Ein Monster wird gesichtet

  • Autor: Verne, Jules
Ein Monster wird gesichtet

Es war der 20.7.1866 als die schwimmende Masse das erste Mal wahrgenommen wurde. Kapitän Baker hielt sie zuerst für ein neue Klippe, die fünf Seemeilen - also ca. 9,3 km - östlich der australischen Küste aus dem Meer ragte, und wollte sie in seine Karten eintragen. Als die Masse aber zwei Wasserfontänen von fünfzig Metern in die Luft jagte, zweifelte der Kapitän, ob er es mit einem unregelmäßigen Geysir oder mit einem bisher unbekannten Säugetier zu tun hatte.

Bis zum Frühjahr des nächsten Jahres wurde dieses Tier-Ding sowohl im Pazifik, als auch im Atlantik gesichtet und die "Aetna" stieß sogar mit dem Ungeheuer zusammen. Das Monster wurde zur Mode und inspirierte die schreibenden wie die schauspielernden Künstler. In jedem Kaffeehaus würde über den Überwal diskutiert.

Als im April 1867 mit der "Scotia" von der "Cunard-Linie" das dritte Schiff und zudem das Zuverlässigste gerammt wurde, begann die Öffentlichkeit die Existenz dieses aggressiven Gegenstandes als Bedrohung zu empfinden.

Man mobilisierte eine Reihe von Ausschüssen, die bei der Regierung eine Jagd auf das Seemonster und damit nach einem sauberen Meer forderten.

Und ich? Was hatte ich mit diesen Vorgängen zu tun? Nach einer Nebraska-Expedition hielt ich mich im März in New York auf. Mein Auftrag, den ich für die französische Regierung ausgeführt hatte, war abgeschlossen und ich wartete auf ein Schiff, das mich in die Heimat zurückbringen sollte.

Die unterschiedlichsten Vermutungen wurden diskutiert. Dass es eine wandernde Insel war, glaubte längst niemand mehr. Und auch ein Schiffsrumpf konnte nicht solch große Distanzen überwinden. Am hartnäckigsten hielt sich die Theorie es handle sich um ein Unterwasserfahrzeug mit außerordentlicher mechanischer Kraft.

Aber wer sollte eine solche Maschine besitzen? Ein Privatmann war unwahrscheinlich und irgendein Staat hätte nicht unbemerkt einen solchen Bau verrichten können. Damit fiel die Hypothese vom Panzerschiff und übrig blieb die Monster-Idee.

In Frankreich hatte ich bereits ein zweibändiges Werk über "Die Geheimnisse der Meerestiefen" veröffentlicht. Daher wurde ich als Fachmann häufiger zu den Vorfällen befragt. Zuerst weigerte ich mich zu einer Stellungnahme, aber nach dem Vorfall mit der "Scotia" veröffentlichte ich einen Artikel im "New York Herald".

Darin erklärte ich, dass die Existenz eines Riesen-Narwals durchaus möglich war. Augenzeugen schätzten die Länge des Ungeheuers auf einhundert Meter. Demzufolge musste es fünfmal so lang wie ein gemeiner Narwal sein. Am Ende meines Artikels ließ ich mir allerdings die Hintertüre offen, dass alles nur eine Erfindung, Seemannsgarn, war.

Ein Professor, wie ich, fürchtet nichts mehr als den Spott des Publikums, wenn die Realität ans Licht kommt und seine Thesen Lügen straft. Und Amerikaner lachen herzhaft, wenn sie lachen.

Mein Artikel fand großes Interesse und wurde heiß diskutiert. Viele forderten eine Säuberungsaktion der Meere, da das Ungeheuer den Handel und den Verkehr bedrohte. Die Vereinigten Staaten handelten als Erste.

Kommandant Farragut erhielt den Auftrag, die schnelle Fregatte "Abraham Lincoln" auszurüsten und zum Auslaufen bereitzuhalten. Seltsamerweise war von da ab von dem Tier nichts mehr zu hören und zu sehen. Man hätte meinen können, es habe von der geplanten Aktion erfahren. Einige Witzbolde meinten, es habe die Telegraphenstationen abgehört.

Zwei Monate lag die Abraham Lincoln, ausgestattet mit den modernsten Fangmaschinen auf der Lauer. Da kam am 2.7.1867 die Nachricht, dass das Tier in den nördlichen Gewässern des Pazifiks gesichtet worden war. Farragut erhielt den Befehl innerhalb von vierundzwanzig Stunden auszulaufen.

Drei Stunden vor der Abfahrt erhielt ich vom Sekretär der Marine folgenden Brief:

An Monsieur Pierre Aronnax, Professor am Pariser Museum, zurzeit 5th Ave. Hotel, New York.

Monsieur, die Regierung der Vereinigten Staaten würden sich sehr freuen, wenn Sie sich der Expedition anschließen würden. Kommandant Farragut hält eine Kabine für Sie bereit.