LABBÉ Verlag
Zzzebra - Das Web-Magazin für Kinder

Der Messerprinz

Der Zar und die Zarin hatten sich viele Jahre lang ein Kind gewünscht, aber keines bekommen. Die Zarin weinte jedes Mal, wenn sie Kinder auf der Straße spielen sah. Das sah ein alter Mann mit weißem Barte und sprach: "Ehrwürdige Zarin, warum habt ihr Tränen in den Augen?" "Gott hat den ärmsten Leuten Kinder gegeben", sprach die Zarin. "Nur ich habe keine Kinder, obwohl ich sie mit Leichtigkeit ernähren und kleiden könnte."

Da sagte der Alte: "Ich kann dir wohl ein Kind verschaffen, wenn du mir gelobst, dass nur ich den Namen des Kindes bestimmen darf." Die Zarin zögerte nicht lange und sagte zu. Darauf gab der Alte ihr einen Apfel und sprach: "Eine Hälfte musst du selber essen, die andere gibst du dem Zaren." So geschah es, und nach neun Monaten brachte die Zarin einen kräftigen Knaben zur Welt.

Bis zu seinem zehnten Lebensjahr bekam der Junge keinen Namen und wurde ein gefürchteter Teufelskerl. Wenn er Kinder auf dem Schulweg traf, schlug er sie oft wahllos nieder. Auch jagte er immerzu die Rinder auseinander, die friedlich auf den Weiden grasten. Da beklagten sich die Hirten bitterlich beim Zaren, worauf dieser seinen Jungen fragte: "Mein Sohn, warum vergreifst du dich so hinterlistig an Mensch und Tier?" "Vater", erwiderte der Junge, "ich lebe hier wie ein Fremder, bin ich doch nur als Namenloser bekannt. Die Kinder hänseln mich sogar, weil ich noch keinen Namen trage. Und es geschieht nichts, woran ich mich beweisen könnte. Ich will fort in die Welt, um mir einen Namen zu machen." Der Zar aber verbot es ihm.

Da ging der Junge zur Zarin und sprach: "Mutter, warum habe ich keinen Namen, wie jeder Andere auch?" Die Zarin nahm ihren Sohn an die Hand und ging mit ihm zum Zaren. Dort erzählte sie von dem Apfel und dem Versprechen, das sie einst dem alten Mann gegeben hatte. Der Zar sprach: "Es ist eine Sünde, eine Versprechen nicht zu halten. Holt mir den alten Mann herbei."

§7

Alle Kinder haben das Recht auf einen Namen!
Mit deiner Geburt erhältst du einen Vornamen, einen Familiennamen und eine Staatsangehörigkeit. Damit wird festgelegt, wer du bist, wer deine Eltern sind und zu welchem Staat du gehörst. Du kannst also mit niemandem verwechselt werden.

Schon am folgenden Abend versammelte sich der ganze Hofadel, denn das Zarenpaar wollte nun endlich den Namen ihres Sohnes verkünden. Unter den Gästen war auch der alte Mann, der sich zum Entsetzen aller an die Seite der Zarin stellte. Er sprach: "Gebt mir ein leeres Gemach und bringt mir das Kind so, wie es die Mutter geboren hat." Der Zar nickte zustimmend, worauf die Diener den nackten Jungen zu dem Alten brachten. Der Alte aber kleidete den Jungen in goldene Gewänder und stach ihm ein spitzes Messer in das rechte Bein. "Deine Name ist jetzt Messerprinz", sprach der Alte. "Wenn dir jemand das Messer herauszieht, musst du sterben. Ziehst du es selber heraus, stirbst du nicht. Und wenn du das Messer schleuderst, kann dir nichts widerstehen." Dann ging der Alte einfach davon.

Der Zar schickte seinen Jungen aufs Neue in die Schule, doch es blieb alles wie zuvor. Der Übermut war dem Jungen zu Kopfe gestiegen und entlud sich in Wutausbrüchen an anderen Kindern. So blieb der Junge auch weiterhin ein Fremder, und er bat seinen Vater, ihm einen Sack voll Gold zu geben. Der Zar aber wusste keinen Rat und ließ ihn schließlich in Frieden ziehen.

Der Junge war schon viele Tage unterwegs, da begegnete ihm ein kräftiger Bursche. Keiner wollte dem anderen den Weg frei machen, also rangen sie drei Tage und Nächte miteinander. Am Ende sagte der Messerprinz: "Komm, lass uns Freunde sein und sage mir, ob du neben deiner Kraft auch noch andere Dinge kannst." Der Bursche sagte, er sei der Klügste auf der ganzen Welt.

Am anderen Tag gesellte sich ein weiterer Bursche zu den beiden. Der Messerprinz fragte ihn, ob auch er etwas besonderes könne. "Ja", sprach dieser, "ich kann das Wasser im Meer bis auf den Grund zerteilen." "Dann passen wir gut zueinander!", rief der Messerprinz. "Ich habe nämlich ein Messer im rechten Bein. Wenn mir das einer herauszieht, muss ich sterben. Zieh ich es aber selbst heraus, sterbe ich nicht. Und wenn ich es schleudere, kann mir nichts widerstehen." Da beschlossen sie, zu Dritt in die Welt zu ziehen.

Nach vielen Tagen kamen sie an eine Weggabel, wo ein Stein mit Inschrift lag:

"Wer diesen Weg geht, kehrt zurück,
Wer jenen geht, kehrt nicht zurück."

Da sprach der Messerprinz: "Ich will den Weg gehen, wo man nicht zurückkehrt. So wird jeder erkennen, dass ich ein wahrer Held bin." Das tat er auch, und ließ die beiden Gefährten an der Weggabel stehen. Schon bald kreuzten drei riesige Wölfe seinen Weg, doch er konnte sie mit seiner großen Keule erschlagen. Dann ging er weiter und kam in einen düsteren Wald. Plötzlich trat ein wilder Bär aus dem Dickicht und stellte sich baumhoch auf die Hinterbeine. Der Messerprinz dachte: "Ich will lieber mein Messer nach ihm werfen. Ein so großes Tier ist mit der Keule nicht zu bezwingen." Der Messerprinz zog also das Messer aus seinem Bein und warf es dem Bären mitten ins Herz. Der Bär stürzte tot nieder, und im gleichen Augenblick wuchs ein Palast mit fünfzig Stuben empor.

Der Messerprinz betrat den Palast und ging von Stube zu Stube. Neunundvierzig Türen waren verschlossen, aber die letzte Tür ließ sich öffnen. Er trat ein und fand ein Mädchen, das dort in einem Bettchen schlief. Sie wachte auf und rief: "Geh fort, Jüngling! Ein mörderischer Bär treibt im Wald sein Unwesen." "Sei unbesorgt", sprach der Messerprinz, "ich habe den Bären schon zur Hölle geschickt. Er wird jetzt Niemandem mehr schaden."

Nicht weit vom Palast war aber einen großes Meer, auf dem ein Schiff gefahren kam. Das Mädchen sah es zuerst und rief: "Die Schiffsleute sind gekommen, um mich zu verschleppen!" Der Messerprinz beruhigte sie und sprach: "Sei unbesorgt, ich werde mit diesen Gesellen schon fertig werden. Kaum waren die Ersten an Land gesprungen, da ließ der Messerprinz wieder seine Keule kreisen. Schon bald lagen drei Schiffsleute niedergestreckt im Sand, worauf die Anderen wild die Flucht ergriffen.

Die besiegten Schiffsleute fuhren sogleich zum Zaren und erzählten, was ihnen widerfahren war. Das hörte ein altes Weib. Sie lachte nur und sprach: "Wenn es sich um einen Jüngling handelt, dann werde ich ihn schon überlisten. Legt mich in eine Kiste und bringt mich zu dem Palast. Sobald ich den Jüngling überlistet habe, stecke ich ein rotes Tüchlein als Fahne auf, damit die Schiffsleute mich holen kommen."

Wenige Tage später ging der Messerprinz mit dem Mädchen am Meeresstrand entlang, da sahen sie plötzlich eine große Kiste. Der Messerprinz rief vergnügt: "Schau zu, wie ich die Kiste ins Meer zurückschleudere." "Tu es nicht", erwiderte das Mädchen, "vielleicht sind nützliche Dinge darin. Wir wollen lieber erst nachschauen." Sie öffneten die Kiste und ein altes Weib kroch daraus hervor. Das Mädchen überlegte kurz und sprach: "Wir können sie mit nach Hause nehmen, dann wird sie für uns kochen." Der Messerprinz aber sagte: "Nein, ich werde sie dahin zurückschleudern, wo sie hergekommen ist."

Nun mischte sich die Alte ein und fragte: "Was für eine Heldenkraft hat dein Mann, wenn er so etwas vermag? "Ich weiß es nicht", antwortete das Mädchen. Die Alte kicherte und sprach: "Oh, oh, wenn er das nicht erzählt, dann wird er dich auch nicht lieben." Das Mädchen war jetzt tief erschreckt und nahm den Messerprinz beiseite. Leise fragte sie: "Was für eine Heldenkraft hast du denn?" Er antwortete: "Ich habe ein Messer im rechten Bein. Wenn mir das jemand herauszieht, muss ich sterben. Wenn ich es aber selber herausziehe, dann sterbe ich nicht und kann damit jeden Feind bezwingen." Darauf gingen sie alle zum Palast. Kaum war der Messerprinz aber in seinem Gemach verschwunden, da erzählte das Mädchen voller Stolz der Alten, was sie erfahren hatte.

Am Abend klagte und jammerte die Alte zum Erbarmen, als hätte eine schwere Krankheit sie erfasst. Das Mädchen war besorgt und sprach: "Wir wollen die Alte zu uns in die Stube nehmen, damit sie nicht einsam sterben muss." Der Messerprinz wehrte sich zunächst, aber am Ende ließ er es doch geschehen. Als das junge Paar eingeschlafen war, stand die Alte heimlich auf und zog das Messer aus dem Bein, sodass der Messerprinz gleich starb. Dann schlich die Alte zum höchsten Turm hinauf, wo sie das rote Tüchlein als Fahne hisste. Die Schiffsleute sahen es im Morgengrauen und holten die Alte zusammen mit dem Mädchen.

Die beiden Gefährten, die der Messerprinz vor Tagen an der Weggabel zurückgelassen hatte, überlegten noch lange, was sie tun sollten. Die Inschrift war ihnen unheimlich, darum lasen sie die Worte wieder und wieder:

"Wer diesen Weg geht, kehrt zurück,
Wer jenen geht, kehrt nicht zurück."

So verging die Zeit, bis sie endlich mutig dem Messerprinz auf seinem Weg folgten. Zuerst fanden sie die drei erschlagenen Wölfe, dann den Bären und schließlich auch den Palast. Sie gingen hinein und durchsuchten alle Gemächer, bis sie den toten Körper des Messerprinzen fanden. Der eine Gefährte, der behauptete, er sei der Klügste auf der ganzen Welt, sprach zu dem anderen Gefährdeten: "Teile das Meer bis auf den Grund. Vielleicht werden wir dort etwas zur Rettung des Prinzen finden." Der andere Gefährte tat es, und sie fanden das Messer. Die Alte hatte es auf dem Schiff ins Meer geworfen, um es für immer zu versenken.

Geschwind kehrten sie zurück und steckten es wieder in das Bein. Da erwachte der Messerprinz und bat seine Kameraden, ihn zu begleiten. Der Messerprinz wusste nämlich von dem Mädchen, dass der Zar hinter allem steckte. Darum gingen die drei Gefährten gemeinsam zum Zarenschloss. Kaum waren sie dort angekommen, sahen sie im Hof auch schon das alte Weib herumgehen. Der Messerprinz packte sie beim Kragen und warf sie im hohen Bogen zum Tor hinaus. Dann trat er vor den Zaren, der mit Schrecken seinen Sohn erkannte. Nun forderte der Messerprinz das Mädchen zurück und ließ sich zwei Beutel Gold für seine Gefährten geben. Sie nahmen es in Freundschaft und machten sich wieder auf den Weg. Das Mädchen aber wurde die Gemahlin des Messerprinzen und schon bald auch die neue Zarin.

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