LABBÉ Verlag
Zzzebra - Das Web-Magazin für Kinder

Allerleirau

Es war einmal ein König, der hatte eine Gemahlin mit goldenen Haaren. Sie war so schön, dass sich keine andere Frau mit ihr messen konnte. Eines Tages fühlte sich die Königin sehr krank. Sie lag im Bett und glaubte sterben zu müssen. Da rief sie den König zu sich und sprach: "Wenn du dich nach meinem Tode wieder vermählen willst, so nimm eine Frau, die genauso schön ist wie ich. Auch ihr Haar soll so golden sein, wie das Meinige. Das musst du mir versprechen!" Der König versprach es, und die Königin machte ihre Augen für immer zu.

Der König war lange Zeit nicht zu trösten. Er dachte nicht einmal im Traum daran, sich eine zweite Frau zu nehmen. Die königlichen Ratgeber waren verzweifelt und sprachen: "Es geht nicht anders, der König muss sich wieder vermählen, damit wir auch eine Königin haben." Darum wurden Boten in alle Länder ausgeschickt, um eine Braut zu suchen, die sich an Schönheit mit der verstorbenen Königin messen konnte. Es fand sich aber keine Frau, und die Boten kehrten traurig an den Hof zurück.

Der König hatte aber eine Tochter, die ebenso schön wie ihre verstorbene Mutter war. Als sie heranwuchs, fiel es dem König plötzlich auf, das seine Tochter mit ihren goldenen Haaren der verstorbenen Mutter immer ähnlicher sah. Da entbrannte beim König eine heftige Liebe, und er sprach zu seinen Ratgebern: "Ich will meine Tochter heiraten. Sie ist das Ebenbild meiner verstorbenen Frau, und es ist euch nicht gelungen, eine andere Braut für mich zu finden."

Als die Ratgeber das hörten, erschraken sie und erwiderten: "Gott hat verboten, dass der Vater seine Tochter heiratet. Aus solch einer Sünde kann nichts Gutes entspringen, und das Reich wird mit ins Verderben gezogen."

§34

Kinder dürfen nicht missbraucht werden!
Erwachsene dürfen die Schwäche und das Vertrauen der Kinder nicht zu ihrem Vorteil ausnutzen. Dein Körper gehört dir. Niemand hat das Recht, dich zu berühren. Du kannst ablehnen, wenn Erwachsene dich länger drücken oder festhalten wollen, als du es möchtest. Solche Ekeltypen, wie der König hier, wären heute ein Fall für das Gericht.

Die Tochter vernahm den Entschluss ihres Vaters und war entsetzt, aber sie hoffte den König von seinem Vorhaben noch abzubringen zu können. Sie sagte zu ihm: "Bevor ich euren Wunsch erfülle, will ich erst ein Kleid zum Geschenk haben, das hell wie die Sterne leuchtet. Außerdem verlange ich einen prächtigen Mantel, der aus unzähligen Pelzen zusammengefügt ist. Und jedes Tier in eurem Reich muss ein Stück von seiner Haut dazu geben."

Die Königstochter glaubte nun, dass es nicht gelingen könne, diese Forderung zu erfüllen. Der König aber ließ nicht ab von seinem Plan, und die geschicktesten Jungfrauen im Reich mussten das Kleid weben. Auch schickte der König seine Jäger aus, denn sie sollten alle Pelztiere fangen und ihnen ein Stück von ihrer Haut abziehen. So geschah es, und ein prächtiger Mantel aus unzähligen Pelzstücken wurde gemacht. Als dann alles fertig war, breitete der König das Sternenkleid und den Pelzmantel vor seiner Tochter aus und rief: "Morgen soll die Hochzeit sein!" Die Königstochter sah nun ein, dass es keine Hoffnung gab, das Herz des Vaters zu bekehren. Voll Trauer fasste sie den Entschluss, das Schloss heimlich zu verlassen.

In der Nacht, als alle schliefen, stand sie auf und nahm ein kleines goldenes Spinnrädchen an sich. Das Kleid, das hell wie die Sterne leuchtete, tat sie in eine Nussschale. Dann streifte sie sich den Pelzmantel über und schwärzte Gesicht und Hände mit Ruß. So machte sich die Königstochter auf den Weg durch die Nacht, bis sie in einen großen Wald kam. Vom vielen Laufen ermüdet kletterte sie in einen hohlen Baum und schlief dort ein.

Die Sonne ging auf, doch die Königstochter schlief noch lange in den Tag. Da trug es sich zu, dass der König mit seinen Jagdgesellen in den Wald kam. Die königliche Hundemeute entdeckte auch bald den Baum, in dem die Entflohene schlief. Die Hunde schnupperten herum und bellten. Das hörte der König und rief seinen Jägern zu: "Schaut nach, welches Wild sich vor den Hunden versteckt!" Als die Jäger wiederkamen, sprachen sie: "In dem hohlen Baum liegt ein seltsames Tier, wie wir es noch nie gesehen haben. Seine Haut ist aus tausenderlei Pelz, und es liegt einfach nur da und schläft." Der König überlegte kurz und sprach: "Seht zu, ob ihr das Tier lebendig fangen könnt. Wenn es gelingt, dann bindet das Tier auf den Wagen und nehmt es mit."

Die Jäger machten sich leise an das seltsame Tier heran. Da erwachte die Königstochter und rief erschreckt: "Seid mir gnädig, ihr Herren! Ich bin nur ein armes Kind, von Vater und Mutter verlassen. Erbarmt euch meiner und nehmt mich mit!" Die Jäger zögerten nicht lange und sprachen: "Wir wollen dich Allerleirau nennen. Du bist gut für die Küche. Komm nur mit, dann kannst du bei uns die Asche zusammenkehren." Also setzten sie das Mädchen auf den Wagen und fuhren mit ihr heim in das königliche Schloss. Dort zeigten sie ihr ein Eckchen unter der Treppe, wo kein Tageslicht hinkam, und sie sagten: "Rautierchen, hier kannst du wohnen und schlafen." Dann schickten die Jäger Allerleirau in die Küche, wo sie Holz und Wasser trug, das Feuer schürte, das Federvieh rupfte und die Asche zusammenkehrte.

So lebte Allerleirau nun lange Zeit recht armselig. Eines Tages geschah es aber, dass ein Fest im Schloss gefeiert wurde. Da fragte Allerleirau den Koch: "Darf ich ein wenig hinaufgehen und zusehen? Ich werde mich nur außen vor die Türe stellen." Der Koch antwortete: "Geh nur, aber in einer halben Stunde musst du wieder hier sein. Und koch dem König seine Suppe, denn ich will beim Fest auch etwas zuschauen!"

Allerleirau nahm sich ein Öllämpchen, ging in ihr dunkles Eckchen unter der Treppe und zog den Pelzrock aus. Dann wusch sie sich von Kopf bis Fuß, worauf ihre ganze Schönheit wieder zu Tage trat. Jetzt öffnete sie ihre Nussschale und holte das Kleid heraus. Kaum war das geschehen, ging sie auch schon zum Fest hinauf, und alle traten ihr sehr höflich entgegen. Niemand erkannte, dass sie die vermisste Königstochter war. Der König selbst aber reichte ihr die Hand und führte sie zum Tanze.

Kaum war der Tanz zu Ende, wollte der König sie an den Händen festhalten. Allerleirau riss sich los und sprang geschwind unter die Leute. Sie lief, was sie konnte, in ihr Eckchen unter der Treppe. Doch sie war schon zu lange weg gewesen und konnte darum das Kleid nicht mehr ausziehen. In ihrer Not warf sie sich den Pelzmantel über und schwärzte sich Gesicht und Hände. In der hastigen Eile blieb aber ein Finger ganz weiß.

Allerleirau lief nun in die Küche, kochte dem König eine Brotsuppe und legte heimlich das kleine goldene Spinnrädchen hinein. Dieses fand der König auf dem Grunde seines Tellers und ließ den Koch zu sich rufen. Der Koch sah sich schon im Kerker schmachten, als er den Befehl bekam. Er sprach zu Allerleirau: "Bestimmt hast du ein Haar in die Suppe fallen lassen. Wenn das wahr ist, dann kriegst du ordentlich Schläge!"

Als der Koch nun vor den König stand, fragte dieser, wer denn die Suppe gekocht hätte. Der Koch sagte: "Ich habe sie gekocht." "Das ist nicht wahr", rief der König, "denn die Suppe war viel besser als sonst!" Der Koch zuckte zusammen und sprach mit zitternder Stimme: "Ich gestehe es. Die Suppe hat das Rautierchen gemacht." Der König war nicht wenig überrascht und ließ dieses seltsame Wesen zu sich führen.

Voller Misstrauen schaute der König sie an und erblickte den weißen Finger. Da ergriff der König ihre Hand und hielt sie fest. Allerleirau wehrte sich, worauf sich der Pelzmantel ein wenig öffnete. Der König aber packte den Mantel mit fester Hand und riss ihn ihr vom Leib. Da stand sie nun in ihrem leuchtenden Sternenkleid. Und als die Königstochter ihr Gesicht vom Schmutz befreit hatte, erstrahlte ihre Schönheit wieder in vollstem Glanze. Der König aber rief: "Du sollst jetzt endlich meine Braut sein."

Die Königstochter schaute ihn nur mit Tränen in den Augen an. Sie wusste, dass sie ihren Vater für immer verloren hatte.

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