meiste Zeit hauste er hier nur mit seinen Knechten, die ihn im Käfig bedienten. Sie informierten ihn auch über die Neuigkeiten in der Umgebung. Geriet er in Zorn, zitterten die Knechte vor ihm.

Hier hatte ich die Gelegenheit, einiges aus dem Leben eines Hochlandclans zu lernen, und zwar bei einem geächteten, flüchtigen Häuptling, dessen Gebiet von den Gegnern besetzt war, der von den Truppen gesucht wurde, die oft kaum eine Meile von seinem Versteck entfernt waren. Das alles geschah zu einer Zeit, da jeder der zerlumpten Burschen, die er dauernd ausschimpfte und bedrohte, ihn hätte verraten können und damit ein Vermögen hätte erwerben können.

Kaum hatten wir gegessen, brachte Cluny einen Packen alter, abgegriffener, schmutziger Karten hervor, und seine Augen glänzten, als er vorschlug, nun zum Spiel überzugehen.

Kartenspielen war eins der Dinge, die man mich zu meiden gelehrt hatte wie die Pest. Das sagte ich auch, worauf Cluny ärgerlich reagierte und fast mit Alan in Streit über mich geraten wäre. Schließlich zog ich mich zum Schlafen zurück. Cluny zeigte mir dazu ein Bett aus Heidekraut in einer Ecke des Käfigs.

Eine eigentümliche Schwere war vom Branntwein und dem Essen über mich gekommen, und ich hatte mich kaum auf das Bett niedergelegt, da fiel ich schon in einen Zustand des Halbschlafs, in dem ich dann fast die ganze Zeit unseres Aufenthaltes im Käfig verharrte. Ich bekam kaum mit, was um mich herum geschah.

Der Barbierknecht, der jeden Morgen Cluny rasierte, war zugleich der Arzt. Er wurde gerufen, um mich zu behandeln, aber da er gälisch sprach, verstand ich kein Wort von dem, was er sagte. Mir war auch zu elend, um mir die Worte übersetzen zu lassen. Ich wusste aber, dass ich krank war. Ich gab auf nichts mehr acht, während ich so elend herumlag.

Alan und Cluny spielten dauernd Karten. Einmal sah ich, wie vor ihnen auf dem Tisch ein großer glitzernder Haufen von vielleicht sechzig bis hundert Guineen lag.

Am zweiten Tag wurde ich wie gewöhnlich zur Mahlzeit geweckt, und wie gewöhnlich mochte ich nichts essen. Stattdessen bekam ich einen Schnaps mit irgendetwas Bitterem. Cluny saß mit den Karten am Tisch. Alan hatte sich über mein Bett gebeugt. Scheinbar schien das Spiel bei ihm nicht gut zu laufen, denn er bat mich, ich solle ihm mein Geld leihen.

"Wozu?", fragte ich.

"Ach, nur so als Anleihe", meinte er.

"Aber wozu?", wiederholte ich. "Ich verstehe nicht, was das soll."

"Aber David", sagte er nun, "du wirst mir doch ein kleines Darlehen nicht verweigern?"

Wäre ich ganz bei Sinnen gewesen, hätte ich das sicher getan, doch in diesem Augenblick wollte ich nur meine Ruhe haben und händigte ihm mein Geld aus.

Als ich am Morgen des dritten Tages aufwachte, fühlte ich mich viel besser, zwar noch immer schwach und müde, aber wieder mit Interesse an meiner Umgebung und mit Hunger.

Kundschafter brachten die neuesten Nachrichten. Cluny sagte zu mir: "Mein Kundschafter berichtet, dass der Süden unbewacht ist. Deshalb die Frage: Seid Ihr kräftig genug wieder loszuziehen?"

Ich sah die Karten auf dem Tisch, aber kein Geld. Nur ein Haufen beschriebener Zettelchen lag da und alle auf Clunys Seite. Zudem blickte Alan seltsam finster und unzufrieden drein. Eine schlimme Vermutung stieg in mir auf.

"Ich weiß nicht, ob ich kräftig genug bin", entgegnete ich und blickte Alan dabei an. "Das bisschen Geld, das wir haben, muss ja für einen langen Weg reichen."

Alan biss sich auf die Lippen und sah zu Boden.

"David", sagte er, "die nackte Wahrheit ist, dass ich es verloren habe, deins und meins! Du hättest mir deins nicht geben dürfen. Ich bin völlig verrückt, wenn ich Karten anrühre!"

"Dummes Zeug!", mischte sich Cluny ein. "Das ist alles Unsinn! Vollkommener Blödsinn! Selbstverständlich sollt Ihr Euer Geld wieder haben und die doppelte Summe dazu! Das wäre ein sonderbares Ding, wenn ich es behalten sollte! Nein, Edelleute, Ihr sollt keinen Nachteil erleiden!" Dabei begann er, Goldstücke aus der Tasche zu ziehen.

Alan sprach kein Wort. Noch immer blickte er zu Boden.

Flucht durch die Heide: Der Streit

Alan und ich wurden im Dunkel der Nacht über den Meeresarm von Errocht gebracht. Einer der Knechte führte uns an dessen Ostufer zu einem anderen Versteck. Dabei trug dieser Bursche unser ganzes Gepäck.

Zweifellos war es eine große Erleichterung, ohne Last zu wandern, ganz besonders für mich, der ich doch eben erst vom Krankenlager aufgestanden war.

Lange Zeit sprachen wir kein Wort und hingen nur unseren finsteren Gedanken nach. Ich war wütend, und Alan war wütend und beschämt; beschämt, weil er mein Geld verspielt hatte und wütend, weil ich ihm dies so übel nahm.

Immer häufiger und drängender kam mir der Gedanke an Trennung in den Sinn, aber ich schämte mich auch für diese Überlegungen. Ich konnte mich doch nicht an ihn - den Freund, der mich liebte - wenden und sagen: Du bist in großer Gefahr, aber ich habe nur wenig zu fürchten. Deine Freundschaft ist eine Gefahr für mich; deshalb geh allein weiter! Das zu sagen war doch unmöglich!

Und doch hatte sich Alan wie ein hinterlistiges Kind betragen und mir mein Geld abgeschmeichelt, während ich halb bewusstlos dalag. Und nun wanderte er hier an meiner Seite!

Ich konnte über all diese Gedanken nicht sprechen und so schwieg ich und blickte Alan nicht einmal an.

Später, als der Weg etwas leichter wurde, hielt er es nicht mehr aus, trat dicht an mich heran und sprach:

"David, so sollen zwei Freunde nicht miteinander sein wegen eines lächerlichen Vorfalls. Ich möchte dir sagen, dass es mir aufrichtig leid tut. Hast du noch mehr gegen mich vorzubringen? Dann tu es jetzt!.

"Nein", sagte ich, "ich habe nichts gegen dich.

Das schien ihn etwas aus der Fassung zu bringen.

"Nein?", fragte er mit leicht bebender Stimme. "Habe ich keinen Tadel verdient?.

"Ja, natürlich hast du Tadel verdient", entgegnete ich kühl, "aber bisher habe ich dir niemals Vorwürfe gemacht.

"Nie, das ist wahr! David, sollen wir uns trennen? Das Land ist groß genug, und ich gestehe dir, dass ich nicht allzu scharf darauf bin, an jemandem zu kleben, der mich nicht haben will.

Diese Worte drangen in mein Inneres wie ein Schwert.

"Alan Breck!", rief ich aus. "Glaubst du, ich bin der Mensch, dir jetzt in deiner schlimmsten Not den Rücken zu kehren? Das wagst du mir nicht ins Gesicht zu sagen! Ja, ich bin auf dem Moor eingeschlafen, ich war völlig erschöpft.

"Ich habe dir das kein einziges Mal vorgeworfen!", erwiderte Alan.

"Aber was habe ich abgesehen davon getan, dass du einen solchen Verdacht äußerst?", fuhr ich fort. "Niemals habe ich einen Freund verlassen, und nun soll ich damit beginnen? Es gibt Dinge, die wir zusammen erlebt haben, die ich niemals vergessen kann, magst du es auch können!.

"Ich möchte dir nur eins sagen, David", entgegnete Alan völlig ruhig. "Seit langem schulde ich dir mein Leben, und jetzt schulde ich dir Geld.

In gewisser Art rührten mich seine Worte, aber sie machten mich auch wieder zornig, zornig auf Alan und mich selbst.

"Du hast mich gebeten, zu reden", sagte ich, "gut, ich will sprechen. Du tadelst mich, weil ich nicht lache und singe, als wenn ich glücklich über das alles wäre! Soll ich auf die Knie fallen und dir dafür danken? Du solltest mehr an andere denken, Alan Breck! Du warst es, der Tadel verdient hat!.

"Schon gut", erwiderte Alan, "du brauchst nichts mehr zu sagen.

Und wieder verfielen wir in unser vorheriges Schweigen. So kamen wir ans Ende der Tageswanderung, aßen und legten uns schlafen, ohne noch ein Wort zu wechseln.

Clunys Knecht setzte uns in der Morgendämmerung des nächsten Tages über den Meeresarm bei Rannoch und gab uns Ratschläge für die weitere Marschroute. Alan war wenig begeistert davon, da dieser Weg mitten durch das feindliche Gebiet der Campbells führte. Allerdings erklärte uns der Knecht, der auch oberster Kundschafter war, dass wir in diesem Gebiet am sichersten wären, da dort die wenigsten Truppen sind.

Alan gab schließlich nach, und wir wanderten nach diesem Marschplan weiter. Den größten Teil der nächsten drei Nächte ging es über unheimliche Berge und an den Quellen wilder Flüsse vorbei. Fast pausenlos stürmte und regnete es, und kein Sonnenstrahl war zu sehen. Tagsüber lagen wir schlafend in der nassen Heide. Durch Nebel kamen wir oft vom Weg ab, an Feuer war nicht zu denken. Unsere einzige Nahrung war Mehlbrei und etwas kaltes Fleisch, das wir aus dem Käfig mitgenommen hatten.

Keine Minute war ich warm, mein Hals tat schlimm weh, und Seitenstiche plagten mich, die keinen Augenblick nachließen. In meinen Träumen erlebte ich noch einmal meine schlimmsten Abenteuer.

Während der abscheulichen nächtlichen Wanderungen war unsere Kameradschaft schlecht, kaum ein paar Worte wechselten wir miteinander. Ich war weiterhin wütend auf Alan und mich selbst. An den ersten beiden Tagen war Alan stets freundlich. Zwar sprach er nicht, aber er war ständig bereit mir zu helfen. Er hoffte noch immer, dass meine schlechte Stimmung vorüber gehen würde. Meine Wut verhärtete sich aber immer mehr. Ich wies mit rauem Wort seine Hilfe zurück, wobei ich ihn nicht ansah.

Schließlich kam der Moment, in dem er sagte: "Ich werde dir meine Hilfe nicht mehr anbieten!.

Ab diesem Augenblick hatte ich das Gefühl, dass er den Vorfall im Käfig abgehakt hatte. Er lief munter dahin, pfiff fröhliche Weisen und blickte mich mit herausforderndem Lächeln von der Seite an.

In der nächsten Nacht fühlte ich mich tödlich müde und tödlich elend. Der kalte Wind durchfuhr mich eisig, sein lautes Sausen verwirrte meine Sinne, und ich wurde von Schmerzen und fiebrigen Schaudern geschüttelt. Zu all dem musste ich nun den Spott von Alan ertragen.

Ich wusste, dass es meine eigene Schuld war, aber ich fühlte mich zu elend, um meine Worte zu bereuen. Ich fühlte, dass ich mich nicht mehr lange weiterschleppen konnte. Mir wurde immer übler. Einmal war ich schon niedergesunken, da meine Beine unter mir zusammenknickten. Das machte Alan einen Augenblick betroffen, aber ich war schnell wieder auf den Füßen und bemühte mich, frisch weiterzulaufen. Allerdings überfluteten mich in Wirklichkeit Hitzewellen, Krämpfe und Schauer.

Endlich konnte ich nicht mehr weiter und blieb stehen Zu allem Ärger der letzten Tage gerieten wir nun auch noch in einen Streit über unsere politischen Ansichten. Dieser ging so weit, dass ich meinen Degen zog und in die Auslage ging, sowie Alan es mich gelehrt hatte.

"David!", rief Alan. "Bist du von Sinnen? Ich kann nicht den Degen gegen dich ziehen! Das wäre reiner Mord!.

"Daran hättet Ihr früher denken sollen!", sagte ich.

"Das ist wahr!", rief er und presste in tiefster Bestürzung die Hand vor den Mund. Trotzdem zog er seinen Degen. Doch bevor die Klingen einander berührten, schleuderte er seinen weit weg. Er warf sich auf den Boden und sagte wieder und wieder: "Nein, nein!.

Da fiel der letzte Zorn von mir ab. Ich fühlte mich nur noch krank, betrübt und leer. Ich bereute meine Worte und erkannte, dass ich diesen tapferen Freund verloren hatte. Gleichzeitig wurde mein Seitenstechen so stark, dass ich glaubte, ich müsse auf der Stelle in Ohnmacht fallen.

Ein Gedanke aber beschäftigte mich trotzdem: Eine Entschuldigung würde nicht reichen, aber wo entschuldigen vergeblich war, würde vielleicht eine schlichte Bitte um Hilfe Alan wieder an meine Seite bringen. Ich warf meinen Stolz weg.

"Alan", sagte ich, "wenn du mir nicht hilfst, muss ich hier sterben.

Er setzte sich auf und sah mich an.

"Es ist, wie ich sage", fuhr ich fort, "ich bin fertig. O Alan, bring mich in den Schutz eines Hauses! Dort werde ich leichter sterben." Durch meine Stimme klang mein Weinen.

"Kannst du gehen?", fragte Alan.

"Nein", erwiderte ich, "ohne Hilfe nicht. Meine Beine sind ganz schwach. In der Seite habe ich Stiche wie von glühendem Eisen, ich kann nicht richtig atmen. Wenn ich sterbe, Alan, wirst du mir dann verzeihen können? In meinem Innersten habe ich dich wirklich lieb gehabt, auch wenn ich äußerlich wütend war.

"Still, still!", rief Alan. "Sprich nicht so! David, Junge!" Ein Schluchzen schloss ihm den Mund. "Lass mich den Arm um dich legen", fuhr er fort. "So, nun stütze dich tüchtig auf mich. Gott weiß, wo hier ein Haus ist. Geht's so, Davie?.

"Ja", sagte ich, "so kann ich es schaffen", und ich drückte seinen Arm in meiner Hand.

Wieder war er dicht am Schluchzen. "David", sagte er, "ich bin kein guter Mann. Ich habe keinen Verstand. Ich habe nicht daran gedacht, dass du noch ein Kind bist; ich habe nicht gesehen, dass du am Sterben warst. Davie, du musst versuchen, mir zu vergeben!.

"Ach, lass uns nicht mehr darüber sprechen", bat ich. "Von uns beiden ist keiner besser als der andere, das ist die Wahrheit! Alan, die Stiche sind furchtbar! Ist denn hier gar kein Haus?.

"Ich werde ein Haus für dich finden, Davie", erwiderte er entschlossen. "Wir wollen dem Bach nachgehen, da kommen wir sicher an Häuser! Mein armer Junge, wäre es nicht besser, ich würde dich tragen?.

"Alan!", rief ich. "Warum bist du so gut zu mir? Wie kommt es, dass du einen undankbaren Kerl so gern hast?.

"Das weiß ich wahrhaftig nicht, David", gab er zurück, "aber nach dem Streit habe ich dich noch viel lieber!.

In Balquhidder

Wir waren in einer Gegend des Hochlandes, in der keiner der großen Clans die Macht hatte. Sie war umstritten von vielen kleinen Stämmen.

Daher war es nicht ganz ungefährlich, als Alan an die Tür des ersten Hauses klopfte, an das wir kamen.

Der Zufall war günstig. Wir hatten an ein Haus geklopft, in dem Alan wegen seines Namens und seines Rufes willkommen war. Ich wurde sofort zu Bett gebracht, und man rief einen Arzt, der meinen Zustand bedenklich fand.

Alan wollte die ganze Zeit über nicht von meiner Seite weichen, obwohl ich ihn oft dazu drängte. Tags über versteckte er sich in den Bergen, aber nachts kam er immer ins Haus und besuchte mich. Ich war stets froh, ihn zu sehen. Unserer Wirtin war nichts zu gut für ihre Gäste und unser Gastgeber hatte einen Dudelsack im Hause und liebte leidenschaftlich Musik. So wurden die Tage meiner Genesung wie zu einer Festzeit, und für gewöhnlich machten wir die Nacht zum Tag.

Soldaten kamen uns nicht zu nahe. Nur einmal zog ein Trupp im Tal vorüber, so dass ich sie vom Bett aus durchs Fenster beobachten konnte. Auch sonst erkundigte sich erstaunlicherweise niemand nach uns. Zwar waren unsere Steckbriefe überall zu sehen, und niemand konnte bezweifeln, dass wir die Gesuchten waren, aber keiner verriet uns.

Ende der Flucht: Über den Forth

Tief im August, als herrliches warmes Wetter war, wurde ich für gesund erklärt und konnte weiterwandern. Wir hatten kaum noch Geld, und Alan meinte, dass die Jagd nach uns wohl nicht mehr so eifrig betrieben würde, da wir nur noch wenige Wachen sahen.

"Es ist einer der obersten Grundsätze in militärischen Dingen", belehrte er mich, "dort aufzutauchen, wo man am wenigsten erwartet wird. Der Forth ist unsere größte Schwierigkeit. Wenn wir versuchen, den Fluss an seiner Quelle zu umgehen, so werden sie uns gerade dort erwarten und festnehmen. Wenn wir aber geradewegs auf die alte Brücke von Stirling losmarschieren, so wette ich meinen Degen, dass sie uns ungeschoren durchlassen."

Wir wanderten mehrere Nächte und verbrachten die Tage bei Freunden. Schließlich kamen wir an den Rand des Gebirges und sahen den Forth, vom Mondschein überglänzt.

"Nun", sagte Alan, "vielleicht macht es dir nichts aus, aber jetzt bist du wieder in deiner Heimat! Die Grenze des Hochlandes haben wir in der Nacht überquert, und wenn wir nun noch das Gewässer da überschritten haben, können wir unsere Mützen voll Jubel in die Luft werfen."

Wir entdeckten ein kleines, sandiges Inselchen, auf dem Kletten und andere niedrige Kräuter wuchsen. Wir brauchten uns da nur hinzulegen und waren geschützt.

Als die Abenddämmerung kam, wateten wir zurück zum Ufer. Dort gingen wir im Schutz der Felder und Zäune und gelangten so zu der Brücke von Stirling. Sie liegt dicht unter dem Burgberg. Von der Burg hörten wir den Trommelwirbel der Truppen.

Der Mond war noch nicht hoch, als wir sie erreichten. Einige Lichter schimmerten, aber ansonsten war alles völlig still und lautlos. Kein Posten schien den Übergang zu bewachen.

Ich meinte, wir sollten einfach hinübergehen, aber Alan riet dringend zur Behutsamkeit. Als ein altes Weiblein mit einem Krückstock die Brücke überquerte, lauschten wir gespannt ihren Schritten. Als sie die andere Seite erreicht haben musste, erklang plötzlich eine Stimme: "Wer da?" Wir vernahmen das Rasseln eines Gewehrkolbens auf den Pflastersteinen. Offenbar hatte die Wache geschlafen, aber nun war ein Mann wach.

Alan sagte: "Das geht nicht! Nie und nimmer gelingt uns das!" Ohne ein weiteres Wort fing er an, durch die Felder davon zu kriechen. Erst als wir außer Sichtweite waren, erhob er sich auf die Füße. Ich begriff nicht, was er im Sinn hat, und ich war auch schmerzlich enttäuscht. Eben noch hatte ich mir vorgestellt, wie ich an Mister Rankeillors Tür klopfen würde, um mein Erbe zu fordern, gleich einem Helden; und nun war ich zurückgeschleudert in mein Wanderdasein.

Alan sagte: "Was kann man da tun? Sie sind nicht so dumm, wie ich dachte. Über den Forth müssen wir noch, Davie! Über den Fluss und seine Brücken können wir aber nicht! Versuchen wir es mit dem Meeresarm!"

Ich war der Ansicht, dass wir doch lieber durch den Fluss schwimmen sollten, als zum Meeresarm zu gehen, denn wie sollten wir den überwinden?

Alan entgegnete, dass unsere Schwimmkünste nicht ausreichen, um den Fluss zu überqueren, für den Meeresarm gebe es ja aber Boote. Nun meinte ich, dass uns dafür aber das Geld fehle.

"David", entgegnete Alan, "du hast zu wenig Erfindungsgabe und Zuversicht. Ich will meinen Kopf ordentlich gebrauchen, und wenn ich kein Boot erbetteln, keins leihen oder stehlen kann, so werde ich eins bauen. Lass Alan für dich denken!"

So wanderten wir also weiter die ganze Nacht. Gegen zehn Uhr morgens kamen wir hungrig und müde zu einem Ort dicht an der Küste. Auf der gegenüberliegenden Seite sahen wir die Stadt Queensferry. Aus den Schornsteinen stieg Rauch auf, die Felder wurden gemäht, und zwei Schiffe lagen vor Anker. Für mich war das ein erfreulicher Anblick. Ich konnte mich an den grünen, bebauten Hügeln und dem geschäftigen Volk auf Feld und See nicht sattsehen.

Vor allem aber: Da drüben am Südufer stand Mister Rankeillors Haus. Reichtum lag dort für mich bereit, daran zweifelte ich keinen Augenblick. Aber ich war hier auf der Nordseite, in armselige Sachen gekleidet, mit nur drei Silberschillingen in der Tasche, ein Preis war auf meinen Kopf ausgesetzt und meine einzige Gesellschaft war ein Geächteter.

"O Alan!" sagte ich. "Da drüben ist alles, was das Herz sich wünschen mag und wartet auf mich. Die Vögel fliegen hinüber, die Boote fahren dahin und wer Lust hat, kann hinüber - aber ich, gerade ich nicht! Ach, lieber Freund, es ist herzzerreißend!"

Wir gingen in ein kleines Gasthaus und kauften etwas Brot und Käse von einem hübschen Mädchen. Wir nahmen das Gekaufte mit und wollten es in einem Wäldchen an der Küste verzehren.

Plötzlich blieb Alan auf dem Weg stehen: "Hast du dir das Mädchen angesehen, von dem wir das hier gekauft haben?"

"Gewiss", gab ich zurück, "ein hübsches Mädel war sie!"

"Findest du?", rief er nun. "Das höre ich gern!"

"Um alles in der Welt - warum das? Was soll uns das nützen?"

"Tja", entgegnete Alan und warf mir einen seiner Spaßvogelblicke zu, "ich dachte, vielleicht würde uns das zu einem Boot verhelfen."

"Wenn es umgekehrt gewesen wäre - wenn ich ihr gefallen hätte, dann könntest du vielleicht recht haben", sagte ich.

Alan meinte: "Das Mädchen soll sich ja nicht in dich verlieben! Mitleid soll sie mit dir haben, David, und dazu braucht sie dich nicht einmal schön zu finden." Er betrachtete mich prüfend. "Ich wünschte, du wärst ein bisschen blasser; aber immerhin, du passt ganz gut zu meinem Plan. Du hast so ein richtiges abgezehrtes Bettler- und Lumpenaussehen, als hättest du deine Sachen von einer Vogelscheuche gestohlen. Los! Kehrt marsch! Zurück zum Wirtshaus, damit wir zu unserem Boot kommen!"

Ich folgte ihm lachend.

"David Balfour", sagte er nun, "du bist auf deine Art ein spaßiger Gentleman, aber wenn dir etwas an deinem und meinem Leben liegt, dann nimm diese Angelegenheit bitte ernst. Ich will ein kleines Schauspiel veranstalten, das aber im Grunde so ernst ist wie die Drohung mit dem Galgen, die über uns hängt. Also, behalte das bitte im Sinn und benimm dich danach!"

"Gut, gut", sagte ich darauf, "wie du willst!"

Als wir nahe am Gasthaus waren, ließ er mich seinen Arm nehmen und mich an ihn hängen, als ob ich vor Müdigkeit nicht mehr weiter könnte. Als er die Tür des Hauses aufstieß, machte es den Eindruck, dass er mich halb trage. Das Mädchen schien überrascht, dass wir so schnell wieder da waren. Alan gab keine langen Erklärungen, half mir auf einen Stuhl, bat um ein großes Glas Branntwein, ließ es mich in kleinen Schlucken trinken, nahm schließlich Käse und Brot heraus und gab mir davon zu essen. Alles geschah mit ernster, herzbewegender Miene. Es war kein Wunder, dass das Mädchen wahrhaft ergriffen war von unserem Anblick. Sie sah nichts anderes vor sich als einen höchst besorgten Kameraden, der einem armen, kranken, völlig erschöpften Bürschlein Hilfe brachte.

Sie kam heran und fragte: "Was fehlt ihm denn?"

"Fehlt?", rief Alan. "Fehlt? Er hat hunderte von Meilen zu Fuß ausgehalten und öfter in der nassen Heide geschlafen als in trockenen Betten. Es fehlt ihm so allerlei!" Während er mich weiter fütterte, brummte er noch vor sich hin.

"Er ist zu jung für so ein Leben", sagte das Mädchen.

"Viel zu jung", gab Alan zurück.

"Ihr braucht mir gar nichts weiter zu sagen", bemerkte das Mädchen, "ich sehe, dass Ihr von Adel seid."

Alan meinte, dass das aber kein Grund wäre, dass man Geld haben müsse. Ich war die ganze Zeit über empört über meine Rolle, die ich spielen musste. Allerdings wechselte mein Zustand zwischen Scham und Belustigung.

"Hat er denn keine Angehörigen?", fragte das Mädchen, fast schon in Tränen.

"Und ob er welche hat!", rief Alan. "Wenn wir sie nur erreichen könnten! Angehörige, ja und reiche dazu! Und Betten zum Schlafen! Und Speisen zum Sattessen! Ärzte zum Helfen! Alles, alles! Und hier muss er in den Pfützen rumspazieren und in der Heide schlafen wie Bettelvolk!"

"Und warum?", fragte das Mädchen.

"Ja, mein Herzchen", erwiderte Alan, "das kann ich nicht gut erzählen."

Das Mädchen begriff. Sie wandte sich um und lief fort. Als sie zurückkam, brachte sie eine Schüssel mit Weißwürsten und eine Flasche kräftiges Bier.

"Armes Kerlchen", sagte sie, setzte die Speisen vor uns hin und berührte mich leicht und freundlich an der Schulter. Dann bat sie uns zuzugreifen. Zu bezahlen brauchten wir nichts, da das Wirtshaus ihrem Vater gehöre und der sei heute den ganzen Tag unterwegs. Wir ließen uns nicht zweimal bitten, zumal die Würste köstlich dufteten. Sie sah uns zu, dachte stirnrunzelnd nach und zog ihr Schürzenband durch die Hände.

Zu Alan sagte sie: "Ich finde, Ihr habt eine recht geschwätzige Zunge, aber ich würde Euch nie verraten!"

Dieser gab zurück: "Ich weiß immer, zu wem ich spreche! Du bist keine, die uns verrät! Ich will dir was sagen: Du bist ein Mädel, das uns helfen könnte."

"Das kann ich nicht!", rief sie leise und schüttelte den Kopf. "Nein, das kann ich nicht!"

"Nein?", erwiderte er. "Und wenn du doch könntest?"

Darauf antwortete sie nicht.

"Sieh mal", begann Alan wieder, "hier gibt's doch Boote. Ich habe nicht weniger als zwei am Ufer gesehen. Könnten wir im Schutz der Nacht mit einem Boot hinüber, dann wären wir gerettet und der junge Mann hier in Sicherheit. Wenn wir kein Boot bekommen, weiß ich nicht, was wir tun sollen. Wir haben gerade noch drei Schillinge in dieser weiten Welt. Ich weiß nicht, wohin wir sollen und uns wird nichts anderes blühen als der Strick am Galgen. Willst du uns das antun? Willst du in deinem warmen Bett liegen oder am flammenden Herdfeuer dein Mahl essen und dabei an meinen armen, kranken Freund hier denken, wie er bei Hunger und Kälte draußen im einsamen Moor ist? Er wird sich auf endlosen Straßen im Regensturm fortschleppen, und wenn er seinen letzten Seufzer auf einem Haufen kalter Steine aushaucht, wird kein Freund um ihn sein als ich und Gott."

Dieser Aufruf an ihr Herz versetzte das Mädchen in große Gewissensnot, das sah man deutlich. Sie wollte uns helfen, fürchtete sich aber auch, Übeltätern beizustehen. So entschloss ich mich, selbst in das Gespräch einzugreifen und ihr Gewissen mit ein wenig Wahrheit zu beschwichtigen.

"Hast du einmal was von Mister Rankeillor gehört?", fragte ich.

"Von dem Anwalt Rankeillor?", sagte sie. "Aber freilich!"

"Nun", fuhr ich fort, "zu dem bin ich auf dem Weg. Jetzt kannst du ja selbst beurteilen, ob ich ein Übeltäter bin. Und ich will dir noch mehr sagen. Ich schwebe in Lebensgefahr infolge eines schrecklichen Irrtums."

Das Gesicht des Mädchens erhellte sich. "Mister Rankeillor ist ein hoch angesehener Mann."

Sie bat uns aufzuessen, so rasch wie möglich das Dorf zu verlassen und uns in dem kleinen Wäldchen an der Küste zu verbergen. "Ihr könnt Euch auf mich verlassen", sagte sie, "ich finde schon eine Möglichkeit, Euch hinüber zu bringen."

Wir warteten keinen Augenblick länger, sondern tauschten einen Händedruck mit ihr, aßen rasch die Würste auf und gingen zu dem Wäldchen. Dabei erfreuten wir uns an der Aussicht auf Rettung.

Der Tag ging zu Ende und hell und klar kam die Nacht. Die Lichter in den Häusern gingen aus, und uns folterte langsam eine seltsame Angst, bis wir endlich etwas hörten. Das Mädchen kam selbst in einem Boot angerudert, denn sie wollte niemandem von uns erzählen. Sie war heimlich aus dem Fenster gestiegen, hatte das Boot eines Nachbarn genommen und kam nun allein, um uns Hilfe zu bringen.

Sie bat uns, keine Zeit zu verlieren und uns ganz still zu verhalten. Sie setzte uns an der gegenüberliegenden Küste ab, schüttelte uns die Hände und ruderte schnell zurück. So schnell hatten wir nicht einmal ein Wort des Lobes über ihre Hilfsbereitschaft oder ein Wort des Dankes aussprechen können.

Alan stand eine ganze Weile am Ufer und schüttelte den Kopf. "Ein wunderbares Mädchen!", sagte er endlich. "Ein prachtvolles Mädchen!" Ich vermochte gar nichts zu sagen und hoffte, dass wir sie in keine gefährliche Lage verwickelt hätten.

Besuch bei Mister Rankeillor

Noch vor Sonnenaufgang machte ich mich auf den Weg nach Queensferry. Alan blieb in einem Versteck.

Die Stadt war schön, und ich kam mir in meiner zerlumpten Kleidung fehl am Platz vor. Im Laufe des Morgens wurde ich von Minute zu Minute immer unruhiger und unsicherer. Ich wusste, dass ich keine eindeutigen Beweise für mein Recht hatte, noch nicht einmal einen Nachweis über meine Person. Würde ich überhaupt zu meinem Recht kommen und wie lange könnte das dauern? Drei Schillinge hatte ich in der Tasche und wollte damit auch noch meinem verurteilten, gehetzten Freund zur Flucht mit einem Schiff aus dem Land verhelfen.

Unschlüssig lief ich durch die Straßen. Mich ergriff eine neue Besorgnis: Vielleicht war es gar nicht so einfach, überhaupt eine Unterredung mit einem Anwalt zu erreichen und ihn noch dazu von der Wahrheit meiner Geschichte zu überzeugen. Immer wieder überfielen mich Wellen von Hoffnungslosigkeit.

Als ich vom Herumlaufen schon sehr müde war, blieb ich vor einem stattlichen Haus mit schönen, hellen Glasfenstern und blühenden Blumentöpfen stehen. Da ging die Tür auf, und ein Mann trat heraus. Er trug eine gepuderte Perücke sowie eine blitzende Brille und sah klug und freundlich aus. Er betrachtete mich und war betroffen von meiner armseligen Erscheinung. Er trat auf mich zu und fragte, was ich hier treibe.

Ich sei in Geschäften nach Queensferry gekommen, antwortete ich. Dann fasste ich mir ein Herz und bat ihn, mir den Weg zum Haus von Mister Rankeillor zu zeigen.

"So was!", sagte er. "Das ist sein Haus, und ich bin selbst der Mann, den du suchst!"

"Dann, Sir, möchte ich Euch um eine Unterredung bitten."

"Ich weiß Euren Namen nicht", erwiderte er, "und auch Euer Gesicht ist mir fremd."

"Mein Name ist David Balfour", sagte ich.

"David Belfour?", wiederholte er mit lauter Stimme, als sei er außerordentlich überrascht. "Und wo kommt Ihr her, Mister David Balfour?", fragte er dann, indem er mir ziemlich scharf ins Gesicht sah.

"Ich komme von vielen sonderbaren Orten her", erwiderte ich. "Es wäre mir angenehmer, Euch alles in einem geschlossenen Raum zu berichten."

Er schien zu überlegen und sagte schließlich: "Ja, das wird das Beste sein", und er führte mich in sein Haus. Er rief jemandem, den ich nicht sehen konnte, zu, dass er den ganzen Vormittag beschäftigt sein würde und brachte mich in ein kleines, sauberes Zimmer voll von Büchern und Papieren.

Hier setzte er sich nieder und bat auch mich Platz zu nehmen. "Und nun", sagte er, "wenn Ihr ein Anliegen habt, so sprecht bitte kurz und kommt rasch zur Sache."

Mir stieg das Blut ins Gesicht, als ich erklärte: "Ich habe Grund zu der Annahme, dass mir gewisse Rechte auf das Gut Shaws zustehen."

Jetzt nahm er ein Heft aus seiner Schublade und legte es offen vor sich hin.

"Ja? Nun, Mister Balfour? Weiter!", ermunterte er mich. "Ihr müsst mir alles erzählen. Wo seid Ihr geboren?"

"In Essendean, Sir", versetzte ich, "im Jahre 1733, am 12. März."

Es war, als verfolgte er diese Erklärung in seinem Heft; aber was das bedeuten mochte, wusste ich nicht. "Euer Vater und Eure Mutter?", fragte er dann.

"Mein Vater war Alexander Balfour, Schullehrer in Essendean, meine Mutter Grace Pitarrow."

"Habt Ihr irgendwelche Papiere, um Euch auszuweisen?", erkundigte sich Mister Rankeillor.

"Nein", gab ich zurück, "aber sie sind in den Händen von Mister Campbell, dem Pfarrer, und können rasch herbeigeschafft werden. Auch würde Mister Campbell sein Wort für mich verpfänden; übrigens glaube ich nicht, dass mein Oheim mich verleugnen würde."

"Ihr meint Mister Ebenezer Balfour?", fragte er.

"Ebendiesen!"

"Habt Ihr ihn gesehen?", fragte er weiter.

"Er hat mich in sein Haus aufgenommen.", antwortete ich.

"Seid Ihr jemals einem Mann namens Hoseason begegnet?", lautete seine nächste Frage.

"Allerdings, zu meinem Schaden!", entgegnete ich. "Durch ihn und unter Mithilfe meines Oheims bin ich in dieser Stadt eingefangen, meiner Freiheit beraubt und auf See hinaus geschleppt worden. Dort habe ich Schiffbruch erlitten und viele andere schlimme Erlebnisse gehabt. So stehe ich heute vor Euch in diesem elenden Aufzug."

"Ihr sagt, dass Ihr Schiffbruch erlitten habt", bemerkte Rankeillor, "wo ist das gewesen?"

"Am Südende der Insel Mull", versetzte ich.

Er meinte lächelnd: "Ich darf Euch jetzt schon sagen, dass dies alles recht genau mit anderen Mitteilungen übereinstimmt, die mir zugegangen sind. Doch Ihr habt gesagt, dass Ihr eingefangen wurdet - wie meint Ihr das?"

"Ich meine es genau, wie ich es sage, Sir", antwortete ich. "Ich war auf dem Weg zu Eurem Haus, da wurde ich an Bord der Brigg gelockt, hart niedergeschlagen, unter Deck geschleppt, und dann weiß ich nur noch, dass wir weit draußen auf See waren. Ich sollte auf die Plantagen, aber diesem Schicksal bin ich entronnen."

"Die Brigg ist am 27. Juni untergegangen", sagte er, in sein Heft blickend, "und heute haben wir den 24. August. Das ergibt eine beträchtliche Zeitlücke, Mister Balfour, annähernd zwei Monate. Das hat Eure Freunde schon reichlich beunruhigt, und auch ich muss sagen: Ich werde erst zufrieden sein, wenn ich weiß, was in dieser Zeit geschehen ist."

Ich sagte ihm, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich ihm alles erzählen könne, da ja mein Oheim sein Auftraggeber sei, und ich durch meine Vertrauensseligkeit schon viel Schweres durchmachen musste.

Darauf sagte er: "Seit Ihr unterwegs gewesen seid, ist viel passiert. An genau demselben Tag, als Ihr auf See Schiffbruch erlitten habt, kam Mister Campbell in meine Kanzlei und verlangte, ich müsse Euch unbedingt suchen. Ich hatte niemals von Euch gehört, aber ich hatte Euren Vater gekannt. Wegen gewisser Dinge, von denen ich später berichten werde, war ich geneigt, das Schlimmste zu befürchten.

Mister Ebenezar gab zu, Euch gesehen zu haben. Er erklärte - was mir unwahrscheinlich erschien, er habe Euch beträchtliche Gelder gegeben und Ihr seid auf das Festland gefahren, um Eure Bildung zu vervollkommnen. Ich fragte ihn, warum Ihr in diesem Fall keine Nachricht an Mister Campbell geschickt habt. Er erklärte, dass Ihr mit Eurer Vergangenheit abschließen wolltet. Als er dann gefragt wurde, wo Ihr jetzt seid, gab er vor, dies nicht zu wissen.

Scheinbar hatten ihm meine Fragen nicht gefallen, denn er beendete meine Arbeit für ihn.

Mister Campbell und ich hegten Verdacht, aber wir hatten nicht den Schatten eines Beweises.

Doch dann meldete sich Kapitän Hoseason bei mir in dieser Angelegenheit und berichtete von Eurem Untergang. Damit schien alles zu Ende. Mister Campbell war sehr traurig darüber und weinte bittere Tränen."

"Sir", begann ich, "wenn ich Euch meine Geschichte erzählen soll, so bin ich gezwungen, das Leben eines Freundes Eurer Verschwiegenheit anzuvertrauen. Gebt mir Euer Wort, dass ihm nichts geschieht!"

In tiefem Ernst gab er mir sein Wort, sagte aber, dass er über meine Rede ziemlich beunruhigt ist. Ich solle bei meinen Erzählungen daran denken, dass er Anwalt ist und auf das Recht achten muss.

Nun berichtete ich ihm von Anfang an von meinen Erlebnissen. Er hörte zu, die Brille hochgeschoben, die Augen geschlossen, so dass ich manchmal dachte, er sei eingeschlafen. Doch davon konnte keine Rede sein! Er erfasste jedes Wort und prägte es sich ein, wie ich später merken sollte. Als ich jedoch Alan Brecks Namen aussprach, gab es einen bemerkenswerten Auftritt. Dieser Name hatte natürlich mit der Nachricht von dem Mord in Appin und von der ausgesetzten Belohnung die Runde durch ganz Schottland gemacht. Der Name war meinem Munde kaum entschlüpft, als auch schon der Anwalt von seinem Stuhl hochfuhr.

"Ich würde an Eurer Stelle nicht unnötigerweise Namen nennen, Mister Balfour", sagte er, "vor allem nicht von Hochländern, von denen so viele mit dem Gesetz auf schlechtem Fuß stehen."

"Ja, ich hätte den Namen wohl besser nicht erwähnen sollen", erwiderte ich, "aber nun ist er mir entschlüpft, und da kann ich ihn wohl auch weiter gebrauchen."

"Keineswegs!", erklärte Mister Rankeillor, "ich höre ein wenig schwer und habe ihn wohl gar nicht richtig verstanden. Wenn es Euch recht ist, wollen wir Euren Freund ‚Mister Thomson' nennen. So sollt Ihr es auch mit allen anderen Hochländern halten, von denen Ihr sprechen werdet."

Aus diesen Worten merkte ich, dass er den Namen nur allzu gut verstanden haben musste. Offensichtlich erriet er, dass ich auf den Mord zu sprechen kommen würde. Ich lächelte und stimmte ihm zu.

Im weiteren Verlauf meiner Geschichte nannte ich Alan ‚Mister Thomson'. Jakob Stuart erwähnte ich in ähnlicher Weise nur als einen Verwandten von Mister Thomson, und auch allen anderen, mit denen wir zusammen getroffen waren, gab ich neue Namen. Ich wunderte mich, dass der Anwalt auf dieses Spiel bestand, akzeptierte es aber.

"Tja", sagte der Anwalt, als ich meinen Bericht beendet hatte, "Euer Leben ist ja wie ein Roman. Ihr müsst Eure Erlebnisse aufschreiben! Ihr seid viel hin und her geworfen worden und seid dabei immer wieder in schlimme Lagen geraten, in denen Ihr Euch aber stets ausgezeichnet verhalten habt. Dieser Mister Thomson scheint ja ein ganz besonderer Gentleman zu sein, wenn auch ein bisschen blutdürstig. Dennoch wäre es mir lieb, wenn er bald seine Reise auf einem Schiff antreten würde. Er war Euer treuer Gefährte, aber nun sind diese Tage vorüber."

Wir sprachen noch weiter über meine Abenteuer, und er sah mich dabei mit so viel Heiterkeit und Wohlwollen an, dass es eine Freude für mich war. Ich war so lange unter Verfolgten und Feinden gewesen, hatte so lange mein Bett unter dem freien Himmel gehabt, dass mir unser Gespräch in einem schönen Haus, mit einem Gentleman in anständiger Kleidung wie ein großes Glück vorkam.

Bei diesen Gedanken fiel mein Blick wieder auf meine unmöglichen Kleiderlumpen. Der Anwalt bemerkte das und erhob sich. An der Treppe rief er jemandem zu, er solle ein weiteres Gedeck auflegen, da Mister Balfour zum Essen bleiben werde. Dann führte er mich in ein Schlafzimmer im oberen Stockwerk. Hier gab er mir Wasser, Seife, einen Kamm, legte einige Kleidungsstücke vor mich hin, die seinem Sohn gehörten und gab mir Zeit, mich zu erfrischen.

Ich gehe mein Erbe suchen

Ich verwandelte mein Äußeres, so gut ich konnte, und stellte bald mit Hilfe des Spiegels fest, dass der Bettelmann verschwunden war, dass David Balfour wieder zum Vorschein kam. Als ich endlich fertig war, nahm mich Mister Rankeillor an der Treppe wieder in Empfang und führte mich noch einmal in sein Arbeitszimmer.

"Setzt Euch nieder; Mister David", sagte er. "Da Ihr nun wieder ausseht wie Ihr selbst, wollen wir sehen, ob sich einige bemerkenswerte Neuigkeiten für Euch finden. Sicherlich werdet Ihr Euch über Euren Vater und Euren Oheim Gedanken machen. Das ist wirklich eine merkwürdige Geschichte, deren Erklärung mich ein wenig erröten lässt. Alles dreht sich um eine Liebesangelegenheit."

"Dieses Wort mit meinem Onkel in Verbindung zu bringen, fällt mir allerdings schwer", erwiderte ich.

"Aber Euer Oheim, Mister David", sagte der Anwalt darauf, "war nicht von eh und je ein alter Mann! Und was Euch noch mehr in Erstaunen versetzen wird, er war auch nicht immer hässlich! Er hatte ein vornehmes Wesen, und die Leute sahen ihm nach, wenn er auf seinem feurigen Ross vorüber ritt.

Dann verliebten sich Euer Vater und Euer Oheim und zwar in dieselbe junge Dame. Mister Ebenezer, der Bewunderte, der Beliebte und Verwöhnte, rechnete fraglos ganz zuversichtlich mit seinem Sieg. Aber er hatte sich getäuscht! Sie wollte Euren Vater! Alle um Mister Ebenezer herum bekamen es zu spüren.

Bald lag er schwerkrank zu Hause, und die törichte Familie versammelte sich weinend um sein Bett. Bald ritt er von Wirtshaus zu Wirtshaus und erzählte jedem sein Leid.

Euer Vater, Mister David, war ein liebenswürdiger Herr, aber schwach. Mit unerschöpflicher Geduld nahm er all den Unsinn hin, und eines Tages verzichtete er auf das Fräulein. Aber sie war nicht auf den Kopf gefallen. Sie wollte einfach nicht von einem zum anderen hin und her geworfen werden. Da sind sie beide vor ihr in die Knie gesunken.

In der folgenden Zeit schlossen sie einen Handel ab, unter dem Ihr in letzter Zeit zu leiden hattet, Mister David. Der eine nahm das Fräulein, der andere die Güter. Darüber kann man denken wie man will. Die Sache war also die, dass Euer Vater und Eure Mutter in Armut gelebt haben und gestorben sind. Ihr seid in Armut aufgewachsen.

Für die Pächter auf dem Gut Shaws ist es eine furchtbare Zeit gewesen, aber auch für Mister Ebenezer. Die Leute zeigten ihm die kalte Schulter, denn sie wussten nicht, was geschehen war. Sie sahen nur den einen der Brüder verschwinden und den anderen das Gut übernehmen. Euer Oheim wurde von allen Seiten gemieden. Geld war das Einzige, was er bei dem Handel einheimste. So kam es, dass das Geld für ihn immer wichtiger wurde. Er war selbstsüchtig, als er jung war, und nun, wo er alt ist, ist er es auch."

"Und ich?", fragte ich nun. "Wie ist meine Stellung in alledem?"

"Das Gut gehört Euch ganz ohne Zweifel", erwiderte der Anwalt. "Es ist völlig unwichtig, was Euer Vater unterzeichnet hat, Euer Erbteil gehört Euch. Aber Euer Oheim wird eine Sache versuchen durchzukämpfen: Er wird Eure Identität anzweifeln.

Ein Rechtsstreit in einer Familie ist immer kostspielig und erregt Aufsehen. Der an Euch begangene Menschenraub ist fraglos ein Haupttrumpf in unseren Händen, aber wir müssen ihn nachweisen! Das wird uns schwer fallen! Außerdem darf nichts von Euren Taten mit Eurem Freund Thomson ans Licht kommen.

Wenn ich all das beachte, wäre mein Rat, Eurem Oheim ein möglichst verträgliches Geschäft vorzuschlagen, ihn vielleicht sogar auf Shaws zu lassen und Euch ein anständiges Versorgungspaket zu übereignen."

Ich antwortete, ich sei durchaus geneigt, mit mir reden zu lassen, und es widerstrebe mir sehr, Familienangelegenheiten vor die Öffentlichkeit zu bringen. Gleichzeitig begann ich mir im Stillen die Grundlinien des Planes zu überdenken, den wir später verwirklicht haben.

Ich fragte: "Die wichtigste Aufgabe ist also, ihm den Raub meiner Person unwiderlegbar nachzuweisen?"

"Unzweifelhaft", sagte Mister Rankeillor, "und wenn möglich, nicht vor Gericht! Denn bedenkt wohl, Mister David, wir könnten sicherlich ein paar Leute von der ‚Couvenant' ausfindig machen, welche die Tatsache Eurer Gefangennahme beschwören würden. Haben wir diese aber erst einmal auf der Zeugenbank, so können wir sie unmöglich hindern, über alles zu sprechen, und dabei würde ganz sicher der Name Eures Freundes Thomson fallen. Das aber wäre nach allem, was ich von Euch gehört habe, nicht wünschenswert."

"Dann schlage ich folgendes Verfahren vor!", sagte ich und setzte ihm meinen Plan auseinander.

Als ich fertig war, bemerkte er: "Mir scheint, wenn wir so vorgingen, müsste ich jenem Thomson persönlich begegnen."

"Allerdings, Sir", entgegnete ich.

"Du meine Güte!", rief Rankeillor und rieb sich die Stirn. "Nein, nein, Mister David, ich fürchte, Euer Plan ist unausführbar! Ich sage nichts gegen Euren Freund, aber es wäre meine Pflicht, ihn verhaften zu lassen."

"Ihr müsst Euch selbst entscheiden, Sir", gab ich zur Antwort.

Es war deutlich, dass ihn mein Plan beschäftigte. Er blieb nachdenklich, bis wir zum Essen zu Mrs. Rankeillor gerufen wurden.

Als sie uns bei einer Flasche Wein allein ließ, fing er wieder an, über meinen Vorschlag zu reden. Wann und wo ich meinen Freund Thomson treffen wolle? Ob ich seiner Verschwiegenheit sicher sei? Würde ich einer Vereinbarung mit Mister Ebenezer zustimmen? Solche und ähnliche Fragen stellte er mir eine nach der anderen. Als ich alle Fragen anscheinend zu seiner Befriedigung beantwortet hatte, versank er in noch tieferes Nachdenken.

Dann ergriff er einen Stift und begann, etwas zu Papier zu bringen, wobei er jedes einzelne Wort sorgfältig wählte. Schließlich läutete er, und sein Schreiber kam herein.

Er sagte ihm, dass alles bis zum Abend ins Reine geschrieben sein müsse. Außerdem solle er sich bereithalten, denn er solle uns begleiten, da wir ihn wahrscheinlich als Zeugen brauchen.

Sobald der Schreiber hinaus war, rief ich: "Wie, Sir? Ihr wollt es wagen?"

"Hm, es scheint fast so", erwiderte er, sein Glas füllend. Dann wollte er nicht mehr über unser Vorhaben sprechen und erzählte mir von anderen Begebenheiten.

Endlich kam die Zeit heran, zu der ich mit Alan verabredet war. Wir drei Männer verließen das Haus. Der Schreiber trug die Urkunde in der Tasche und einen bedeckten Korb in der Hand.

Als wir zum Hafen kamen, musste ich wieder an meine schlimmen Erlebnisse auf See denken und an Ransome. Plötzlich fühlte Mister Rankeillor seine Taschen ab, lachte laut auf und rief: "Unglaublich! Jetzt habe ich meine Brille vergessen!"

Ich durchschaute ihn und wusste: Wenn er seine Brille zu Hause vergessen hatte, so war das absichtlich geschehen. So hatte er den Vorteil, Alans Hilfe in Anspruch zu nehmen, ohne ihn erkennen zu müssen. Das war klug ausgedacht.

Schließlich kamen wir zum Treffpunkt, und Alan kam hinter einem Busch hervor. Er war nicht bester Stimmung, denn er war den ganzen Tag über allein gewesen und hatte nur wenig gegessen.

Kaum erblickte er aber meine neuen Kleider, so hellte sich sein Gesicht auf, und als ich ihm alles erzählt hatte, auch von unserem Plan, verwandelte er sich wie in einen neuen Menschen. Natürlich wollte er uns unbedingt helfen! Er meinte, er sei gerade der richtige Mann dafür.

Ich winkte Mister Rankeillor und stellte ihm meinen Freund, Mister Thomson, vor. "Es freut mich, Sie kennen zu lernen, Mister Thomson", sagte er, "leider habe ich meine Brille vergessen, und Mister David weiß, dass ich so fast blind bin. Ihr dürft Euch also nicht wundern, wenn ich morgen an Euch vorüber gehen sollte.

Da Ihr und ich die Hauptrollen bei diesem Unternehmen spielen werden, sollten wir uns nun genau über unser Vorgehen verständigen."

Auf dem Weg zum Hause Shaws waren beide in ein eifriges Gespräch vertieft. Vor einiger Zeit hatte es zehn geschlagen.

Als wir dort ankamen, war alles völlig dunkel, in keinem Teil des Hauses entdeckten wir Licht. Alan meinte, dass mein Oheim wohl schon zu Bett gegangen sei. Das wäre für unseren Plan das günstigste gewesen. Wir trafen flüsternd unsere letzten Verabredungen. Der Anwalt, der Schreiber und ich duckten uns hinter die Hausecke. Alan ging ganz offen auf das Haustor zu und klopfte.

Ich nehme Besitz von meinem Reich

Eine ganze Weile donnerte Alan an die Haustür, aber nichts geschah. Endlich vernahm ich, wie ein Fenster leise aufgemacht wurde, und da wusste ich, dass mein Oheim seinen Beobachtungsposten bezogen hatte. Obwohl es dunkel war, musste er Alan als dunklen Schatten auf der Treppe stehen sehen. Wir drei Zeugen waren seinem Blick verborgen. Er beobachtete seinen Besucher eine Weile schweigend.

Schließlich sprach er mit vor Besorgnis zitternder Stimme: "Was wollen Sie? Zu dieser nächtlichen Zeit gehört es sich nicht, an Türen zu klopfen. Was führt Euch her? Ich habe eine Donnerbüchse in der Hand!"

"Seid Ihr es selbst, Mister Balfour?", erwiderte Alan.

"Was führt Euch her und wer seid Ihr?", fragte mein Oheim nochmals.

"Ich bin keineswegs geneigt, meinen Namen in die Gegend hinauszuschreien", erwiderte Alan, "aber was mich herführt, das ist wohl eine Geschichte, die Euch angeht."

"Und um was geht's?", fragte mein Oheim.

"Um David", antwortete Alan.

"Was habt Ihr gesagt?, schrie mein Oheim mit gänzlich veränderter Stimme auf. "In diesem Fall wird es doch besser sein, ich lasse Euch ein."

"Das glaube ich auch", versetzte Alan, "die Frage ist aber, ob ich hinein will. Ich werde Euch was sagen: Nach meiner Meinung sollten wir hier auf dieser Treppenstufe über das Geschäft verhandeln, hier und nirgends anders. Zunächst nehmt gefälligst zur Kenntnis, dass ich selbst ein Edelmann bin und zwar aus viel besserer Familie als Ihr!"

Alans Ton brachte Ebenezer völlig aus der Fassung. Nach einer Weile sagte er: "Na ja, was sein muss, muss sein", und schloss das Fenster. Er brauchte längere Zeit, um die Treppen herabzusteigen und den Türriegel zurückzuschieben. Endlich hörten wir das Kreischen der Angeln, und es schien, als schlüpfe mein Oheim vorsichtig heraus und setze sich auf die obere Stufe, die Büchse schussbereit in den Händen.

Er sagte: "Die ganze Sache sieht mir nicht vertrauenswürdig aus. Vergesst nicht, dass ich ein Gewehr habe! Kommt Ihr auch nur einen Schritt näher, so seid Ihr des Todes! Und jetzt, da wir einander verstehen, sprecht über Euer Geschäft!"

"Mein Name tut nichts zur Sache, aber die Heimat meiner Freunde liegt nicht weit von der Insel Mull, von der Ihr sicher gehört habt. Es scheint, dass in dieser Gegend ein Schiff untergegangen ist. Jedenfalls ging am nächsten Tag einer meiner Freunde an den Strand und was fand er? Einen jungen Mann, der halb ertrunken war. Nun, er brachte ihn wieder zu sich und schaffte ihn gemeinsam mit anderen Männern auf eine alte, verfallene Burg. Von jenem Tag bis zum heutigen hat seine Anwesenheit dort meine Freunde ein gutes Stück Geld gekostet. Dazu kommt, dass es diese Freunde mit dem Gesetz nicht so genau nehmen. Als sie nun herausgefunden hatten, dass der Bursche anständige Verwandtschaft hat und Euer Neffe ist, Mister Balfour, da haben sie mich gebeten, mal bei Euch anzuklopfen und mit Euch über die Sache zureden.

Ich möchte von Anfang an bemerken, dass Ihr den Jungen kaum wiedersehen werdet, wenn wir uns nicht über bestimmte Bedingungen einigen können."

Mein Oheim räusperte sich. "Das kümmert mich nicht allzu sehr", sagte er. "Er war kein guter Junge, und ich habe keinen Anlass, mich da einzumischen!"

"So, so", meinte Alan, "ich sehe schon, worauf Ihr hinaus wollt, mit der Bemerkung, dass es Euch nicht kümmert: Ihr wollt weniger Lösegeld zahlen!"

"Nein", sagte mein Oheim, "es ist die reine Wahrheit. Ich habe nichts übrig für den Burschen, ich zahle kein Lösegeld. Von mir aus könnt Ihr mit ihm machen, was Ihr wollt!"

"In drei Teufels Namen, Sir", sagte Alan, "Blut ist dicker als Wasser! Ihr könnt doch Eures Bruders Sohn nicht im Stich lassen! Tätet Ihr das, und es würde bekannt, so würdet Ihr in Eurer Gegend einen ganz schlechten Ruf bekommen."

"Ich habe sowieso nicht den besten Ruf", gab Ebenezer zurück, "und ich kann mir nicht vorstellen, wie es bekannt werden sollte. Durch mich jedenfalls nicht. Und durch Euch und Eure Leute erst recht nicht! Es ist also leeres Geschwätz, Freundchen!"

"Dann wird es David sein, durch den es herauskommt", sagte Alan.

"Wieso?", fragte Ebenezer in scharfem Ton.

"Ach, ich denke", erwiderte Alan, "dass ihn meine Freunde so lange festhalten, wie Hoffnung auf ein Lösegeld besteht. Wenn das nicht mehr der Fall ist, dann werden sie ihn sicher laufen lassen und sich nicht mehr um ihn kümmern.

Sehen Sie, Mister Balfour, nach allem, was ich so gehört habe, gab es zwei Möglichkeiten: Entweder Ihr liebt David und dann hättet Ihr gezahlt, um ihn wieder zu bekommen oder Ihr hättet gute Gründe, ihn nicht wieder sehen zu wollen. Dann müsst Ihr zahlen, damit wir ihn behalten. Das erste scheint nicht der Fall zu sein, gut, dann nehmen wir das zweite! Ich bin froh, dass zu wissen, denn es wird mir und meinen Freunden ein nettes Sümmchen einbringen."

"Ich kann Euch da nicht folgen", sagte mein Oheim.

"Nein?", fragte Alan. "Also passt mal auf: Ihr wollt den Jungen nicht zurück haben. Gut! Aber was wollt Ihr, was mit ihm geschieht? Und was wollt Ihr Euch das kosten lassen?"

Mein Oheim antwortete nicht, sondern rutschte nur unruhig auf der Treppe herum. Alan versuchte ihn zum Reden zu bringen, aber Ebenezer war unschlüssig. Schließlich sagte Alan zu ihm: "Sir, ich verlange jetzt von Euch eine Entscheidung: Sollen wir den Jungen umbringen oder behalten?"

"Oh, mein Himmel!", reif Ebenezer. "Ist das die Sprache von Menschen?"

Dann fing er an zu wimmern: "Behalten, behalten. Bitte kein Blutvergießen!"

"Gut", sagte Alan, "wie Ihr wollt. Das ist teurer."

"Teurer?", schrie Ebenezer.

"Natürlich!", entgegnete Alan. "Verbrechen ist beides. Aber ihn umzubringen ist leichter und sicherer und geht schneller. Ihn behalten ist mühsamer."

"Ich will ihn trotzdem am Leben haben", gab mein Oheim zurück. "Nie habe ich etwas mit kriminellen Sachen zu tun gehabt, und ich lasse mich auch jetzt nicht darauf ein!"

"Ihr habt ein empfindliches Gewissen!", spottete Alan.

"Ich bin ein Mann mit Grundsätzen", erwiderte Ebenezer, "und wenn ich dafür zahlen muss, dann tue ich es eben. Übrigens vergesst Ihr, dass der Junge meines Bruders Sohn ist."

"Ganz recht", sagte Alan, "und nun ein Wort über den Preis! Es ist nicht leicht für mich, eine Summe zu nennen; ich muss erst ein paar Kleinigkeiten erfahren. Zum Beispiel: Wie viel habt Ihr Hoseason beim ersten Versuch bezahlt?"

"Hoseason?", schrie mein Oheim auf und wich zurück. "Wofür?"

"Für Davids Entführung", sagte Alan.

"Das ist eine Lüge! Eine schwarze Lüge!", rief der Alte. "Niemals ist er entführt wurden. Wer das sagt, lügt!"

Alan bemerkte: "Hoseason und ich sind Geschäftspartner. Es nützt Euch also nichts, weiter zu lügen. Ihr habt Hoseason zu viel erzählt! Also, wie viel habt Ihr ihm gezahlt?"

"Ich weiß nicht, was er Euch gesagt hat, aber es war sicher gelogen. Die Wahrheit ist, dass ich ihm zwanzig Pfund gegeben habe. Er wollte zwar noch mehr, aber das habe ich ihm nicht gegeben."

"Besten Dank, Mister Thomson, das genügt völlig", sagte der Anwalt und trat aus dem Dunkel hervor. Dann sprach er sehr höflich: "Guten Abend, Mister Balfour!"

Auch ich trat vor und sagte: "Guten Abend, Ohm Ebenezer!"

Und auch der Schreiber trat zu uns und sprach: "Eine schöne Nacht, Mister Balfour, nicht wahr?"

Mein Oheim sagte kein Wort. Er sank auf der obersten Stufe nieder und starrte uns wie versteinert an. Alan nahm ihm das Gewehr aus den Händen. Dann fasste ihn der Anwalt beim Arm, zog ihn von der Stufe empor und führte ihn in die Küche, wohin wir ihnen alle folgten. Dort setzte er ihn auf einen Stuhl.

Eine Weile sahen wir uns an; froh über den Erfolg, aber auch so etwas wie Mitleid mit der Schande dieses Mannes bewegte uns.

"Mister Ebenezer", sagte endlich der Anwalt, "ich verspreche Euch, dass wir es Euch nicht zu schwer machen wollen. Gebt zuerst mal den Kellerschlüssel heraus! Zur Feier des Tages wollen wir uns eine Flasche Wein gönnen!"

Mister Rankeillor und mein Oheim gingen ins Nachbarzimmer um alles zu besprechen. Dort blieben sie etwa eine Stunde. Inzwischen hatten wir restlichen drei Männer ein gutes Abendessen aus dem Korb gegessen, den der Schreiber getragen hatte.

Der Anwalt und mein Oheim gelangten zu vollem Einverständnis, und schließlich unterzeichneten Ebenezer und ich die Abmachung in formgerechter Weise. Darin verpflichtete sich mein Oheim, Mister Rankeillor für seine Mitwirkung zu entschädigen und mir volle zwei Drittel vom jährlichen Einkommen aus Shaws regelmäßig auszuzahlen.

Wir verbrachten diese Nacht alle im Hause meines Oheims, ich als vermögender Mann. Während die anderen schliefen, dachte ich über die kommenden Tage und Jahre nach.

Abschied

Meine Angelegenheiten waren geregelt, aber noch lastete die Sorge um Alan auf mir. Ich hatte ihm viel zu verdanken. Außerdem dachte ich noch an unsere Verpflichtung gegenüber Jakob von der Schlucht.

Am Morgen sprach ich mit Mister Rankeillor darüber. Auch er war der Meinung, dass ich alles tun müsse, um Alan zu helfen, aus dem Land zu kommen.

Schwieriger verhielt es sich mit seinem Verwandten. Hilfe für ihn würde auch mich in Gefahr bringen, aber er wollte mich nicht von dieser Hilfe abhalten. Vielmehr setzte er zwei Schreiben auf. Das erste war an seine Bank gerichtet, um mir einen Kredit zu bewilligen, damit ich meinen Freund Thomson reichlich unterstützen könne.

Der zweite war an einen Namensvetter von mir gerichtet, an den gelehrten Mister Balfour von Pilrig. Er sei ein bei Gericht besonders hoch geachteter Mann und könne uns deshalb besonders hilfreich sein.

Dann nahm ich von Mister Rankeillor Abschied.

Auch Alan und ich verließen das Haus meines Oheims, der uns vom oberen Stockwerk aus beobachtete, und wandten uns in Richtung Edinburgh. Wir kamen langsam voran auf unserem Weg. Nach Reden war uns nicht zumute, denn uns war klar, dass der Augenblick der Trennung naht.

Wir sprachen darüber, was nun zu geschehen habe. Alan sollte sich an wechselnden Orten aufhalten, aber täglich an einen bestimmten Ort kommen, wo ich persönlich oder über Boten Verbindung mit ihm halten wollte. Inzwischen wollte ich einen Anwalt aufsuchen, der vollkommen verlässlich war, der ein Schiff für Alans Flucht heraussuchen sollte.

Wir versuchten noch ein paar Scherze zu machen, aber uns waren beiden die Tränen näher als das Lachen. Wir gaben uns die Hand und sagten "Leb wohl!", wobei keiner dem anderen ins Gesicht sah, und ich warf anschließend auch keinen Blick mehr zurück.

Der Klassiker ENTFÜHRT ODER DIE ABENTEUER DES DAVID BELFOURS von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustration stammt von William Boucher.


Seiten URL:
http://www.labbe.de/lesekorb/index.asp?themaid=143



Copyright © 2020 LABBÉ GmbH, D-50126 Bergheim