LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Clunys Käfig

Wir kletterten einen felsigen Berghang hinauf und gelangten oben an das seltsame Haus, das in der Gegend als Clunys Käfig bekannt war. Mehrere Baumstämme waren durch Flechtwerk verbunden, die Zwischenräume mit Stützpfählen verstärkt. Den Raum hinter diesem Wall hatte man mit Erde aufgefüllt, so dass ein ebener Fußboden entstand. Ein Baum, der aus dem Abhang heraus wuchs, war der Mittelbalken des Daches. Die Wände bestanden aus Weidengeflecht und waren mit Moos bedeckt.

Dieses Gebäude war innen groß genug, um fünf bis sechs Menschen einigermaßen bequem Unterkunft zu gewähren. Ein Felsvorsprung war geschickt zu einer Feuerstelle geworden. Der Rauch stieg an der Felswand empor, und da er die gleiche Farbe wie sie hatte, war er schwer zu erkennen.

Dies war nur eins von Clunys Verstecken. Er hatte außerdem noch Höhlen und unterirdische Räume in verschiedenen Teilen seiner Heimat. Auf die Berichte seiner Kundschafter hin wechselte er seinen Aufenthalt, je nachdem, wo die Soldaten waren. So lebte er in relativer Sicherheit, während viele seiner Leute ergriffen oder getötet wurden.

Als wir an die Tür kamen, saß er neben seinem Felskamin und sah einem der Knechte zu, der dort etwas kochte. Er war sehr einfach gekleidet und rauchte eine übel riechende Stummelpfeife. Als wir eintraten, erhob er sich und hieß uns willkommen.

"Hallo, Mister Stuart, kommt herein, Sir!", begann er, "und bringt mir Euren Freund, dessen Namen ich noch nicht kenne, mit!"

"Wie geht es Euch selbst, Cluny?", entgegnete Alan. "Ich hoffe vortrefflich. Stolz bin ich, Euch zu sehen und Euch meinen Freund vorzustellen: Das ist Laird von Shaws, Mister David Balfour."

"Tretet ein, Gentlemen", sagte Cluny, "seid beide willkommen in meinem Hause, das etwas ungewöhnlich ist. Trinken wir ein Schnäpschen auf unser Glück! Sobald die Schnitzel fertig sind, wollen wir essen. Dann spielen wir Karten, wie es sich für Edelleute gehört. Mein Leben verläuft sonst etwas eintönig, ich habe wenig Gesellschaft."

Wir stießen an und tranken. Kaum hatte ich den Schnaps hinuntergeschluckt, fühlte ich mich schon bedeutend wohler. Ja, es war ein ungewöhnlicher Platz und ein ungewöhnlicher Wirt! Zuweilen besuchte er unter dem Schutz der Nacht seine Frau und einen oder zwei seiner nächsten Freunde, aber die meiste Zeit hauste er hier nur mit seinen Knechten, die ihn im Käfig bedienten. Sie informierten ihn auch über die Neuigkeiten in der Umgebung. Geriet er in Zorn, zitterten die Knechte vor ihm.

Hier hatte ich die Gelegenheit, einiges aus dem Leben eines Hochlandclans zu lernen, und zwar bei einem geächteten, flüchtigen Häuptling, dessen Gebiet von den Gegnern besetzt war, der von den Truppen gesucht wurde, die oft kaum eine Meile von seinem Versteck entfernt waren. Das alles geschah zu einer Zeit, da jeder der zerlumpten Burschen, die er dauernd ausschimpfte und bedrohte, ihn hätte verraten können und damit ein Vermögen hätte erwerben können.

Kaum hatten wir gegessen, brachte Cluny einen Packen alter, abgegriffener, schmutziger Karten hervor, und seine Augen glänzten, als er vorschlug, nun zum Spiel überzugehen.

Kartenspielen war eins der Dinge, die man mich zu meiden gelehrt hatte wie die Pest. Das sagte ich auch, worauf Cluny ärgerlich reagierte und fast mit Alan in Streit über mich geraten wäre. Schließlich zog ich mich zum Schlafen zurück. Cluny zeigte mir dazu ein Bett aus Heidekraut in einer Ecke des Käfigs.

Eine eigentümliche Schwere war vom Branntwein und dem Essen über mich gekommen, und ich hatte mich kaum auf das Bett niedergelegt, da fiel ich schon in einen Zustand des Halbschlafs, in dem ich dann fast die ganze Zeit unseres Aufenthaltes im Käfig verharrte. Ich bekam kaum mit, was um mich herum geschah.

Der Barbierknecht, der jeden Morgen Cluny rasierte, war zugleich der Arzt. Er wurde gerufen, um mich zu behandeln, aber da er gälisch sprach, verstand ich kein Wort von dem, was er sagte. Mir war auch zu elend, um mir die Worte übersetzen zu lassen. Ich wusste aber, dass ich krank war. Ich gab auf nichts mehr acht, während ich so elend herumlag.

Alan und Cluny spielten dauernd Karten. Einmal sah ich, wie vor ihnen auf dem Tisch ein großer glitzernder Haufen von vielleicht sechzig bis hundert Guineen lag.

Am zweiten Tag wurde ich wie gewöhnlich zur Mahlzeit geweckt, und wie gewöhnlich mochte ich nichts essen. Stattdessen bekam ich einen Schnaps mit irgendetwas Bitterem. Cluny saß mit den Karten am Tisch. Alan hatte sich über mein Bett gebeugt. Scheinbar schien das Spiel bei ihm nicht gut zu laufen, denn er bat mich, ich solle ihm mein Geld leihen.

"Wozu?", fragte ich.

"Ach, nur so als Anleihe", meinte er.

"Aber wozu?", wiederholte ich. "Ich verstehe nicht, was das soll."

"Aber David", sagte er nun, "du wirst mir doch ein kleines Darlehen nicht verweigern?"

Wäre ich ganz bei Sinnen gewesen, hätte ich das sicher getan, doch in diesem Augenblick wollte ich nur meine Ruhe haben und händigte ihm mein Geld aus.

Als ich am Morgen des dritten Tages aufwachte, fühlte ich mich viel besser, zwar noch immer schwach und müde, aber wieder mit Interesse an meiner Umgebung und mit Hunger.

Kundschafter brachten die neuesten Nachrichten. Cluny sagte zu mir: "Mein Kundschafter berichtet, dass der Süden unbewacht ist. Deshalb die Frage: Seid Ihr kräftig genug wieder loszuziehen?"

Ich sah die Karten auf dem Tisch, aber kein Geld. Nur ein Haufen beschriebener Zettelchen lag da und alle auf Clunys Seite. Zudem blickte Alan seltsam finster und unzufrieden drein. Eine schlimme Vermutung stieg in mir auf.

"Ich weiß nicht, ob ich kräftig genug bin", entgegnete ich und blickte Alan dabei an. "Das bisschen Geld, das wir haben, muss ja für einen langen Weg reichen."

Alan biss sich auf die Lippen und sah zu Boden.

"David", sagte er, "die nackte Wahrheit ist, dass ich es verloren habe, deins und meins! Du hättest mir deins nicht geben dürfen. Ich bin völlig verrückt, wenn ich Karten anrühre!"

"Dummes Zeug!", mischte sich Cluny ein. "Das ist alles Unsinn! Vollkommener Blödsinn! Selbstverständlich sollt Ihr Euer Geld wieder haben und die doppelte Summe dazu! Das wäre ein sonderbares Ding, wenn ich es behalten sollte! Nein, Edelleute, Ihr sollt keinen Nachteil erleiden!" Dabei begann er, Goldstücke aus der Tasche zu ziehen.

Alan sprach kein Wort. Noch immer blickte er zu Boden.





Der Klassiker ENTFÜHRT ODER DIE ABENTEUER DES DAVID BELFOURS von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustration stammt von William Boucher.

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