Atlantis

  • Autor: Verne, Jules

Kaum war ich am nächsten Morgen aufgestanden, klopfte auch schon Ned Land an meine Tür.

"Der verdammte Kapitän hat genau um 21 Uhr angehalten, frag mich, was er wollte", meinte er mürrisch.

"Er besuchte seinen Bankier!"

"Was?"

"Genauer gesagt: er ging zur Bank, um Geld oder vielmehr Gold abzuheben."

Ich erzählte dem Kanadier, was ich am Vorabend gesehen hatte. Ned war wütend, dass er nicht ein paar Goldbarren erbeutet hatte, und war entschlossen, unseren Plan so schnell wie möglich umzusetzen.

"Und zwar heute Abend."

"Aber wir wissen doch gar nicht, wo wir inzwischen sind", entgegnete ich.

Gegen Mittag tauchten wir auf und von der Plattform war weit und breit nur Wasser zu sehen. Anhand der Karte im Salon stellte ich fest, dass wir nicht weit von der Insel Madeira entfernt waren, aber doch weit genug von jeglichem Festland.

Den Gedanken an Flucht musste Land vorerst aufgeben und ich war mehr als erleichtert, als er mich verließ.

Um 23 Uhr erhielt ich unerwarteten Besuch vom Kapitän, der mich zu einem, wie er sagte, ungewöhnlichen Ausflug einlud, der sehr anstrengend sein würde und uns an ein ganz bestimmtes Ziel brächte.

"Sie machen mich neugierig", sagte ich.

Wir zogen unsere Taucheranzüge über und setzten die Helme auf. Ich kam nicht einmal mehr dazu zu fragen, warum wir allein gingen, da öffnete sich bereits die Schleuse und wir sanken auf den Grund des Atlantiks in dreihundert Meter Tiefe.

Es war fast Mitternacht und stockdunkel. Wir hatten keine Lampen bei uns, aber Nemo deutete auf einen rötlichen Punkt, den ich ungefähr zwei Seemeilen von der Nautilus entfernt erkennen konnte. Es mutete an, wie ein unterseeisches Feuer und sorgte für eine Dämmerung, an die sich mein Auge schnell gewöhnte.

Unser Marsch ging abwechselnd durch felsiges und sumpfiges Gebiet und war sehr anstrengend. Wir erreichten eine Ebene und ich hatte das Gefühl, dass unter meinem Tritt morsche Knochen zersplitterten. Wo waren wir?

Das rötliche Flammenmeer am Horizont wurde immer größer und ich konnte mir nicht vorstellen, was es war. Hatte Nemo etwas damit zu tun? Hatte er etwa eine unterseeische Stadt erbaut? Bald erkannte ich, dass vor uns ein etwa zweihundertfünfzig Meter hoher Berg lag.

Nemo ging völlig sicher durch die Gänge, die von den Steinschichten am Boden vorgeschrieben wurden. Der Anstieg erforderte meine gesamten Kräfte, aber ich wurde reich belohnt. Unser Weg führte uns durch versunkene Wälder, in denen es von Langusten und Krebse nur so wimmelte.

Zwei Stunden nachdem wir von der Nautilus aufgebrochen waren, befanden wir uns nur dreißig Meter von der Spitze des Berges entfernt. Doch es ging noch weiter. Wir erreichten ein Hochplateau und nun sah ich endlich, was für ein Licht uns leuchtete.

Vor uns öffnete sich ein Schlund eines unterseeischen Kraters. Dieser Berg war ein Vulkan, der immer noch glühende Lavamassen aus seinem Innern schleuderte und das Meer meilenweit erleuchtete.

Auf den flach abfallenden Terrassen breiteten sich die Trümmer einer versunkenen Stadt aus. Eingestürzte Dächer, verfallene Tempel, zerbrochene Säulen und Reste von Hafenmauern - es mutete an, wie ein versunkenes Pompeji.

Wohin hatte Nemo mich gebracht? Er bückte sich, hob einen Stein auf und schrieb schwer leserlich an eine dunkle Wand: ATLANTIS

Mir fuhr es wie ein Blitz durch den Kopf. Es gab sie wirklich, die versunkene Stadt von der schon immer berichtet wird, aber an deren Existenz keiner der heutigen Wissenschaftler glaubte?

Ein verheerendes Erdbeben hatte den atlantischen Kontinent verschluckt und nur die höchsten Spitzen, Madeira, die Azoren, die Kanarischen und die Kapverdischen Inseln ragten noch hervor.

Nemo ließ mir sicherlich eine Stunde Zeit, die Eindrücke aufzusammeln. Erst als der Mondschein durchs Wasser drang, kehrten wir um. Im Morgengrauen erreichten wir die Nautilus und gingen schweigend in unsere Kabinen, um zu schlafen.